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Berts Katastrophen

Im Kino: Ein schräger Tagebuch-Film, in dem das Teenagerleben nur aus Katastrophen besteht.

Jungs schreiben keine Tagebücher, das ist Mädchenkram. Bert allerdings erfüllt dieses Rollenklischee nicht – und hält sein Tagebuch genau deshalb streng geheim. Denn Bert ist vor allem cool. Jetzt, da er an einer neuen Schule in die siebte Klasse kommt, hat er sein altes Ich begraben und es beginnt ein neuer Lebensabschnitt als pubertierender Jugendlicher.

Dieser Wandel wird ganz bildlich in der Eingangssequenz des Films verdeutlicht. Auf einem Friedhof sehen wir Berts Grabstein, darauf sein altes Ego verewigt, und aus dem Off hören wir seine Stimme, die uns erklärt, was jetzt als Teenager angesagt ist. Dieser sehr schräge Aufmacher setzt die Tonalität des Films – feine Ironie, immer knapp am Klamauk vorbei. Das funktioniert ganz wunderbar, weil der coole Bert so gar nicht cool aussieht. Er ist schmächtig und mit seiner großen Brille wirkt er eher verletzlich. Unsicher ist er aber nur, wenn der fiese Schulkamerad es mal wieder auf ihn abgesehen hat. Ansonsten kommt Bert mit seinen Freunden Lill-Erik und Åke aus der alten Schule gut mit den neuen Herausforderungen zurecht. Die beiden bilden zwei Seiten einer Medaille: Einer ganz klein und immer adrett gekleidet, der andere groß, kräftig und ein klassischer Computernerd, der all sein Wissen aus dem Internet bezieht.

Berts Katastrophen beginnen, als er sich in Leila, das It-Girl der Schule verliebt, die zwei Jahrgänge über ihm und nicht nur eine coole Basketballspielerin ist, sondern auch von großen Werbeplakaten für Joghurt auf die Stadt herunterblickt. Wie praktisch, dass ihre jüngere Schwester Amira in seine Klasse geht. So kann Bert sich mit Amira anfreunden und Leila ganz nahe sein. Die Verwechslungsszenarien, Lügen und Dramen nehmen ihren Lauf. Warum treffen sie sich immer nur bei Amira, nie aber bei Bert? Was macht Bert in Leilas Zimmer und wem gehört das Tagebuch, das im Badezimmer versteckt ist?

„Berts Katastrophen“ ist eine bekannte schwedische Jugendbuchreihe aus den 1980er- und 1990er-Jahren, die den beliebten Topos Tagebuch bedient. Innere Monologe, geheime Wünsche und peinlichste Erlebnisse lassen ein großes Publikum an den Gedanken der Verfasser*innen teilhaben. Nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren auch die erfolgreichen Adaptionen „Gregs Tagebuch 1-4‟ von Thor Freudenthal und Dawid Bowers (2010 bis 2017) oder „Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo“ von Neele Leana Vollmar (2019).

Regisseur Michael Lindgren gelingt der Spagat zwischen ernsthaftem Interesse an seiner Figur und ihrem Scheitern nicht immer. Manchmal bleibt er in oberflächlichen Schilderungen stecken, weil wir Bert nie in seinem normalen Alltag erleben, sondern immer nur im Katastrophenmodus. Aber stets bleiben wir auf Berts Seite, auch wenn er so manche unfaire Aktion lostritt. Das andere Personal ist noch undifferenzierter gezeichnet und folgt Stereotypen, die für witziges Tohuwabohu sorgen. Auch die Eltern sind lediglich mit wenigen Eigenschaften ausgestattet und alle Erwachsenen im Grunde unglaublich peinlich – so, wie man das als Teenager oft empfindet und dadurch in Rage gebracht wird: Der übervorsichtige Papa, der seinem Sohn eine Trillerpfeife umhängt, für den Fall, dass etwas Unvorhergesehenes geschieht. Der Vater, der ausschließlich gesund kocht. Die Mutter, die ständig Kopfhörer trägt und nichts mitbekommt. Das Leben Jugendlicher kann ganz furchtbar und im gleichen Augenblick auch richtig aufregend sein. Die Siebtklässler müssen endlich lernen, allein zurechtzukommen – und sollte Bert sich einmal ratsuchend an seine Oma wenden, schläft sie ein.

Eine tiefergehende Charakterisierung der Hauptfigur hätte die Fallhöhe gesteigert, aus der Bert schließlich auf den realen Pflastersteinen des Schulhofs aufschlägt. So aber bleibt er zu undifferenziert ausgeleuchtet und man leidet nicht wirklich mit ihm mit, wenn die vorerst letzte seiner Katastrophe ihren Höhepunkt erreicht. 15 Bände in Tagebuchform von Bert gibt es mittlerweile sowie eine schwedische TV-Serie. Weil die Bücher mit dem Helden mitwachsen, ist davon auszugehen, dass dies nicht der letzte Film gewesen sein wird, der Bert und dessen Katastrophen beschreibt.

Katrin Hoffmann

 

© Der Filmverleih
8+
Spielfilm

Berts dagbok - Schweden 2020, Regie: Michael Lindgren, Kinostart: 02.09.2021, FSK: ab , Empfehlung: ab 8 Jahren, Laufzeit: 89 Min. Buch: Tapio Leopold, nach den Büchern von Anders Jacobsson, Sören Olsson. Kamera: Erik Vallsten. Musik: Markus Bergkvist. Schnitt: Joakim Tessert-Ekström. Produzentinnen: Anna Anthony, Rebecka Lafrenz. Produktion: FLX. Verleih: Der Filmverleih. Darsteller*innen: Hugo Krajcik (Bert), Julia Pirzadeh (Amira), Frank Dorsin (Åke), Yussra El Abdouni (Leila), Arvid Bergelv (Lill-Erik) u. a.

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