Mary Shelley
Das Biopic über die junge Autorin verlässt sich zu sehr auf Formeln und scheitert daran, aktuelle Bezüge herzustellen.
Nach dem Tod seiner Ehefrau, der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, verheiratet sich William Godwin erneut. Da Tochter Mary gegen die strenge Erziehung durch ihre neue Stiefmutter rebelliert, schickt er sie nach Schottland. Dort lernt sie im zarten Alter von 16 Jahren den 21-jährigen smarten Dichter Percy Shelley kennen und entbrennt in heftiger Liebe zu ihm. Es scheinen sich Seelenverwandte getroffen zu haben. Sie teilen das romantische Ideal einer freien Liebe und geben sich ihrer Leidenschaft hin, obschon der Dichter verheiratet ist und Kinder hat. Aber Marys Vater duldet die skandalöse Beziehung nicht. So verlässt Mary für ihren Geliebten heimlich ihr Elternhaus in Begleitung ihrer Schwester Claire. Mit ihm will sie ein freies Leben beginnen, muss aber bald erkennen, welchen Preis ihr das als Frau abverlangt. Durch ihre Schwester wird sie mit Lord Byron bekannt. In seinem Anwesen in Genf kommt es zu jenem denkwürdigen Geschichten-Wettbewerb, in dem Mary den Grundstein legt zu ihrem 1818 erschienenen Roman „Frankenstein or the Modern Prometheus“.
Die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour hat nach ihrem bravourösen Debüt „Das Mädchen Wadjda“, in dem sich ein Mädchen in einem konservativ-religiösen Umfeld beharrlich ein Stück Freiheit erkämpft, nun einen doch ziemlich konventionellen Spielfilm gedreht. In dem Biopic über die englische Schriftstellerin erkundet sie, wie es zu jenem außerordentlichen Debüt dieser noch jungen Autorin kam, dessen Rezeptionsverlauf filmische Klassiker wie James Whales „Frankenstein“ hervorbrachte. Es wäre nun spannend gewesen, die Schriftstellerin aus ihrer Zeit heraus und in der Auseinandersetzung mit ihr darzustellen. Doch stattdessen greift das Drehbuch zu sattsam bekannten Mustern zurück, bedient sich bei der Modellierung von Shelleys Biografie althergebrachter Motive des Backfischromans. Mithin räumt der Film seiner pubertierenden Hauptfigur eine kurze Phase des jugendlichen Ungestüms ein, modernisiert Marys Wildheit und Hochgefühl allerdings mit ziemlich uninspirierten Bildformeln, etwa wenn sie mit anderen zusammen plaudernd auf einer Wiese herumsteht und direkt aus der Flasche trinkt. Dem Film glückt es nicht, geistig ansprechende Geschöpfe aus Fleisch und Blut auf die Leinwand zu zaubern und deren Geschichte dicht zu weben, ihre großen Gefühle brauchen zur Unterstützung einen stetig wogenden Klangteppich.
Ziemlich schnell wird die junge Schriftstellerin dann vom Ernst des Lebens eingeholt. Konfrontiert mit ihrer Nebenbuhlerin, die ja ihre Schwester ist, entdeckt Mary nicht nur, wie schmerzlich es sich anfühlt, betrogen zu werden und einsam zuhause zu sitzen, sondern dass ihre Liebe allein Percy Shelley gilt. Ein Absolutheitsanspruch, den sie natürlich auch von ihrem Geliebten einfordert. Als sie dann noch schwanger wird, ihr Kind verliert und in eine Depression verfällt, ist der melodramatische Grundzug des Charakters perfekt. Wie es die Legende vom weiblichen Künstler will: Mary Shelleys weltberühmter Roman entsteht aus einer großen Liebe und dem Leiden an ihr. So wird das Buch flugs interpretiert als reife Leistung einer erwachsen gewordenen Autorin, mit dem sie die Wirren ihrer Jugendzeit zu bewältigen und ad acta zu legen versucht. Demnach spricht aus der Einsamkeit ihrer verunstalteten, aggressiven, namenlosen Kreatur auch das Gefühl einer jungen Frau, die sich von ihrem männlichen Schöpfer verlassen und wertlos fühlt. Um diesen Erzählbogen spannen zu können, muss der Film aber biografische Fakten außer Acht lassen. Als die historische Mary mit Percy und Claire nach Genf fährt, hatte sie bereits Anfang des Jahres ihr zweites Kind, einen Sohn, geboren.
Ungeklärt bleibt auch die Frage, weshalb Prometheus Bestandteil des Titels von Shelleys weltberühmten Roman ist. Der Film hätte sich weitaus mehr mit der intellektuellen Entwicklung der Schriftstellerin befassen müssen. Shelleys Kritik am Fortschrittsdenken der Aufklärung, ihre Auseinandersetzung mit dem Machbarkeitswahn ist sehr aktuell. Und nicht wenige junge Menschen dürften solche Fragen beschäftigen. Um sich ihnen zu widmen, hätte es aber mehr Mut und Neugier bedurft.
Heidi Strobel
Mary Shelley - Großbritannien, Irland, Luxemburg 2018, Regie: Haifaa Al Mansour, Kinostart: 27.12.2018, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 120 Min., Buch: Emma Jensen, Haifaa Al Mansour, Kamera: David Ungaro, Schnitt: Alex Mackie, Musik: Amelia Warner, Produktion: Amy Baer, Alan Maloney, Ruth Coady, Verleih: Prokino, Besetzung: Elle Fanning (Mary Shelley), Douglas Booth (Percy Shelley), Tom Sturridge (Lord Byron), Bel Powley (Claire Clairmont), Stephen Dillane (Mr. Goodwin) u. a.
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