Der Nussknacker und die vier Reiche
Trotz vieler Freiheiten steht das opulente Märchen Tschaikowskis Ballett doch nahe - im positiven wie im negativen Sinne.
Die gemischten, seitens der Kritiker*innen tendenziell negativen Reaktionen auf Disneys neuestes Weihnachtsspektakel haben etwas von einem Déjà-vu – schließlich war auch Tschaikowskis Ballett „Der Nussknacker“ zunächst kein Erfolg beschieden. „Um die Wahrheit zu sagen“, schrieb Tschaikowski in einem Brief nach der Uraufführung, „es war etwas langweilig trotz der prachtvollen Inszenierung. Die Zeitungen machten mich wie immer schonungslos herunter.“ Man muss das Ballett selbst nicht gesehen haben, um Tschaikowskis zauberhafte Kompositionen wiederzuerkennen: Sie haben die Zeit überdauert und tauchen immer wieder in der Werbung oder in Filmen auf, einzelne Motive sogar in Rock- und Popsongs. Aber die kritische Beurteilung des Librettos zum Nussknacker (das nicht direkt auf E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Nussknacker und Mäusekönig“ zurückgeht, sondern auf eine Version von Alexandre Dumas d. Ä.) hat auch heute noch Bestand: Durch die lose Handlung verkommt der zweite Akt zur Nummernrevue.
Die opulente CGI- und Live-Action-Mixtur „Der Nussknacker und die vier Reiche“ weist zu seinen Inspirationsquellen (die am Ende des Films explizit genannt werden) ein recht merkwürdiges Verhältnis auf: Einerseits bedient sich der Film so lose und bruchstückhaft an Motiven aus Hoffmanns Kunstmärchen und Tschaikowskis Suiten, dass es beinah etwas unverschämt ist, durch den Titel dennoch die berühmten Vorbilder aufzurufen und so von ihrem Prestige zu profitieren, zumal der Nussknacker hier eine völlig untergeordnete Rolle spielt, ja nicht einmal mehr ein Nussknacker ist und auch die vier Reiche weniger bedeutsam sind, als es der Titel erwarten lässt. Andererseits steht der Film dem Ballett dadurch nahe, dass er die Fehler des Librettos wiederholt, einzelne Teile zwar wunderbar funktionieren und herrlich anzuschauen sind, sich aber nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen. Von Hoffmanns Erzählung wiederum scheinen einige düster und grotesk anmutende Elemente inspiriert zu sein, die für jüngere Zuschauer*innen aber zu unheimlich sein dürften; um als Märchen für Erwachsene zu fungieren, ist der Stoff wiederum - in disneytypischer Manier - zu simpel geraten.
Keinesfalls fehlen darf dabei natürlich die bittersüße Rahmung des im London des 19. Jahrhunderts angesiedelten Abenteuers, das zunächst in die schmerzlich präsente Abwesenheit eines verstorbenen Elternteils einführt und schließlich mit familiärer Versöhnung endet: Für die Kinder der Familie Stahlbaum ist es der erste Weihnachtsabend ohne ihre Mutter. Jedem ihrer drei Kinder hat sie ein Geschenk hinterlassen; der klugen Clara eine eiförmige, verschlossene Schatulle, in der die Mutter – so steht es auf dem beiliegenden Zettel – Clara angeblich alles hinterlassen hat, was sie benötigt. Aber was hilft es Clara, ohne den Schlüssel zu besitzen? Sie bittet ihren Patenonkel zu Hilfe, den Uhrenmacher Drosselmeyer, der ein luxuriöses Weihnachtsfest veranstaltet. Das Schloss kann der Pate nicht öffnen, aber als es an die Bescherung geht, führt ein Faden Clara durch die Villa hindurch in eine andere Welt hinein.
Am Fadenende hängt er schließlich, der schlüsselförmige MacGuffin, und wird sogleich von einem niedlichen Mäuschen entwendet, dem Clara hinterherjagt. Ein Soldat in roter Husarenuniform verstellt ihr zunächst den Weg, geleitet sie dann aber zu den Herrschenden des Reichs, denn es stellt sich heraus, dass Claras Mutter einst die Königin dieser fantastischen Welt war und Clara dort als Prinzessin gilt. Clara trifft eine überdrehten Zuckerfee, Herrscherin über das Naschwerkreich, sowie auf die Herrscher zweier weiterer Reiche, deren Beitrag zur Handlung so gering ausfällt, dass man ihre Bezeichnungen und Gesichter sofort wieder vergisst. Sie hoffen auf Claras Unterstützung in der Auseinandersetzung mit „Mutter Ingwer“, die ein abtrünnig gewordenes viertes Reich regiert, das Vergnügungsland. Eine kleine Ballettaufführung soll Clara die Geschichte der vier Reiche nahebringen, doch obgleich diese Aufführung absolut zauberhaft ist und man sich wünschte, man könnte noch viel länger der Primaballerina Misty Copeland zusehen und beim grotesken Auftritt von Tänzern in Mauskostümen erschauern, erklärt dieses kleine Spiel im Spiel doch herzlich wenig. Stattdessen ist es erneut der Schlüssel, der alles zusammenhält: Er wird zur Verteidigung gegen Mutter Ingwer gebraucht und Clara zieht mit einigen Gefolgsleuten ins gefürchtete vierte Reich, wo sich der Schlüssel nun befindet. Irgendwann folgt schließlich inmitten dieses narrativen Wirrwarrs - nicht als allmählicher Erkenntnisgewinn, sondern als blitzschnelle pädagogische Botschaftsdreingabe – Claras obligatorische Selbsterkenntnis, die ihre Selbstzweifel wegwischt, zudem ein Twist in der Geschichte, der zu einer Neubewertung der grob skizzierten Figuren führt, es folgen waghalsige Rettungsaktionen und ein Kampfgetümmel samt zum Leben erweckter Zinnsoldaten, die mit ihren Schwertern immerfort in den vielgestaltigen Mäusekönig hineinstechen.
Dieser Mäusekönig ist die beeindruckendste Animationsleistung im Film: Ein großes Mausungeheuer, das aus einer Vielzahl kleiner, wimmelnder Mäuse zusammengesetzt ist, eine so faszinierende wie unheimliche Gestalt. Nicht nur bei ihrem Anblick mag man sich über die Altersfreigabe (freigegeben ohne Altersbeschränkung) etwas wundern, denn neben diesem „Superorganismus“ sorgen auch einige bedrohlich wirkende Harlekinfiguren, die Maske der Mutter Ingwer oder die lebendig gewordenen, lebensgroßen Zinnsoldaten mit ihren mechanischen Bewegungen und überwiegend ausdruckslosen Gesichtern für Gruselmomente. Aufgefangen wird dies zum Teil von den prunkvollen Kostümen und den schön anzuschauenden, sehr unterschiedlichen (aber auch sichtbar künstlichen) Sets, und auch die mutige, technisch-naturwissenschaftlich begabte Clara gibt Kindern als Identifikationsfigur Halt. Insgesamt bleibt jedoch nicht nur in Bezug auf die Publikumsadressierung der Eindruck von Unausgewogenheit, von einem munteren Neben- und Durcheinander von Glanz- und Fehlleistungen. Nach einer schwindelerregenden Kamerafahrt zu Beginn bietet es keinen nennenswerten Mehrwert, den Film in 3D anzusehen, die Musik ist brillant, solange sie von Tschaikowski stammt, und wirkt umso austauschbarer, wenn sie es nicht tut, Motivlagen werden ungenügend erklärt, dafür narrativ überflüssige Szenen integriert. Grusel und Kitsch gehen zumindest durch ihre gemeinsame, visuell überbordende Pracht stimmig ineinander über, während Rührstück- und Actionszenen vermutlich nicht einmal derselben inszenierenden Hand entstammen.
Vielleicht wäre dieser Film ein anderer geworden, hätte man das Hoffmannsche Märchen, das als Teil der Erzählsammlung „Die Serapionsbrüder“ erschien, mit mehr Aufmerksamkeit gelesen und sich die Aussage jener Figur zu Herzen genommen, der zufolge es „ein großer Irrtum [ist], wenn man glaubt, dass lebhafte fantasiereiche Kinder (…) sich mit inhaltsleeren Faseleien, wie sie oft unter dem Namen Märchen vorkommen, begnügen.“ Vielleicht war es ein gar zu großes Wagnis, das Drehbuch und damit Herzstück einer so riesigen Produktion in die Hände einer relativ unerfahrenen Autorin zu geben. Vielleicht verdankt sich das Kuddelmuddel zum Teil auch der Entscheidung der Produzent*innen, sich zusätzlich zu Lasse Hallström mit Joe Johnston („Captain America: The First Avenger“) noch einen weiteren Regisseur ins Boot zu holen, der einen Monat lang Material nachdrehte. Das Gesamtergebnis wird zwar sicher trotz allem alle Jahre wieder seinen Platz im Feiertagsprogramm-Repertoire finden, aber es bleibt: „etwas langweilig trotz der prachtvollen Inszenierung“.
Natália Wiedmann
The Nutcracker and the Four Realms - USA 2018, Regie: Lasse Hallström, Joe Johnston, Kinostart: 01.11.2018, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 9 Jahren, Laufzeit: 100 Min., Buch: Ashleigh Powell, Simon Beaufoy, Kamera: Linus Sandgren, Schnitt: Stuart Levy, Musik: James Newton Howard, Produktion: Larry J. Franco, Lindy Goldstein, Mark Gordon, Verleih: Walt Disney, Besetzung: Mackenzie Foy (Clara Stahlbaum), Keira Knightley (Zuckerfee), Helen Mirren (Mutter Ingwer), Morgan Freeman (Onkel Drosselmeyer), Jayden Fowora-Knight (Philip) u. a.
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