The Hate U Give
Ein Leben zwischen weißer High School und schwarzem Ghetto, zwischen Stolz und Alltagsrassismus.
In jeder Familie stehen irgendwann die „wichtigen“ Gespräche mit den Kindern an. Über Sex, Drogen oder die Zukunft im Allgemeinen etwa. Bei den Carters allerdings geht es an diesem Nachmittag um Leben und Tod. Denn amerikanische Cops können gefährlich sein, wenn man dunkle Haut hat. Deshalb müssen die neunjährige Starr und ihr etwas älterer Halbbruder Seven wissen, wie sie sich zu verhalten haben, sollten sie einmal von einem Polizisten angehalten werden: Die Hände nicht verbergen. Keine Fragen stellen. Tun, was verlangt wird – und nie den Stolz auf seine Herkunft und seine Rechte vergessen. „The Talk“ nennt Starr rückblickend diese Lektionen. Wie ein Prolog steht dieses Gespräch am Anfang von „The Hate U Give“ und verweist damit auf eine Lebenswelt, die von Diskriminierung, Gewalt und Unsicherheit geprägt ist. Kein leichter Stoff für einen Film, der sich wie seine Vorlage – der gleichnamige, preisgekrönte und auf eigenen Erfahrungen basierende Debütroman von Angie Thomas – vor allem an ein junges Publikum richtet und mit der 16-jährigen Starr eine gleichaltrige Identifikationsfigur hat.
Starr lebt mit ihrer Familie in Garden Heights, einem (fiktiven) Stadtteil mit hohem afroamerikanischen Bevölkerungsanteil. Hier hat die Gang „King’s Lords“ das Sagen, leben viele an der Armutsgrenze und fallen immer mal wieder Schüsse. Aber hier sind auch Starrs Eltern geboren, lebt die beste Freundin um die Ecke und betreibt Vater Maverick einen kleinen Lebensmittelladen. Das Viertel ist Starrs Heimat und die Kamera lässt daran keinen Zweifel, wenn sie zu wummerndem Hip-Hop durch die sonnendurchfluteten und mit Leben gefüllten Straßen schwenkt und gleitet. Zur örtlichen High School geht man allerdings nur, um „high, verprügelt oder schwanger“ zu werden, wie Starr lakonisch aus dem Off erklärt. Deshalb besuchen sie und Seven für viel Geld eine vornehme, überwiegend weiße Privatschule am anderen Ende der Stadt. Starr führt ein Doppelleben: In Garden Heights ist sie das Mädchen in Hoodie und Jordans, das auf 2Pac steht, während sie an ihrer schnieken Schule Williamson Prep. mit ihren weißen Instagram-Prinzessinnen-Freundinnen über Taylor Swift redet und um ihren charmanten Freund beneidet wird. Peinlich ist sie darauf bedacht, beide Welten getrennt zu halten, will weder zuhause als „zu weiß“ gelten noch in der Schule als „Ghetto Girl“, spürt aber zugleich, dass sie nirgendwo richtig dazugehört.
Das alles ist zunächst mit der Leichtigkeit einer High-School-Komödie erzählt, auch wenn unterschwellig deutlich wird, wie tief Vorurteile sitzen, wie zweigeteilt diese Gesellschaft ist und wie viel das Pendeln Starr abverlangt – doch das kann noch weggelacht werden. Alles ändert sich radikal, als Starr erleben muss, wie ihr Kindheitsfreund Khalil bei einer Kontrolle von einem weißen Polizisten erschossen wird. Als Zuschauer ist man ebenso erschüttert wie das Mädchen, das gerade noch ausgelassen mit dem Jungen geflirtet hat. Als einzige Zeugin steht Starr bald unter enormem Druck, weil die Polizei, ihre Mutter, der lokale Gangsterboss King, für den Khalil Drogen verkauft hat, und die schwarze Bürgerrechtsbewegung allesamt etwas von ihr erwarten. Starr selbst will unbehelligt ihr bisheriges Leben weiterleben. Niemand an ihrer Schule soll wissen, dass sie mit dem Tod von Khlalil, der schnell für Schlagzeilen sorgt, in Verbindung steht. Doch wie? Die unmittelbare Konfrontation mit der Gewalt, die Erfahrung der Rechtlosigkeit öffnen der jungen Frau, die behütet in einer intakten Familie aufwächst, die Augen für eine Gesellschaft, in der institutioneller Rassismus immer noch tief verankert ist. Der zeigt sich nicht nur im gewaltsamen Tod eines Teenagers, sondern auch in schlechten Bildungsmöglichkeiten, Armut oder der Tatsache, dass ein Junge wie Khalil glaubt, nur als Drogendealer eine Chance zu haben. Hass und Gewalt vererben sich weiter – dafür steht THUG LIFE („The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody“), ein Begriff, den der Hip-Hop-Musiker Tupac Shakur geprägt hat und der sich auch im englischen Buch- und Filmtitel widerspiegelt.
Im Gegensatz zu „Fruitvale Station“ (Ryan Coogler, 2013), der die Erschießung des 22-jährigen Afroamerikaners Oscar Grant am Neujahrsmorgen 2009 nachzeichnet und dessen Schicksal die Autorin Angie Thomas zu ihrem Buch bewegt hat, geht es in „The Hate U Give“ um die weitreichenden Folgen von Polizeigewalt. Der Film analysiert nicht die Ursachen, sondern beschreibt einen Ist-Zustand, und zwar aus der Perspektive einer Heranwachsenden, deren Blick auf die Gesellschaft sich durch die Gewalttat verändert und die eine eigene Haltung finden muss: Soll sie wegschauen oder aufbegehren? Zuweilen didaktisch prallen im Film unterschiedliche Positionen aufeinander, macht sich Starrs Onkel, der selbst Polizist ist, für die Positionen seiner Kolleg*innen stark, wird aufgezeigt, dass Vater Maverick Vorbehalte gegenüber dem weißen Freund seiner Tochter hat, wird die Gewalt auch innerhalb der schwarzen Community angeprangert und bekommt eine „Black Lives Matter“-Demo, die Starrs weiße Mitschüler*innen organisiert haben, einen schalen Beigeschmack. Natürlich ist „The Hate U Give“ die Geschichte einer Heldin, die über sich hinauswächst, und auch das Ende mag arg versöhnlich sein, kommt der Zielgruppe aber sicher entgegen. „The Hate U Give“ ist aber auch eine Geschichte von Rassismus und Diskriminierung und kann gar nicht oft genug erzählt werden. „Same story, different name“ – was eine Bürgerrechtsaktivistin im Film einmal sagt, ist leider immer noch traurige Realität.
Kirsten Taylor
The Hate U Give - USA 2018, Regie: George Tillman Jr., Kinostart: 28.02.2019, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 133 Min., Buch: Audrey Wells, nach dem gleichnamigen Roman von Angie Thomas. Kamera: Mihai Malaimare Jr.. Musik: Dustin O‘Halloran. Schnitt: Craig Hayes, Alex Blatt. Produktion: Timothy M. Bourne, Angie Thomas, Isaac Klausner. Darsteller*innen: Amandla Stenberg (Starr Carter), Regina Hall (Lisa Carter), Russell Hornsby (Maverick Carter), Anthony Mackie (King), Algee Smith (Khalil) u. a.
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