Ab morgen bin ich mutig
Im Kino: Karl ist zwölf. Und verliebt. Einfühlsame, aus sich heraus strahlende Geschichte über die erste Liebe.
Junge Heldinnen und Helden brauchen viel Mut, um in Kinoabenteuern mit magischen Tieren, Hexen oder Zauberschulen umzugehen. Eine ordentliche Portion Mut bedarf es auch, wenn es darum geht, sich ganz normalen, alltäglichen Herausforderungen zu stellen, gleich, ob zu Hause, in der Schule, im Verein oder wo auch immer. Solche Alltagsabenteuer liegen oft um die Ecke, und doch will man vielleicht gar nicht über sie reden und erst recht nicht davon im Kino erzählt bekommen, weil sie einem schlicht zu nah, zu vertraut und eben zu alltäglich erscheinen. „Ab morgen bin ich mutig“ erzählt genau solche Alltagsgeschichten. Es geht um Schule und ein Schulprojekt, um Ferien, Freundschaft und – vor allem – ums erste Verliebtsein. Und siehe da: Mehr braucht es nicht, um eine einfühlsame, ganz aus sich heraus strahlende Geschichte zu erzählen, die fesselt und dazu auch noch bestens unterhält.
Im Mittelpunkt steht der zwölfjährige Karl, hinreißend gespielt vom jungen Jonathan Köhn, der die Handlung fast schon allein trägt. Karl geht in die sechste Klasse, ist eher still, ein wenig in sich gekehrt und heimlich in seine Mitschülerin Lea verliebt. Doch wie soll er sich ihr offenbaren? Vor allem, wenn es da noch ein weiteres Problem gibt: Lea ist fast einen Kopf größer als Karl, und welches Mädchen will schon einen Jungen zum Freund, der ihm gerade mal bis zur Schulter reicht?! Irgendwann will Karl den Größenunterschied dank Turnschuhen mit hohen Plateausohlen ausgleichen. Die hat er in einem kleinen Schustergeschäft entdeckt, womit ein sanfter Hauch von Magie ins ansonsten wirklichkeitsnahe Geschehen einfließt. Dabei ist klar, dass Karl gar keine Zauberschuhe benötigt, sondern – siehe oben – eine ordentliche Portion Mut. Erst eine Projektfahrt bringt Lea und Karl einander näher. Im Schullandheim dreht die Klasse einen Film zum Thema „Erste Liebe“, was die Sache für Karl zwar nicht leichter, am Ende aber doch erkenntnisreich macht. Denn, so zeigt sich, ein Filmdreh ist Teamarbeit, setzt auf Miteinander, Kooperation und auf Aufrichtigkeit.
Regisseur Bernd Sahling (u.a. „Die Blindgänger“, 2004, „Kopfüber“, 2012) ist ein in der Tat besonderer Kinderfilm geglückt: „Ab morgen bin ich mutig“ ist fantastisch ohne Fantasy, abenteuerlich trotz Alltag, mitreißend dank charmanter Kids, denen Sahling in jedem Moment respekt- und spürbar liebevoll begegnet. Statt auf äußere Effekte oder dramatische Konflikte setzt er vertrauensvoll auf die Gedanken, Gefühle und Wünsche seiner jungen Protagonistinnen und Protagonisten. Dass sich dies so überzeugend überträgt, ist eine kleine Sensation – und gewiss nicht selbstverständlich für einen „zeitgemäßen“ Kinderfilm, der im Kino ansonsten nur zu oft quietschbunt und hektisch turbulent daherkommt.
Von Ferne erinnert Karl an Franz aus den Geschichten von Christine Nöstlinger, der ebenfalls seine Stärken noch nicht richtig (er-)kennt. Karl hat immerhin intuitiv einen Weg gefunden, um „die Welt“ für sich zu erschließen: Als leidenschaftlicher Hobbyfotograf blickt er aufmerksam durch das Objektiv seiner Kamera und entwickelt seine Bilder im eigenen Labor. Was wiederum Lea, nachdem Karl endlich über seinen Schatten gesprungen ist und sie zu sich ins Fotolabor eingeladen hat, hellauf begeistert: „Das ist ja wie Zauberei!“, staunt sie, während das Motiv im Entwicklerbad Gestalt annimmt, und Karl antwortet: „Irgendwie schon. Deshalb mache ich das auch.“ Genau darauf lässt sich aufbauen: Für Tom, seinen vertrauensvollen, älteren Bruder, hat Karl bereits dessen Musik-Band fotografiert, nun bittet ihn Lea, er möge sie und ihre Freundinnen beim Tanztraining fotografieren. Und fürs Schulprojekt avanciert Karl wie selbstverständlich zum Kameramann und hält dabei auch dramaturgisch die Fäden in der Hand.
Aus dieser Jonglage mit Bildern und Abbildern entwickelt Bernd Sahling seine faszinierend hintergründige und erkenntnisreiche Dramaturgie der Blicke und Gegenblicke. Sie spielt sich auf gleich mehreren Ebenen ab, etwa, wenn eines der Kinder schnell wegschaut und so tut, als sei es gar nicht am Anderen interessiert, sondern mit etwas ganz anderem beschäftigt; aber auch in Szenen, in denen eher wenig geschieht und doch sehr viel passiert: etwa, wenn sich Karl selbstkritisch in einer Fensterscheibe abschätzt, oder im Unterricht, wenn sich die Kinder mit Hilfe eines Spiegels selbst porträtieren sollen, Karl aber viel lieber Lea heimlich „studiert“ – was nie etwas Voyeuristisches hat, vielmehr etwas betont Zärtliches. Später begutachten die Kinder in einer Testvorführung das Filmmaterial, das sie zuvor gedreht haben, als Rohschnitt. Zuvor hatte man miterleben können, wie die Kinder diese Interview-Szenen herstellten, das filmische Resultat aber enthält einem der Film vor. Stattdessen blickt man den Kindern in ihre Gesichter und erkennt darin ihre spontanen Reaktionen, ihre Freude und ihren Spaß angesichts des Geleisteten.
„Ab morgen bin ich mutig“ hat eine komplizierte und wohl auch strapaziöse Entstehungsgeschichte hinter sich. Dass der Film am Ende mit vergleichsweise kleinem Etat überhaupt gedreht werden konnte, grenzt fast an ein Wunder. Als Low-Budget-Film mag er in der einen oder anderen Hinsicht „arm“ erscheinen, doch als empathischer Autorenfilm ist er reich an erzählerischen Ausdruckformen, klugen Erzählbögen und emotionaler Aufrichtigkeit. Erstaunt und zugleich berührt registriert man, wie freundlich und unaufgeregt die agierenden Kinder nicht nur miteinander umgehen: Höflich bedanken sie sich auch bei den jungen wie alten Menschen, die ihnen auf ihre Fragen nach der (ersten) Liebe Auskunft geben. Sahling: „Wenn man Kinder mit Respekt und Offenheit behandelt, bekommt man dies zurückgespiegelt. Ich habe nie fehlende Solidarität erfahren, wohl wissend, dass ich privilegiert bin: Das wäre vielleicht anders, wenn ich eine Mathestunde geben soll. Doch Vertrauen zueinander ist überall möglich, das wollte ich auch in den Film hineintragen.“
„Ab morgen bin ich mutig“ konstruiert keine aufwändig-spektakuläre Handlung, folgt eher behutsam und sanft dem Rhythmus und dem Temperament der Kinder, die ihre Rollen nicht zu spielen scheinen, sondern sich intuitiv der Wahrheit ihrer Figuren verpflichtet fühlen. Manch vertrauliches Gespräch, das sie miteinander führen, hätte durchaus nach hinten losgehen und aufgesetzt wirken können, doch selbst betont private Momente tragen die jungen Darstellerinnen und Darsteller souverän. So ist es bewegend zu beobachten, wie konzentriert sie ihre Dialoge sprechen, quasi so, als würden sie sich auch in ihrem eigenen Alltag so unterhalten. Ebenso alltäglich wie liebenswürdig entwickeln sich am Ende dann die (Liebes-)Dinge für Karl, auch weil er lernt, ein Stück weit loszulassen und einfach nur er selbst zu sein. Auch da ist der Film dann wieder nah bei Christine Nöstlingers „Geschichten vom Franz“, weil man wie Franz auch Karl attestieren möchte, was einmal Franz’ beste Freundin Gabi sagt: „Du bist gut und richtig, wie du bist.“ Auf Karl übertragen, heißt das: „Ich kenne niemanden, der so gut ‚karlt’ wie du.“
Horst Peter Koll
Ab morgen bin ich mutig - Deutschland 2025, Regie: Bernd Sahling, Kinostart: 23.10.2025, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 80 Min., Buch: Bernd Sahling, Kamera: Piotr Rosołowski, Schnitt: Evelyn Rack, Musik: Jürgen Ehle, REEB (Songs), Produktion: Zeitgeist /Fields Recordings, Verleih: Realfiction, Besetzung: Jonathan Köhn (Karl Seidel), Darius Pascu (Tom Seidel), Cheyenne Aaliyah Roth (Lea), Anna Bahners (Klara), Elijas Amerein (Jacob), Tamino Gottlebe (Max), Malvina Hoffmann (Lina), Niclas Meimberg (Hannes), Theresa Scholze (Frau Bender), Markus Friedmann (Herr Mattis), Juliane Pempelfort (Marta Seidel), Petra Kalkutschke (Tante Mechthild) u.a.
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