Romería – Das Tagebuch meiner Mutter
Im Kino: Wieder erzählt Carla Simón von Familie. Eine 18-Jährige macht sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer Eltern.
Carla Simón ist nach drei Filmen bekannt für ihre Familienstoffe. Sie nimmt gerne die Perspektive der jungen Generationen ein, zum Beispiel die der 6-jährigen Frida in „Fridas Sommer“ oder – wie hier in ihrem jüngsten Kinofilm – diejenige der 18-jährigen Marina. Nach dem frühen Aids-Tod der Eltern in den 1980er Jahren wuchs Marina bei der Familie ihrer Mutter in Barcelona auf. Für ein Stipendium braucht sie ein Schreiben ihrer Großeltern väterlicherseits und reist zum ersten Mal nach Vigo, der Heimatstadt ihres Vaters, wo sich die Eltern einst kennenlernten. Sie trifft erstmals auf die Großfamilie, macht Bekanntschaft mit vielen Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen und hört Geschichten, die abweichen von dem, was ihr bislang erzählt wurde, an das sie seit jeher glaubte. Marina beginnt, Fragen zu stellen, sie taucht ein ins Leben ihrer Eltern und in ein großes Gefühlschaos.
Dabei helfen Marina auch die Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter, die damals kaum älter war als die Tochter jetzt: Die Texte schildern die junge Liebe zum Vater, aber auch die Exzesse, die Geldsorgen, die Situationen, in denen die beiden keinen Ausweg wissen. Inszeniert werden die Tagebucheinträge, indem die Figur sie aus dem Off vorliest, während sie dabei auf der Leinwand zu sehen ist – häufig in Bewegung, auf Booten, mit denen sie die Atlantikküste im Norden Spaniens entlangfährt, was ihr Suchen verdeutlicht.
Außerdem hat die junge Frau eine Kamera mit dabei, mit der sie ihre Reise dokumentiert: Es ist das Jahr 2004, Handys sind noch nicht smart und können keine Filme drehen. Wie Marinas Videos wirkt auch der ganze Film wie aus einer anderen Zeit, die Erzählweise ist eine dokumentarische, die scheinbar Belangloses mit aufzeichnet, immer wieder den Blick ihrer Hauptfigur einnimmt, sie suchen und genau beobachten lässt. Mehr noch: Marina notiert die Tage ihrer Spurensuche und gibt ihnen Überschriften.
Dann jedoch, als Marina immer mehr zu verstehen beginnt, wechseln Tonus wie Look des Films, indem er die Sicht freigibt in eine andere, weitere Bewusstseinsebene, die nicht mehr Dokumentation ist, sondern durch eine Art magischen Realismus ermöglicht, dass Marina hinter die Fakten und Zeugenberichten blickt. In diesen Szenen, die Marinas Eltern, ihrer Liebe, ihrer Sucht wie ihrer Verzweiflung gewidmet sind, bebildern, wovon zuvor schon in der Figurenrede gesprochen wurde. Über den Bildern liegt ein Schleier, sie wirken wie Traumsequenzen und entwickeln einen eigenen, ja, rauschartigen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann und der der Geschichte noch einmal eine ganz andere Wirkung gibt.
Das spanische Wort „Romería“ bedeutet Pilgerfahrt und leitet sich vom Begriff des romero ab, einem Pilgerer, der nach Rom reist. In Spanien bezeichnet er heute vor allem traditionelle Volksfeste und prunkvolle Prozessionen zu Ehren von Heiligen wie die Romería del Rocío. Diese hat man in Spanien oder als Spanien-Kennende sofort vor Augen, wenn man den Filmtitel hört. Auch Marina macht sich auf die Reise an einen Ort, um mehr über die verstorbenen Eltern zu erfahren, sie besser kennenzulernen und – letztendlich – um sie zu würdigen.
Die Geschichte ist autobiografisch inspiriert: Carla Simón wuchs ebenfalls ohne ihre Eltern auf, die beide – wie viele andere im Land – an Aids erkrankt und gestorben waren. Die 1980er Jahre in Spanien waren geprägt von einer Aufwärtsbewegung nach dem Tod von Franco und dem Ende der Diktatur: Das Land holte nach, was ihm lange verwehrt gewesen war, Drogen fluteten die Städte, sodass Spanien den traurigen Rekord der höchsten Aids-Sterblichkeitsrate in Europa erreichte, und hinterließen nach Bürgerkrieg und repressiver Diktatur abermals viele Waisen. Es sind die jungen Generationen in Spanien, Filmemacher*innen wie Carla Simón, die aufdecken wollen, die nicht nur nach den Überresten ihrer Angehörigen in Massengräbern des Franquismus suchen, sondern auch nach den Auswirkungen dieser Zeit auf ihre Elterngeneration forschen. So entstehen Filme, welche die familiäre Vergangenheit als Spiegel der nationalen Geschichte festhalten, oder anders herum, die Wirkungen der politisch-gesellschaftlichen Situation auf die einzelne Person, die einzelne Familie.
Besondere Strahlkraft hat Llúcia Garcia, die in „Romería“ ihr Leinwanddebüt gibt. Sie spielt Marina leise und verhalten, aber voller Eindringlichkeit; in der Rolle von Marinas Mutter in den Rückblicken ist die Schauspielerin offener, aufgeweckter und wirft eine ganz andere Energie auf die Leinwand. Darüber hinaus hat Simón für den Film erneut Laiendarsteller*innen engagiert, die der Geschichte viel Authentizität verleihen.
Simóns Herangehensweise ist eine poetische, melancholische. Das machen die Kapiteleinteilung und die Tagebuchsequenzen deutlich, aber auch ihre Bildsprache, das Einfangen kleiner Details in den Straßen von Vigo wie auch beim Großfamilienfest im Haus der Großeltern. Der Filmemacherin geht es darum, aus dem Innern einer Familie heraus ihre Geschichten zu erzählen und sie fürs universelle Außen, vor allem aber für ganz Spanien, nachvollziehbar zu machen. Das ist eine leise Kraft, die viel Aufmerksamkeit braucht, die sich aber umso deutlicher entfaltet, wenn man sich auf die Bilder, die Sprache, die Regungen im Gesicht der Figuren einlässt.
Verena Schmöller
Spanien, Deutschland 2025, Regie: Carla Simón, Kinostart: 02.04.2026, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 115 Min., Buch: Carla Simón, Kamera: Hélène Louvart, Musik: Ernest Pipó, Schnitt: Sergio Jiménez, Ana Pfaff, Produktion: Name / Produktionsfirma, Verleih: Piffl Medien GmbH, Besetzung: Llúcia Garcia (Marina, Marinas Mutter), Mitch (Nuno, Marinas Vater), Tristán Ulloa (Lois), Alberto Gracia (Iago), Miryam Gallego (Olalla) u. a.
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