Boy
Auf MUBI: Wann es sich lohnt, zurückzuschauen? Definitiv dann, wenn Taika Waititi mit einer großartigen Vater-Sohn-Geschichte um die Ecke kommt.
Selbstbewusst und zuversichtlich erzählt uns Alamein alias „Boy“ von seinem Leben und den Menschen um sich herum: von seiner Bewunderung für Megastar Michael Jackson, der mit einem Affen und einer Schlange in seinem Haus lebt, und von seinem eigenen Zuhause, wo er als Ältester der Chef über seine Cousins, Cousinen und seinen kleinen Bruder Rocky ist, sobald seine Oma mal unterwegs ist – wie gerade, weil sie zu einer Beerdigung musste. Boys Erzählstimme lässt uns außerdem wissen, dass seine Lieblingsfächer Kunst und Sozialwissenschaften sind – während der Bildschirm die eher großzügige Auslegung seiner Worte offenlegt: Dort sehen wir nämlich, wie der 11-Jährige mit einem Stift auf den Schultisch kritzelt und dann von zwei Jungen aus seiner Schule festgehalten und mit Wasser bespritzt wird, als hätte er sich in die Hose gemacht.
Dass Boy generell etwas kreativer mit der Realität umgeht und dabei hier und da ein wenig beschönigt, wird direkt zu Beginn des Films deutlich. So auch wenn er von seinen Freund*innen erzählt und dabei hervorhebt, dass Dynasty das einzige Mädchen hier in der Gegend ist, das einen Job hat: Gartenarbeit für ihren Vater – während uns die Bilder zeigen, wie sie Marihuana erntet. Immerhin: Dass seine Tante Gracey unter anderem als Tennislehrerin, Schulbusfahrerin, Postbotin und Betreiberin des Dorfladens gefühlt alle Jobs hier im abgelegenen Waihau Bay im Norden Neuseelands besetzt, scheint tatsächlich der Wahrheit zu entsprechen. Doch ob Boys Vater wirklich Meisterschnitzer, Tiefseetaucher und Kapitän der Rugby-Mannschaft ist und gerade mal wieder heldenhaft durch die Weltgeschichte tingelt? Sagen wir so, just in dem Moment, als die Erzählsituation aufgelöst wird – Boy hält einen Vortrag vor der Schulklasse –, fragt ein Mitschüler: „Ist dein Alter nicht auch im Knast?“
Der Einstieg von Taika Waititis zweitem Langfilm dauert zwar keine vier Minuten, zeigt aber sofort, was „Boy“ so besonders macht: Es ist dieser krasse Kontrast zwischen dem mitreißenden Optimismus eines Jungen, der seinen Vater vergöttert und mit einer ausgeprägten Fantasie sein Leben aufhübscht, und der weniger schönen Realität. Denn Boy wächst in armen Verhältnissen unter der Obhut seiner Großmutter auf, weil seine Mutter bei Rockys Geburt gestorben ist und sein Vater abgehauen und dann zu allem Überfluss noch im Knast gelandet ist. Die Realität ist auch, dass Boy nicht gerade zu den beliebten Jungen der Schule gehört und die Versuche, seinen großen Schwarm Chardonnay von sich überzeugen, auf gelangweiltes Desinteresse treffen. Abends vertraut er seine Erlebnisse, Gedanken und Geheimnisse der zum Hof gehörenden Ziege an, mit der er immer wieder beim ausgemusterten alten Auto am Stall zusammensitzt. Wobei selbst hier Erzählung und Erlebtes regelmäßig auf verschiedenen Pfaden wandeln.
Und dann kommt jener Moment, wo der Papa plötzlich vor der Tür steht. Oder genauer gesagt noch eine Weile im Auto sitzen bleibt, zwei Kollegen neben sich, von denen wir erstmal keine Ahnung haben, wer sie überhaupt sind. Vater und Sohn plaudern ein wenig durch das Autofenster hindurch, bevor es später im Haus weitergeht – es ist weird, peinlich berührend, lustig und in all dem, was hier mitschwingt, wohl die stärkste Vater-Sohn-Wiederbegegnungsszene überhaupt. Anschließend ist Papa wieder zu Hause und kümmert sich endlich um seine Kinder. Denkt jedenfalls Boy.
Boys Vater will um jeden Preis seine Illusion aufrechterhalten. Auch wenn das bedeutet, den Helden für seinen Sohn zu spielen, obwohl der ihn allein schon für sein Auto und seine Lederkutte bewundert. Er gefällt sich in dieser Rolle und wir spüren, dass da auch Liebe und Verantwortungsgefühl mitschwingen. Nur dass er eben immer noch durch und durch Kindskopf ist, oft auf eine sympathisch-mitreißende Art, aber auch immer wieder auf selbstzerstörerische Weise. Tatsächlich sind Vater und Sohn hier sehr ähnlich in ihrem Blick auf die Welt und in ihrem Umgang damit. Nur dass der Ältere von beiden sich noch immer verzweifelt an Vorstellungen festklammert, von denen er längst spürt, dass sie nicht haltbar sind. Und dass der Sprung über den eigenen Schatten bedeuten würde, sich auch all das eingestehen zu müssen, was er bislang verpasst und falsch gemacht hat. Da fühlt es sich sicherer an, beim Altgewohnten zu bleiben; auch wenn es bedeutet, die Fläche einer riesigen Wiese umzugraben und dazu noch die eine oder andere Dummheit anzustellen, die vermutlich eher nach hinten losgeht.
Der Jüngere von beiden ist noch nicht so festgefahren, hat noch die Chance, aus den abgeschauten Mustern auszubrechen und sein Potenzial zu nutzen. Der Sohn kann sich verändern; der Vater wird es wohl nie. Und der Film von Taiki Waititi lässt uns auf intensive Weise an all den Erfahrungen, Hürden, emotionalen Tiefpunkten und Momenten höchster Verletzlichkeit teilhaben, die ein solcher Prozess mit sich bringt. Während die positiv-mitreißende Energie der beiden Hauptdarsteller für ein beeindruckend gut funktionierendes Wechselspiel aus Leichtigkeit und Schwermut sorgt. So macht es einfach nur Spaß, die beiden auf diesem Weg zu begleiten – und sich zumindest vorübergehend auch ein bisschen von ihrem rebellischen Optimismus anstecken zu lassen.
Marius Hanke
Boy - Neuseeland 2010, Regie: Taika Waititi, Homevideostart: 01.04.2024, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 87 Min., Buch: Taika Waititi, Kamera: Adam Clark, Schnitt: Chris Plummer, Musik: Lukasz Pawel Buda, Samuel Scott, Conrad Wedde, Produktion: Whenua/Unison, Verleih: MUBI, Besetzung: James Rolleston (Boy), Te Aho Eketone-Whitu (Rocky), Taika Waititi (Boys Vater), Moerangi Tihore (Dynasty), Cherilee Martin (Kelly) u. a.
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