Mignonnes
Auf Netflix: Ein elfjähriges Mädchen sucht nach Vorbildern. Wie soll, wie kann, wie will sie als junge Frau sein?
Die Füße der Mutter zittern. Ein zweites Paar Füße rückt näher; unbarmherzig fordert die Stimme der strengen Tante, dass die Mutter noch eine weitere Bekannte anrufen und informieren soll. Darüber, dass ihr Mann eine zweite Frau heiraten wird. Sie soll „eine echte Frau“ sein, sie soll ihre Pflicht erfüllen, verlangt die Tante. Die Mutter setzt sich aufs Bett und gehorcht, doch sie muss den Anruf unterbrechen, weil sie von Schluchzen gepackt wird. Sie schlägt sich ins Gesicht, sie reißt sich zusammen, setzt das Telefonat fort. Lacht über die angeblich schlechte Verbindung und versichert, dass sie dem Brautpaar nur das Beste wünscht. Unter dem Bett liegt ihre elfjährige Tochter Amy, die unbemerkt alles mitgehört hat. Das Gespräch, das Schluchzen, das erzwungene Lachen. Unter dem Bett vergießt Amy lautlose Tränen.
Wie zentral diese Szene für das Spielfilmdebüt der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin Maïmouna Doucouré ist, erschließt sich erst im Rückblick. Zunächst einmal erklärt sich aus dieser Szene, warum Amy an ihrer neuen Schule von den „Mignonnes“ fasziniert ist, denn diese Mädchengruppe ist sichtbar, sie ist laut, ungestüm und selbstbewusst. Bei einem Tanzwettbewerb wollen die vier Schülerinnen zeigen, was sie drauf haben; sie erhoffen sich die Anerkennung der Peers und – zumindest in einem Fall – auch der Eltern. Ein entwendetes Handy verschafft Amy Zugang zur Clique: Sie filmt sie beim Tanzen, übt im Bad ihre Choreographie ein. Und sie sieht sich im Netz weitere Videos an, bringt den anderen Mädchen neue Moves und Posen bei, von denen sie nicht zu wissen scheinen, was mit diesen Ausdrucksweisen assoziiert ist. Von denen sie nicht zu ahnen scheinen, dass sie als anstößig empfunden werden, geschweige denn warum.
Die kontrovers diskutierte Inszenierung der sexualisierten Choreographie der Mignonnes führt zurück zur beschriebenen Schlüsselszene, denn diese setzt ein Problem ins Bild, das der Film immer wieder aufgreift: „Mignonnes“ erzählt von Heranwachsenden, die – wie es für Heranwachsende typisch ist – mehr sehen und hören als das, was die Erwachsenen um sie herum sie bewusst sehen und hören lassen. Und die dann leider damit allein gelassen sind, das Gesehene und Gehörte einzuordnen. Die sich etwa auf dem Schulklo pornographische Bilder ansehen und groteske Vorstellungen von Sex entwickeln. Die unvorbereitet mit widersprüchlichen Erwartungen und verunsichernden Erlebnissen konfrontiert werden – so wie Amy nach einer körperlichen Auseinandersetzung auf dem Pausenhof.
Weil Amys kindlicher Schlüpfer zu sehen war, folgt Häme für die Mignonnes. Nun würde sie niemand mehr ernst nehmen, beklagt Angelica, die inoffizielle Anführerin der Gruppe. „Die sagen, wir sind Kinder. (….) Wir müssen was tun.“ Als Amy den Imageschaden jedoch durch ein Foto zu beheben versucht, das ihr „Frausein“ bezeugen soll, wird einer ihrer Klassenkameraden übergriffig und schlägt ihr auf den Hintern. „Wer ist hier die Schlampe, du oder ich?“, rechtfertigt er sich in einem klassischen Beispiel von Victim Blaming. Auch ihre Clique wirft Amy vor, zu weit gegangen zu sein, den Ruf der Mignonnes ruiniert zu haben. Statt sich zu solidarisieren, grenzen sie Amy aus.
Sie wissen es nicht besser. Sie können auch die Reaktionen nicht erahnen, die ihre Tanzaufführung beim Publikum auslösen wird, schließlich haben sie im Netz vor allem die erhofften Likes erhalten und positives Feedback bei der „Casting-Runde“. Tatsächlich klatscht das Publikum zunächst begeistert, obwohl der Tanz der knapp bekleideten Elfjährigen von Beginn an sexuell aufgeladen ist. Der Unterschied zwischen dem sozial Akzeptierten und dem sozial Sanktionierten, zwischen Begeisterung und Buhrufen (auch das eine Form verfehlter Schuldzuweisung), ist ein gradueller, kein absoluter. Erst in der ungewollten Überschreitung merken die Mädchen, dass da eine Grenze ist. Wo genau diese verläuft, können sie sich aber vermutlich auch danach nicht erklären.
In Amys Schrank hängt ein Kleid aus dem Senegal, so lang und hochgeschlossen, wie ihre Tanzkleidung freizügig ist. Ein Geschenk ihres Vaters. Ein Geschenk, das sie erst heiß ersehnt und bestaunt, dann aber ablehnt, als sie erfährt, dass sie es auf der Hochzeit des Vaters tragen soll. Lockend und drohend wölbt sich das Kleid, das Symbol einer anderen (Frauen-)Rolle, in die Amy schlüpfen könnte. Es scheint auf einen kulturellen Gegensatz zu verweisen, doch die Stärke von Doucourés Film besteht eben darin, dass sie solche vermeintlichen Gegensätze immer wieder durchkreuzt, dass sich ihr Film einer simplen Gegenüberstellung verweigert. Die Erzählung der strengreligiösen Tante von einem Hochzeitsbrauch, bei dem die Braut mit einem weißen Tuch verhüllt zum Bräutigam gebracht wird, der das Tuch schließlich lüftet, um sie seinen Freunden, Gästen und seiner Familie zu präsentieren, ruft in Erinnerung, dass die Objektifizierung von Frauen keine Erfindung der sozialen Medien ist und kein rein westliches Phänomen. Später ist es ausgerechnet der Iman (und eben keine der Frauen aus dem Gebetskreis), der Amys Mutter an ihr Recht erinnert, die Ehe zu verlassen. Religiöse und säkulare Lebensweise werden ebensowenig gegeneinander ausgespielt wie Männer und Frauen, Junge und Alte, direkte und medial vermittelte Erfahrungen. Das Tanzen der Mädchen wird nicht nur – über die Reaktionen anderer – als Problem gekennzeichnet, es ist auch eine Quelle des Selbstbewusstseins für die Figuren. Freiheit und Zwang, doppelte Standards, Anerkennung und Stigmatisierung finden sich in verschiedenen Formen auf verschiedenen Seiten. Selbst das Ende des Films mutet den Zuschauer*innen noch zu, mit den Widersprüchlichkeiten des Lebens konfrontiert zu sein, ist hoffnungsvoll und melancholisch-ernüchternd zugleich.
„Du bist jetzt eine Frau“, sagt Amys Mutter, nachdem Amy zum ersten Mal ihre Tage bekommen hat, aber was das bedeuten soll, erfährt Amy nicht. Sie ist damit so allein wie mit den heimlichen Tränen unter dem Bett, sie hat bis zum Schluss keine Antwort darauf. Der Film maßt sich nicht an, ihr oder dem Publikum eine einfache Antwort zu präsentieren, er bietet stattdessen etwas Wertvolleres: Er eröffnet einen Diskussionsraum, um mit Heranwachsenden wie Erwachsenen gleichermaßen in eine Auseinandersetzung über widersprüchliche Rollenerwartungen zu treten. Um über Verunsicherungen zu reden und über Halbwissen, über die Kontextabhängigkeit von Rollenbildern. Über die Grenzziehung zwischen sexuellem Empowerment und Selbst-Objektifizierung und darüber, wer diese Grenzziehung vornimmt. Deswegen ist es schade, dass der Streaminganbieter Netflix dem Film eine Altersempfehlung ab 16 Jahren erteilt hat – auf der Berlinale lief er in der Sektion „Generation Kplus“ mit einer Empfehlung ab 12 Jahren. Sich mit eben jenen Pre-Teens, die Doucouré zu ihrem Film inspiriert haben, auf Augenhöhe über ihre Erfahrungen und Gefühle auszutauschen, sich gemeinsam mit den 12- und 13-Jährigen dem Thema Geschlechterrollen zu widmen und einen Blick auf die unterschiedlichen Vorbilder im eigenen Familienkreis, bei den Peers oder in der Medienwelt zu werfen, ist fraglos eine große Herausforderung. Sich ihr zu entziehen heißt aber leider, die Heranwachsenden mit der Komplexität und Widersprüchlichkeit ihrer Erfahrungen so allein zu lassen wie die Mignonnes.
Natalia Wiedmann
Mignonnes - Frankreich 2020, Regie: Maïmouna Doucouré, Homevideostart: 09.09.2020, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 96 Min. Buch: Maïmouna Doucouré. Kamera: Yann Maritaud. Musik: Nicolas Nocchi. Schnitt: Stéphane Mazalaigue. Produktion: Zangro. Anbieter: Netflix. Darsteller*innen: Fathia Youssouf (Amy), Médina El Aidi-Azouni (Angelica), Esther Gohourou (Coumba), Ilanah Cami-Goursolas (Jess), Myriam Hamma (Yasmine) u. a.
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