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Mission Ulja Funk

Gesehen bei der Berlinale: Ein Mädchen macht sich auf den weiten Weg, um einen Asteroidenabsturz zu beobachten – koste es, was es wolle.

Ein Huhn unter der Motorhaube, wie kommt das denn dorthin? Merkwürdig, dass es nach einem Tag ununterbrochener Fahrt zwischen Kurbelwelle und Kühler hockend nicht zum Brathähnchen verkohlte, sondern frisch geplustert hervorhüpft. Die zwölfjährige Ulja und ihr Kumpel Henk sehen sich an. Deswegen ist der Wagen also stehen geblieben. Na dann kann die Reise ja weitergehen, denn die beiden haben noch ein gutes Stück des Wegs vor sich. Schließlich wollen sie noch bis nach Belarus und sind gerade mal mitten in Polen.

Wie und warum sind sie denn dorthin gekommen? Ulja Funk hat entdeckt, dass ein Meteorit auf die Erde zurast und in weniger als zwei Tagen in Belarus in dem kleinen Örtchen Pâtzschurk einschlagen wird. Und da muss Ulja unbedingt hin. Ihre Beobachtungsstation mit dem kompletten Equipment hat Oma Olga mit dem Pastor ihrer Freikirche konfisziert, weil Uljas Wissenschaftsglaube gegen die Regeln der Allmacht Gottes verstößt. Also muss sie vor Ort sein, da sie den Einschlag nicht mittels ihrer Technik verfolgen kann. Für die 1257 Kilometer lange Reise heuert Ulja ihren Klassenkameraden Henk an, der im Alter von 13 Jahren schon perfekt Auto fahren kann. Nun machen die beiden mitten auf der Reise Halt, als das Huhn Miku den Defekt am Motor verursacht. Ab jetzt darf es vorne sitzen, es gehört schließlich Uljas Brüdern.

Ein Roadmovie, auch ein komödiantisches wie die Reise von Ulja, stellt eine klassische Heldenreise dar, bei der am Ende im Idealfall die Beteiligten einen Erkenntnisgewinn haben und charakterlich gereift sind. Aber – um es kurz zu machen – im Falle von Ulja passiert das nicht. Sie ist eine sture Heldin, die nichts dazulernt und das ist das Problem des Films, denn schließlich trägt sie die gesamte Geschichte und erklärt deren Fortgang ganz in Brecht’scher Manier mit regelmäßiger Direktansprache des Publikums.

Zu Beginn zockt Ulja ihre Schulkamerad*innen im Geräteraum der Turnhalle ab, indem sie ihnen die fertigen Hausaufgaben verkauft, am Ende des Films betreibt sie immer noch Handel, diesmal mit einem neuen Franchise-Produkt. Sie ist bis zum Schluss egoistisch und hält an ihrem Ziel auch auf Kosten von Henk fest, den sie kurz vor der Grenze ausbootet und nicht mit nach Pâtzschurk nimmt. Dass er schließlich doch beim Asteroideneinschlag dabei ist, hat er nicht ihr zu verdanken. Sie kann über Henk bestimmen, weil sie die Reise finanziert und weil sie mit ihm den Deal vereinbart hat, seine Hausaufgaben zu machen. Bis zum Schluss werden sie kein Team – und das, obwohl Henk sich wirklich für ihre Reise und ihr Ziel einsetzt.

Ist diese negative Verhaltensweise vorbildlich? Ich komme ans Ziel, weil ich mich mit allen Mitteln durchzusetzen weiß und meine Cleverness ausnutze? Wer egoistisch, oder besser: missionarisch seinen Plan ohne Rücksicht auf die Mitmenschen verfolgt, ist keine Heldin, mit der man sich identifizieren will. Und es sollte nicht die Intention eines Kinderfilms sein, diese negativen Tugenden exemplarisch in Szene zu setzen.

Die Regisseurin Barbara Kronenberg hat „Mission Ulja Funk“ als Debüt im Rahmen der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ verwirklicht, die für originäre Stoffe steht und Themen aus der Lebenswirklichkeit der Kinder fördert. Wir haben eine wirklich interessante Konstellation, denn Uljas Familie stammt aus Russland und Oma Olga hat auf die Frage, wo ihre Heimat ist, Orientierung in der Freikirche gefunden. Die gesamte russlanddeutsche Familie ist mehr schlecht als recht unter der strengen Aufsicht des Pastors in dieser Gemeinde versammelt, was eine spannende Sicht auf Menschen bietet, die wir sonst kaum in Filmen kennenlernen. Gemeinsam mit dem Kirchenchor macht sich die Gemeinde im Bus an die Verfolgung von Ulja, Henk, Oma und Huhn Miku. Tatsächlich reist hier eine Community zusammen, deren Brüche innerhalb der Glaubensgemeinschaft deutlich werden, weshalb sie rein zufällig mehrere ihrer Mitglieder nach und nach bei den einzelnen Busstopps verliert. Der dickliche Waldemar besucht zum Beispiel die Drag-Queen, die unter einer Brücke im Wohnwagen campiert. Zum Asteroideneinschlag in Pâtzschurk sind aber alle wieder vereint, als hätte es die Konflikte auf der Reise nicht gegeben. Der Pastor endet von Kopf bis Fuß einbandagiert im Rollstuhl und kann sich nicht mehr äußern. Ob er ins Nachdenken gekommen ist, werden wir nie erfahren.

Wir erinnern uns an das geniale Road- beziehungsweise River-Movie „Flussfahrt mit Huhn“ (Arend Agthe, 1984), das uns auf eine Verfolgungsjagd zu Wasser mit Huhn Gonzo mitnahm. Die Analogie drängt sich hier nun geradezu auf, aber dieser alte Film ist noch immer unerreicht, in seiner Spannung, leisen Komik und in der Figurenkonstellation. Alle Beteiligten haben auf dieser Bootstour eine Veränderung durchgemacht und können sich nach ihrer abenteuerlichen Reise neu begegnen. Das ist bei „Mission Ulja Funk“ leider nicht der Fall. Und das ist schade.

Katrin Hoffmann

© Ricardo Vaz Palma
9+
Spielfilm

Mission Ulja Funk - Deutschland, Luxemburg, Polen 2021, Regie: Barbara Kronenberg, Festivalstart: 01.03.2021, FSK: ab , Empfehlung: ab 9 Jahren, Laufzeit: 90 Min. Buch: Barbara Kronenberg. Kamera: Konstantin Kröning. Musik: André Dziezuk. Schnitt: Rune Schweitzer, Paul Maas. Produktion: In Good Company, Samsa Film, ShipsBoy. Verleih: Farbfilm. Darsteller*innen: Romy Lou Janinhoff (Ulja Funk), Jonas Oeßel (Henk), Hildegard Schroedter (Oma Olga), Anja Schneider (Mutter Irina Funk), Ivan Shvedoff (Vater Evgenji Funk), Luc Feit (Pastor) u. a.

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