Mary und die Blume der Hexen
Hiromasa Yonebayashi tritt in die Fußstapfen von Hayao Miyazaki und adaptiert ein europäisches Kinderbuch.
Mit „Mary und die Blume der Hexen“ gibt das neue Anime-Studio Ponoc sein Debüt. Ein unbeschriebenes Blatt ist der Regisseur des Films jedoch nicht. Hiromasa Yonebayashi begann seine Karriere bei Ghibli-Produktionen und arbeitete an Filmen wie „Chihiros Reise ins Zauberland“ (Hayao Miyazaki, 2001) oder „Ponyo“ (Hayao Miyazaki, 2008) mit. Bei „Arrietty – Die wundersame Welt der Borger“ aus dem Jahr 2010 führte er zum ersten Mal Regie, 2014 folgte der oscarnominierte „Erinnerungen an Marnie“, dessen ästhetische Handschrift bereits auf „Mary und die Blume der Hexen“ verweist.
Eine Woche vor Schulbeginn zieht Mary zu ihrer Großtante Charlotte aufs Land in ein großzügiges Herrenhaus mit Haushälterin und Gärtner, wo Mary es jedoch sterbenslangweilig findet. Bis ihre Eltern folgen sollen, vertreibt sich Mary die Zeit mit Erkundungen in der Umgebung. Doch auch im Dorf gibt es nichts zu entdecken, außer vielleicht den gleichaltrigen Peter, der sie wegen ihrer feuerroten Haare nur „rotes Äffchen“ nennt, dem aber immerhin die zwei reizenden Katzen Tib und Gib gehören. Auf ihren Streifzügen durch Wald und Flur findet sie eine seltene Blume, die nur alle sieben Jahre blüht und „Flieg-bei-Nacht-Blume“ genannt wird, weil sie, wie Mary bald feststellen wird, ungeahnte magische Kräfte verleiht. Auf einem alten Hexenbesen steigen Mary und Kater Tib in die Lüfte auf, um kurze Zeit darauf in der Magierschule Endor zu landen.
Rote Haare, als Hausgeist eine Katze, Hexenbesen – alles deutet darauf hin, dass sich eine begnadete Hexe in die Schule verirrt hat und die Schulleiterin gerät angesichts dieser Hexenaccessoires völlig aus dem Häuschen. Mary fühlt sich geschmeichelt und glaubt fast selbst daran, dass sie einiges an Zauberkunst auf dem Kasten hat. Als sie feststellt, dass die beiden Schulleiter*innen nichts Gutes im Schilde führen, ist es für Mary und Peter, den sie aus einer Unachtsamkeit in Gefahr gebracht hat, schon zu spät. Die Blume scheint der Schlüssel zu sein, der nun Marys Handeln antreibt.
Wie so oft bei den großen Animes werden hier Geschichten verwoben, die schon vor langer Zeit ihren Anfang nahmen, und Figuren tauchen auf, die man sich so als Märchenfigur gar nicht vorstellen kann und die so wandelbar sind, dass sie sich nie nur einer Eigenschaft zuordnen lassen. Die Wächter*innen der Schule können wie fliegende Fische durch die Luft gleiten und sich im nächsten Moment in wabernde schwarze Klauen verwandeln, die nach Mary greifen. Die Rektorin ist mal als Wassergeist, dann wieder als Papierflieger eine Bedrohung für die Kinder. Es sind unsere tiefsten Abgründe und verborgenen Ängste die hier abgerufen werden und mit denen der Regisseur furios spielt. Sie sind typisch für die Ausdrucksformen in Animes – und außerhalb Japans wird man wohl nur einen Bruchteil der kulturellen Konnotationen verstehen, die hier bedient werden. Aber es ist großartig anzusehen! Und der Wechsel zwischen explodierenden Experimenten, Verfolgungsjagden und gruseligen Tierversuchen einerseits und der Ruhe und Langeweile auf dem Landsitz andererseits könnte größer kaum sein. Hier knallige popartige Farbgebung, dort gediegene sanfte Aquarellbilder. Endor erinnert an die Zaubererschule Hogwarts aus der „Harry Potter“-Reihe. Aber „Mary und die Blume der Hexen“ basiert auf dem Kinderbuch „Der verhexte Besen“ der Britin Mary Stewart aus dem Jahr 1971 – womit sich wohl eher J. K. Rowling von dem Werk ihrer Landsfrau inspirieren ließ als dass Yonebayashi bei „Harry Potter“ abgekupfert hätte. Trotzdem ist es hier wie dort lustig, Schüler*innen beim Besenreitunterricht oder beim Verwandlungszauber zu beobachten, auch wenn diese nur sehr kurz auftauchen und im Verlauf der weiteren Geschichte keine Rolle mehr spielen. Da muss Mary dann ganz allein gegen die bösen Mächte kämpfen und findet über die Auseinandersetzung mit ihnen zu Selbstbewusstsein und Akzeptanz ihres Aussehens, denn bis dahin hatte sie ihre roten Haare stets zutiefst abgelehnt. In einem actionreichen Showdown kann sie beweisen, wozu sie fähig ist, um dann schließlich mit Peter den Start in ein ländliches langweiliges Schulleben zu wagen.
Katrin Hoffmann
Mary to majo no hana - Japan 2017, Regie: Hiromasa Yonebayashi, Kinostart: 13.09.2018, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 8 Jahren, Laufzeit: 102 Min., Kamera: Toru Fukushi, Buch: Riko Sakaguchi, Hiromasa Yonebayashi, nach dem Buch "The Little Broomstick" von Mary Stewart, Schnitt: Toshihiko Kojima, Musik: Takatsugu Muramatsu, Produktion: Yoshiaki Nishimura, Verleih: Peppermint Anime
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