Sandstern
1980 kommt ein türkischer Junge bei seinen in Deutschland lebenden Eltern an - und fühlt sich wie ein Beduine.
Das Leben ist kein Wunschkonzert, erklärt Anna dem zwölfjährigen, an Hämophilie erkrankten Oktay. Es gebe nun einmal Schicksalsschläge, denen man sich fügen müsse. Das hat sie am eigenen Leib erfahren. Und ihre Maxime gelte genauso für ihn als Kind. Doch die Ersatz-Großmutter weiß auch, wie sich Unheil entschärfen lässt. Es bedarf Menschen wie ihrer, mit denen Oktay seinen Schmerz teilen kann.
Vordergründig breitet Yilmaz Arslan in „Sandstern“ die Erlebnisse eines türkischen Jungen aus, der 1980 in der Fremde, auf einem deutschen Flughafen, landet und sich plötzlich mit seinen in der Bundesrepublik lebenden Eltern konfrontiert sieht. Die haben, ganz zeitgemäß, die Rollen getauscht. Während die aufgetakelte Mutter Drogen verkauft, gefällt sich der Vater in der Pose des Serienhelden Magnum und kocht für die ganze Familie. Dabei setzt der Regisseur die Geschichte des Jungen plastisch ins Bild, in all ihren komischen, in ihren schönen wie wütenden und traurigen Aspekten. Doch eigentlich erzählt er von der Krise des in die Jahre gekommenen erwachsenen Oktay. Dessen übergeordnete Erzählstimme könnte sich nun für ein junges Publikum durchaus als Rezeptionsproblem erweisen, auch wenn der Film für sie eine einfache literarische Ausdrucksform, die des Märchenerzählers gewählt hat. So sitzt der erwachsene Oktay anfangs trommelnd auf einem Stein in der Wüste und fabuliert von einem gehörlosen Beduinen. Der verließ seinen angestammten Ort, wobei ihm, wie schon seiner Großmutter, ein Stern den Weg in der Fremde wies. Dieser märchenhafte Beginn, der daraufhin in den Alltagserfahrungen des zwölfjährigen Oktay eine konkrete Form erhält, verleiht dem Film nicht nur den narrativen Rahmen und eine zweite Erzählebene, sondern verdichtet auch poetisch die existentielle Situation des Auszugs in die Fremde und macht sie so leichter zugänglich, zugleich auch offener für eigene Assoziationen.
Offenbar fühlt sich der erwachsene Erzähler Oktay ziemlich desolat. Mit Melancholie, aber auch mit Abstand blickt er auf die eigene Jugend zurück, wobei ihn sein Musikinstrument begleitet, das der Film auch zur dramaturgischen Akzentuierung einsetzt. In der Vergangenheit sucht der ältere Mann etwas wiederzufinden, das offenbar nicht nur ihm abhanden gekommen ist, sondern, wie der Film kritisch bemerkt, auch in der heutigen Gesellschaft zum Mangel geworden ist. Es sind die Momente der Leichtigkeit, des Humors, des Spiels und der Expressivität, der Überschreitung von Rollen, aber auch der Mitmenschlichkeit, der Solidarität und des Mitgefühls.
Trotzdem malt Arslan die Zeit keineswegs schön. Schon die Ausstattung der Innenräume oder die grell gemusterten Kleiderstoffe lassen die Geschmacklosigkeiten jener Zeit wiederauferstehen. Und er zeichnet auch die Reaktion der deutschen Gesellschaft nicht weich. Wie demütigend ist es für Oktay, als er in der Schule wegen seiner Deutschkenntnisse wieder zurückgestuft wird. Oder wie er bestraft wird, als er sich gegen rassistische Sprüche zur Wehr setzt. Aber Arslan zeigt auch, wie sich der aufgeweckte und eigenwillige Junge aus diesen Situationen befreien kann. Den Erwachsenen begegnet er ebenbürtig, lässt sich auf die neuen Lebensumstände ein, ohne sich klein machen zu lassen und schließt sich jenen Menschen an, die sich ihm zuwenden, auch wenn er sie manchmal zurückstößt. Da gibt es Anna, die Oktay wie eine Großmutter versorgt und ihm Deutsch beibringt, und findet später in einer Rehabilitierteneinrichtung in dem behinderten Thomas einen wahren Freund. Mit diesem Schauplatz spannt Arslan auch filmisch den Bogen zurück zu seinem preisgekrönten Debüt „Langer Gang“ (1992).
Das Entwicklungsdrama „Sandstern“ unterstreicht, dass man sich mit der eigenen Geschichte aussöhnen sollte. Daraus strömt der Stoff für poetische Geschichten. Und das Geschichtenerfinden und –erzählen würdigt der Regisseur als große Kulturleistung. Mit ihr können schmerzhafte Erfahrungen nicht nur verarbeitet werden. Sie können wie dieser bezaubernde Film zur Kraftquelle für andere und gegen den Zeitgeist werden.
Heidi Strobel
Sandstern - Deutschland, Luxemburg, Belgien 2017, Regie: Yilmaz Arslan, Kinostart: 29.11.2018, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 88 Min., Buch: Yilmaz Arslan, Kamera: Jako Raybaut, Schnitt: Sophie Vercruysse, Musik: Firas Hassan, Produktion: , Verleih: Camino, Besetzung: Roland Kagan Sommer (Oktay), Erdal Yildiz (Oktay als Erwachsener), Taies Farzan (Mutter Fatma), Hilmi Sözer (Vater Sabri), Katharina Thalbach (Anna), Marcus Eim (Thomas), Larissa Faber (Monika), Sinem Bilgi (Tina) u. a.
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