Wendy - Ein Leben zwischen den Zeiten
Auf Disney+: Niemals erwachsen werden! Niemals aufhören zu träumen! Eine eigenwillige Interpretation der Peter-Pan-Geschichte.
Manchmal gibt es Filme, die man unbedingt mögen möchte. Etwa wenn sie von Regisseur*innen gedreht wurden, die sich zuvor mit einem bemerkenswerten Film ins Gedächtnis eingebrannt haben. „Beasts of the Southern Wild‟ (2012) war so ein Fall, ein wildes, poetisches Märchen in einer dystopischen Südstaatenwelt, ein Film voller flirrender Energie und Lebensfreude, obwohl es doch eigentlich um den Tod ging. Jetzt hat Benh Zeitlin, acht Jahre nach seinem fulminanten Debüt, endlich einen weiteren Film gedreht, der es seinem Publikum allerdings auch ein wenig schwer macht: Eine eigenwillige Adaption der Peter Pan-Geschichte, dieses Mal erzählt aus dem Blickwinkel von Wendy, und angesiedelt in den Südstaaten der USA – wo sonst?
In einem Südstaaten-Diner geht „Wendy‟ los, Kinder essen genüsslich Schrimps und erzählen, was sie später einmal werden wollen. Zum Beispiel Piraten. Während manche schon eine genaue Vorstellung haben, wissen andere vor allem, was sie nicht sein wollen. Neugierig hören die Erwachsenen den Kindern unterdessen zu, machen sich entweder über ihre Träume lustig oder verteidigen sie. Schon mit dieser Szene schwebt ein Hauch der „Beasts of the Southern Wild‟-Stimmung über dem Film, der in einer ebenso harschen Welt spielt, in der die Kinder ein selbstverständlicher Teil der Erwachsenenwelt sind und sich in deren Räumen bewegen. Ein Junge aber, der sich von den Erwachsenen gekränkt fühlt und nicht so traumlos enden will wie diese, wird ausbrechen: Angelockt von einem anderen Jungen springt er auf einen verwunschenen Zug, der an dem Diner vorbeifährt, und verschwindet mit diesem in die Nacht. Noch Jahre später wird die Geschichte dieses verschwundenen Jungen erzählt werden. Auch die neunjährige Wendy beschäftigt diese sehr. Und eines nachts, als der Zug mit der geheimnisvollen Gestalt wieder einmal das Diner passiert, rennt auch Wendy mit ihren Zwillingsbrüdern Douglas und James dem Zug hinterher.
Erst geht es mit dem Zug übers Land, dann mit einem Boot übers Meer, bis hin zu einer Vulkaninsel. Peter führt sie dorthin, ein etwa sechsjähriger schmächtiger, aber ungemein selbstbewusster Junge. In seinem Land können alle Kinder Kinder bleiben – so wie Thomas, jener Junge, der damals verschwunden war –, zumindest so lange sie auf „Mutter‟ vertrauen, einen Geist, der über diesem Paradies wacht. Dass dies nicht allen gelingt, wird Wendy bald bewusst, als sie doch ein paar Erwachsene auf der Insel trifft – und auch einer ihrer Brüder zu zweifeln und zu altern beginnt.
„Alle Kinder werden erwachsen‟, sagt Wendy einmal zu Beginn in einem der für Zeitlin typischen, geheimnisvoll hingehaucht-geflüsterten Voice-Over-Kommentare. „Nur die Wilden, die mit dem Leuchten in den Augen, entkommen‟. Erneut feiert Zeitlin in seinem Film die Energie der Kinder, die den Ausbruch wagen und noch träumen, während die Erwachsenen alles akzeptieren und behäbig-gleichgültig geworden sind, gefangen in ihren Strukturen. Früher einmal wollte Wendys Mutter Rodeo reiten; heute passt sie auf die Familie auf. Auf der Insel von Peter hingegen ist alles möglich. In einer Szene beschwören die Kinder gar einen Vulkan und bringen ihn durch ihre Gedankenkraft zum Ausbruch – ein magischer und nicht nur soundtechnisch kraftvoller Moment und ein perfektes Bild kindlicher Allmachtsfantasie. In solchen Augenblicken zaubert auch Zeitlin seinem Publikum ein Leuchten in die Augen und entführt es in eine Welt, in der alles möglich zu sein scheint.
Durch die ungemein bewegliche Handkamera, die unsauberen, gleichwohl dynamischen Bilder, den treibenden Score, der wie ein companion piece zu jenem von „Beasts‟ klingt, vermittelt „Wendy‟ selbst viel von diesem Gefühl der Freiheit. Wenn durch die emotionale Musik und metaphorische Gesten über Freiheit und Unabhängigkeit erzählt wird, hat „Wendy‟ eine poetische Leichtigkeit, trotz existenzieller Themen wie Verwahrlosung, Alleinsein und Abschiednehmen. Düster und tragisch schließlich wird der Film nicht zuletzt, wenn er auf seine eigene Art auch eine Origin Story für Captain Hook erfindet oder davon erzählt, wie „Mutter‟ als Sinnbild der unberührten Natur in Gefahr ist.
Seine Stärken spielt der Film unverkennbar aus, sobald Zeitlin durch den Fluss von Bildern und Tönen erzählt und sein Film einen ganz eigener Rhythmus entwickelt, nicht unähnlich jenem der neueren Filmen von Terrence Malick. Dass er dabei 16mm-Material einsetzt, verleiht seinem Film zudem eine ebenso ungeschliffene wie lebendige und taktile Qualität. Je klassischer Zeitlin jedoch erzählen will, und je länger die Dialogpassagen werden, desto schwerfälliger wird „Wendy‟.
Einen ähnlich unangenehmen Beigeschmack erhalten auch manche Szenen, die zunächst emanzipatorisch anmuten oder ein Zeichen von selbstverständlicher Diversität sein könnten. So werden mit der jungen weiblichen Heldin Wendy im Laufe des Films dann eben doch eher Attribute wie Familiensinn und Fürsorge verbunden, mit den Jungen hingegen Abenteuer. Ebenso zwiespältig wirkt der schwarze Peter Pan.
Zum einen, wenn dieser die weißen Kinder geradezu in seine Welt entführt, zum anderen, weil Peter die einzige magische Figur ist (und damit exotisch und „anders‟). Hinzu kommt, dass in Peters Neverland die meisten Kinder schwarz sind, ein wenig verwahrlost wirken und wild sind. Man muss dem Film jedoch zugute halten, dass das „Wildsein‟ hier nie als Kontrast zum „zivilisierten Leben‟ angelegt ist. Wild sind die freien Kinder, in sich gefangen hingegen die Erwachsenen.
„Wendy‟ hat das Zeug, mit seinen Themen sehr unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Man kann ihn sehen als einen Film für die Fridays-for-Future-Jugendlichen, die die Welt verändern wollen und das glückliche Konsum-Credo der vorangehenden Generation herausfordern, für (ältere) Kinder, die hier eine Geschichte über Lebensfreude und Abenteuerlust sehen und genau so sein wollen wie Wendy und die anderen Kinder – oder als einen Film für Erwachsene in der Midlife-Crisis, die vertanen Chancen im Leben nachtrauern und ein wenig entrückt an ihre Kindheit zurückdenken.
Stefan Stiletto
Wendy - USA 2020, Regie: Benh Zeitlin, Homevideostart: 20.08.2020, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 13 Jahren, Laufzeit: 111 Min. Buch: Benh Zeitlin, Eliza Zeitlin. Kamera: Sturla Brandth Grøvlen. Musik: Dan Romer, Benh Zeitlin. Schnitt: Scott Cummings, Alfonso Gonçalvez. Produzent*innen: Becky Glupczynski, Dan Janvey, Paul Mezey, Josh Penn. Produktion: Journeyman Pictures. Anbieter: Disney+. Darsteller*innen: Devin France (Wendy), Yashua Mack (Peter), Gage Naquin (Douglas), Gavin Naquin (James), Ahmed Cage (Sweet Heavy) u. a.
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