We Will Not Fade Away
Entdeckt bei der Berlinale: Dokumentarfilm über eine Gruppe Jugendlicher im Donbass von 2019 bis 2022.
Winter 2019 im Dobass in der Region Luhansk. Trotz der zahlreichen Kohleminen gehört diese Region zu den ärmsten der Ukraine. Seit 2014 herrscht dort Krieg mit den von Russland unterstützten Separatisten. Aus der Ferne ist immer wieder Gefechtslärm zu hören, die Frontlinie ist nur einige Kilometer weg. Später im Film sind sogar riesige Rauchschwaden über dem Nachbardorf zu sehen, das offenbar bombardiert wurde. Für die fünf Jugendlichen, die der Film über fast drei Jahre hinweg bis kurz vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine am 24. Februar 2022 begleitet und porträtiert, scheint das längst Alltag geworden zu sein. Sie sind seit ihrer Kindheit nichts anderes mehr gewohnt.
Scheinbar ungerührt von der drohenden Gefahr zünden sie ein Feuerwerk, reparieren ein Motorrad, zeichnen und malen, tanzen gemeinsam im Freien und feiern kleine Partys. Und doch hat der Krieg seine Spuren bei allen von ihnen hinterlassen. Eines der beiden Mädchen malt düstere Aquarelle, eine andere sucht mit ihrer Kamera die Orte der Zerstörung auf und dokumentiert sie: ausgebrannte Häuser, Ruinen mit Einschüssen an den Wänden. Ein Junge montiert zerstörte Telefonleitungen ab, um die Drähte zu verkaufen. Ein anderer hisst demonstrativ die ukrainische Fahne auf einem Bauernhof, um damit der Welt zu zeigen, dass man sich trotz der bislang überwiegend gesprochenen russischen Sprache nicht als Russe, sondern als Ukrainer fühlt. Eine Jugendliche spricht das aus, was andere nur denken. Für sie war das Jahr 2014 der größte Einschnitt in ihrem Leben, denn mit dem Beginn des Kriegs wurde alles zerstört, ihre alte Heimat existiert seitdem nicht mehr. Noch aber sind die Bergwerke, in denen die meisten Väter der Jugendlichen arbeiten, in Betrieb. Als ein Sohn seinen Vater untertage begleitet, erfährt er hautnah, dass es ein dreckiger Knochenjob ist. Übertage sieht es nicht viel besser aus. Alle Jugendlichen haben dennoch Träume von einer besseren Zukunft. Doch weit weg von den großen Städten, mitten auf dem Land ohne ausgebaute Infrastruktur und ohne finanziellen Rückhalt, bleiben ihnen nur die Träume.
Wenigstens für kurze Zeit können sie diesem tristen Alltag entfliehen. Der ukrainische Forscher Valentyn Shcherbachev hat ein Projekt gestartet, das Jugendlichen eine Reise nach Nepal ins Himalaya-Gebirge finanziert. Illia, Liza, Ruslan, Andriy und Lera gehören zu den Auserwählten. Wochenlang bereiten sie sich auf diese Reise vor, trainieren hart, um den Strapazen gewachsen zu sein. Immerhin soll es zu Fuß bis ins Basislager des Annapurna auf über 4100 Meter Höhe gehen. Trotz Regen beim Aufstieg durch blühende Rhododendronbüsche ist es „das Schönste“, was sie je gesehen haben. Am Ende werden sie kurz nach Sonnenaufgang mit einem grandiosen Ausblick auf schneebedeckte Achttausender belohnt. In der festen Überzeugung „nichts ist unmöglich“ reisen sie zurück in den Dombass. Im Nachspann ist zu lesen, dass es drei dieser Jugendlichen nach der russischen Invasion 2022 gelungen ist, im Exil eine neue Zukunft aufzubauen, Ruslan und Illia allerdings blieben in den besetzten Gebieten zurück und von ihnen fehlt bis dato jede Spur.
Ansatzweise lässt sich der Dokumentarfilm von Alisa Kovalenko (Jg. 1987) sogar als ethnografischer Film bezeichnen, denn sie hielt mit der Kamera – unaufdringlich und den Jugendlichen in vielen Großaufnahmen doch sehr nah – den Lebensalltag einer klar abgegrenzten Gruppe fest. Diese Jugendlichen haben ganz ähnliche Bedürfnisse wie Gleichaltrige in anderen Teilen der Welt, sie hören gerne Musik und machen Party. Vor allem möchten sie sich frei entfalten. Nicht zuletzt durch Kriegseinwirkungen werden sie jedoch daran gehindert, eine Zukunft für sich aufzubauen.
Als Zuschauer*in weiß man inzwischen, dass die im Film gezeigten Orte und Lebensbedingungen der Vergangenheit angehören. Die Häuser sind alle weitgehend zerstört, die Überlebenden, soweit sie nicht rechtzeitig fliehen konnten, wurden von der russischen Besatzung zwangsweise „russifiziert“. Zugleich ist der Film ein wichtiges Zeitdokument, das zeigt, wie Jugendliche unter solchen harten Kriegsbedingungen aufwachsen und dennoch nicht ganz ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft verlieren.
So bruchstückhaft diese Einblicke in den Alltag der fünf Jugendlichen auch sein mögen, liefern sie in der Montage dennoch ein stimmiges Gesamtbild in knapp 100 Minuten. Dafür mussten allerdings viele gute Szenen aus dem umfangreichen Material geopfert werden, was eines der größten Herausforderungen beim Schnitt war, wie die Regisseurin und ihre Schnittmeisterin in Berlin anlässlich der Aufführung des Films im Wettbewerb Generation 14plus betonten. Alisa Kovalenko wollte ursprünglich einen Film über die Kraft von Träumen machen. Sie wurde dann auf das Projekt des 73-jährigen Forschers Valentyn Shcherbachev aufmerksam, durfte sogar die Bewerbungsschreiben und Briefe der Jugendlichen lesen und lernte auf diese Weise die fünf Jugendlichen schon vorab genauer kennen, die später zu den Protagonist*innen ihres Films wurden. Damals ahnte sie noch nicht, dass sich die Produktion des Films über drei Jahre erstrecken würde. Nach dem russischen Angriffskrieg schloss sie sich den ukrainischen Streitkräften an, hatte nach einem halben Jahr aber das Gefühl, den Film gerade auch im Hinblick auf ihre Protagonist*innen endlich fertigstellen zu müssen, um ihnen und der Welt zu vermitteln, dass „nicht alles nichts“ gewesen ist. Genau dieses Gefühl transportiert dieser Film, selbst wenn die Impressionen mitunter sehr elliptisch wirken und die für die Beteiligten bedeutsame Reise nach Nepal fast etwas zu kurz gehalten ist.
Holger Twele
My ne zgasnemo - Ukraine, Frankreich, Polen, USA 2023, Regie: Alisa Kovalenko, Festivalstart: 18.02.2023, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 98 Min. Kamera: Serhiy Stetsenko. Musik: Wojciech Frycz. Schnitt: Maryna Maykovska, Kasia Boniecka. Produktion: Trueman Production, in Koproduktion mit HAKA Films, East Road Films, ARTE, Telewizja Polska S.A., Current Time TV. Verleih: offen. Mitwirkende: Illia, Liza, Ruslan, Andriy und Lera u. a.
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