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Hintergrund | | von Holger Twele

Das Prinzip Hoffnung

Filmvergleich: Wie wird für Kinder und wie für Jugendliche erzählt?

Ein ähnliches Setting, eine ähnliche Figurenkonstellation, einmal gedreht als Kinderfilm, einmal als Jugendfilm: Im Wettbewerb Generation Kplus der Berlinale wurde 2023 „Zeevonk/Meeresleuchten“ präsentiert, im Wettbewerb Generation 14plus „Sica“. Beide Filme regen zu einem Vergleich an, wie mit Themen wie Verlust und Trauerarbeit umgegangen wird und wie die Macher*innen dabei für ihre angestrebte Zielgruppe erzählen.

Filmstill aus Sica
"Sica" (c) Mario Llorca

Die Sektion Generation der Berlinale steht explizit auch dafür, Entwicklungen und Grenzüberschreitungen des Kinder- und Jugendfilms zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Eher selten kommt es vor, dass ein ganz ähnlich gelagertes Thema sowohl in einem Film der Reihe Kplus als auch der Reihe 14plus aufgegriffen wird. Das macht es reizvoll, einmal genauer zu betrachten, worin die Unterschiede liegen, ob es klare Grenzen zwischen den Zielgruppenbereichen gibt oder die Zuordnung mehr dem Zufall beziehungsweise der Entscheidung der Programmmacher*innen überlassen bleibt.

Sowohl im niederländischen Film „Zeevonk/Meeresleuchten“ von Domien Huyghe (Jg. 1988) bei Kplus als auch im spanischen Wettbewerbsbeitrag „Sica“ von Carla Subirana (Jg. 1972) bei 14plus geht es um die Trauerarbeit eines Mädchens nach dem Verlust des Vaters, der als Fischer auf hoher See nicht mehr zurückgekommen ist. In beiden Fällen ist der Vater übrigens als liebevolle Figur gezeichnet, die in Rückblenden viel Zeit mit Lena beziehungsweise mit Sica verbracht hat, wodurch eine sehr enge Vater-Tochter-Beziehung entstanden ist. Und in beiden Fällen keimt der Verdacht auf, dass der geliebte Vater eine Mitschuld am Unglück haben und andere Menschen auf dem Fischerboot mit in den Tod gerissen haben könnte. In mehrfacher Hinsicht also ein nicht ganz einfaches Thema.

Der Handlungsort und die Naturgewalten

Im ersten Fall ist der Handlungsort die Nordsee vor den Niederlanden, im anderen der Atlantik mit der sogenannten Todesküste in Galizien im Nordwesten von Spanien. Die Wahl der Handlungsorte ist das deutlichste Unterscheidungsmerkmal der beiden Filme, denn es hat großen Einfluss auf die Dramaturgie und die Visualisierung des Films. Das Meer in „Meeresleuchten“ hat über weite Strecken nichts unmittelbar Bedrohliches an sich, man fühlt sich eher an einen Badeurlaub erinnert, entsprechend sommerlich ist die Bekleidung von Lena und ihrem Freund. Ganz anders bei „Sica“, die sich mit Pullover und Anorak vor dem Wind und der Kälte schützen muss. An der wildromantischen schroffen Steilküste bricht sich das tobende Meer, das bereits über 600 Schiffswracks verschlungen hat. Es sind faszinierende Naturaufnahmen, die nie einen Zweifel aufkommen lassen, dass dieses Meer schnell zur tödlichen Gefahr werden kann, ganz konkret für die Fischer und generell auch für die Menschen, die sich dieser Küste nähern.

Das Alter der Potagonist*innen

Einen ersten wichtigen Hinweis auf die Alterseignung eines Film hat das Alter der Protagonist*innen. Für sich allein gesehen ist es untauglich, denn es gibt genügend Filme mit Kindern in wichtigen Rollen, die für Kinder nicht nur aus jugendschutzrelevanten Gründen völlig ungeeignet sind. Lena wird im Presseheft als Teenager beschrieben und dürfte zwischen zwölf und 14 Jahre alt sein. Sica ist 14 Jahre alt, wirkt im Film sogar noch etwas älter. Es ist daher nicht das Alter, in dem sich beide Mädchen deutlich unterscheiden, sondern ihr Umgang mit der Realität, die bedingt mit der persönlichen Reife und der Art ihrer Wahrnehmung zu tun hat. Eine Rolle spielt sicher auch, dass Lena zwei Geschwister hat, darunter einen älteren Bruder, Sica jedoch Einzelkind ist

Filmstill aus Zeevonk
"Zeevonk" (c) Aaron Lapeirre

Bezüge zur Alltagsrealität

Beide Filme bringen ausführlich zur Sprache, dass durch den ungeklärten Tod des Vaters, der möglicherweise nur verschollen sein könnte, oder durch seine Mitschuld am Unglück die finanzielle Zukunft der Familie gefährdet ist, falls die Versicherung aus diesem Grund nicht zahlt. Bei Sica und ihrer Mutter kommt noch hinzu, dass eine weitere Familie von diesem Problem unmittelbar betroffen ist und auf diese Weise Verdachtsmomente, Neid und Missgunst entstehen.

Darüber hinaus weiten beide Filme den Horizont auf ökologische Fragestellungen. Lena erfährt durch ihren Freund Vincent, der in seiner Freizeit in einem Meeresaquarium tätig ist, eine Menge über die Lebensbedingungen im Meer, wobei bisher nur schätzungsweise zehn Prozent dieser Tiere bekannt sind. Bei Sica, die sich ebenfalls mit einem in ökologischen Dingen und speziell im Klimawandel erfahrenen Jungen namens Suso anfreundet, der sich als „Sturmjäger“ bezeichnet, erhalten solche Informationen eine völlig andere Dimension. Sie erfährt, dass die örtlichen Fischer durch permanente Überfischung schon lange in ihrer Existenz bedroht sind und sieht eine TV-Sendung über den Klimawandel plötzlich mit anderen Augen. Sie beobachtet genau, wobei ihr kritisches Bewusstsein geschärft wird, das bei Lena buchstäblich noch in den Kinderschuhen steckt.

Trauerarbeit und Verarbeitungsstrategien

Bei der Darstellung der Trauerarbeit kommt es nicht nur auf das „wie“, sondern mindestens genauso auf die unterschiedlichen Intentionen der beiden Filmschaffenden an, die zudem unterschiedliche Altersgruppen ansprechen wollten.

Domien Huyghe lag besonders am Herzen, einem jungen Publikum zu zeigen, dass selbst der schwere Verlust eines geliebten Menschen überwunden werden kann. Er verband seine Geschichte daher mit einem Hauch von Abenteuer, Magie, Humor und Freundschaft. Lena ist fest davon überzeugt, dass ihr Vater unschuldig ist und ein Monster aus der Tiefsee für seinen Tod verantwortlich gewesen sein muss. Sie flüchtet sich in eine imaginäre Welt, die ihr Schutz und Trost bietet und für sie vollkommen real ist. Dabei riskiert sie auf der Suche nach diesem Monster sogar ihr Leben, wobei es jedem überlassen bleibt, ob diese Begegnung wirklich real war oder nur in ihrem Kopf stattfand.

Ganz andere Absichten verfolgte Carla Subirana mit ihrem Film, der in einem Subtext unablässig und mit vielen Andeutungen davon erzählt, dass die Natur aus dem Gleichgewicht geraten ist. Sica und ihre Suche nach dem Vater stehen also stellvertretend dafür, wie diese Entwicklung wieder rückgängig gemacht werden kann. Daher lassen sich die Filme nur bedingt miteinander vergleichen. Aber dem Prinzip Hoffnung sind beide verpflichtet.

Zeevonk/Meeresleuchten/Sea Sparkle

Belgien, Niederlande 2023, 98 Min. Regie: Domien Huyghe. Drehbuch: Jean-Claude van Rijckeghem, Wendy Huyghe, nach einer Geschichte von Wendy Huyghe und Domien Huyghe. Produktion: A Private View, Nukleus film, Viking Film. Darsteller*innen: Saar Rogiers (Lena), Hilde De Baerdemaeker (Christine), Valentijn Dhaenens (Antoine), Sverre Rous (Vincent), Dunia Elwaleed (Kaz) u. a.

Sica

Spanien 2023, 90 Min. Buch und Regie: Carla Subirana. Produktion: Alba Sotorra, Miramemira, ZuZú Cinema, Amorambre Films, Filmmarket Fund. Darsteller*innen: Thais García Blanco (Sica), Núria Prims (Carmen), Marco Antonio Florido Añón (Suso) u. a.

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