Maleficent: Mächte der Finsternis
Düstere Fortsetzung des eigenwilligen „Dornröschen‟-Spin-Offs.
Als Disney 2014 „Maleficent – Die dunkle Fee“ (Robert Stromberg) ins Kino brachte, war das eine so naheliegende wie wagemutige Entscheidung. Naheliegend, weil die Titelheldin die womöglich formidabelste Antagonistin der klassischen Disney-Trickfilme ist und in der Logik des Remix-Kapitalismus ein eigenes Spin-Off mehr als verdient hatte. Wagemutig, weil sich der Film vornahm, die scheinbar eindeutig böse und selbstsüchtige Figur zu einer Sympathieträgerin zu entwickeln, also ihre Geschichte und die von „Dornröschen“ (Clyde Geronimi, 1959) neu zu erzählen.
„Maleficent – Die dunkle Fee“ wurde auf diese Weise zu einem düsteren Meta-Märchen und „Maleficent: Mächte der Finsternis“ knüpft direkt daran an: Aurora ist mittlerweile erwachsen, die Fee hat sie zur Königin der Moore gemacht, des Königreichs, in dem die magischen Wesen Zuflucht gefunden haben. Anders als Maleficent glaubt Aurora aber daran, dass ein friedliches Zusammenleben mit den Menschen möglich sei – und sagt gerne ja, als Prinz Phillip aus dem benachbarten Königreich (endlich) um ihre Hand anhält.
Was folgt ist eine vor allem fürs erwachsene Publikum schmerzhaft-amüsante Situation, das Aufeinandertreffen von Maleficent und Phillips Eltern bei einem Festmahl. Sehr schnell – dem Publikum wurde das schon vorher überdeutlich gezeigt – wird aber klar, dass Phillips Mutter Ingrith den Konflikt, sogar offenen Krieg mit Maleficent anstrebt. Der mit feinen bis schließlich sehr groben Spitzen reichlich ausgestattete Dialog zwischen den beiden ist ein kleines Lehrbuch der Bösartigkeiten.
Es ist ein wenig schade, dass der Film die Positionen einer seiner wichtigsten Figuren so schon sehr früh offenbart – zumal Michelle Pfeiffer als Ingrith in eine etwas eindimensionale Rolle geschoben wird. Pfeiffer holt heraus, was nur geht: Sie spielt ohne einen falschen Ton auf der ganzen Klaviatur von Schmeicheleien über vermeintliche Unschuld bis zu offenen Drohungen, und dabei wirkt dann Elle Fannings Aurora wirklich wie eine unbedarfte und recht naive junge Prinzessin.
Ingriths eigentliches Gegenüber ist natürlich Maleficent, und wann immer Angelina Jolie auf der Leinwand zu sehen ist, verblasst alles andere. Jolies Präsenz ist im Kino in den letzten Jahren eh ins Statueske, fast Majestätische gewachsen, und das würde für diesen Film wahrscheinlich schon genügen. Ihre Hörner und schwarzen Flügel vergrößern Maleficent noch einmal weiter, und mit Gesichtsprothesen und weißem Make-Up wirkt Jolie kantig, kalt und distanziert – ganz im Gegensatz zu den einladenden weichen, runden und stets rosig strahlenden Gesichtszügen von Fanning.
Regisseur Joachim Rønning nimmt in „Maleficent: Mächte der Finsternis“ die Meta-Erzählung des ersten Films auf und wendet sie hier zum Teil der Geschichte: Ingrith hat dafür gesorgt, dass in der Wahrnehmung der Bevölkerung Maleficent die böse, verfluchende Fee war und blieb – sie hat gewissermaßen die „Fake News“ des Märchens „Dornröschen“ unter die Menschen gebracht. Maleficent bleibt schließlich nur die Chance zu fliehen – und eher zufällig wird sie dabei mit einer Wahrheit über sich selbst konfrontiert, von der sie zuvor nicht wusste.
Da die Haltungen der meisten Figuren klar und unverrückbar sind, zieht „Maleficent: Mächte der Finsternis“ seine Spannung im Wesentlichen daraus, wie Maleficent sich gegenüber den Menschen in Zukunft verhalten wird – eine Spannung, die so groß nicht ausfallen kann, weil die Erwartungen an einen Disney-Familienfilm dann doch nicht enttäuscht werden dürfen.
Wobei das Drehbuch von Micah Fitzerman-Blue, Noah Harpster und Linda Woolverton die üblichen Familienfilm-Topoi doch immer wieder unterläuft. „Familie“ ist hier keineswegs nur positiv belegt. Begriff und Konzept gleichermaßen werden von Ingrith immer wieder genutzt, um Aurora in ihre Seite des Konflikts einzubinden – sei es als Teil der neuen königlichen Familie nach der zu erwartenden Hochzeit, sei es als Teil der Menschen im Gegensatz zu den magischen Lebewesen: Ingrith nutzt die Idee von Familie, um Aurora von der Welt, die sie liebt, abzuspalten.
Rønning nimmt aber auch zahlreiche religiöse Orte und Personen in den Film auf – die Schlosskirche, der Priester, der am Schluss die Hochzeit durchführt –, die zwar christlich wirken, aber keinen Bezug zu einer bestimmten Religion erhalten. Die ambivalente Titelheldin ist allerdings mehrfach als fallender schwarzer Engel zu sehen (so nennt sie auch der Song im Abspann) – man könnte meinen, „Maleficent: Mächte der Finsternis“ strebe eine neue Erzählung von Familie und Religion an. Aber der Film macht dann nichts damit.
Statt die Motive und Ambivalenzen zu erforschen, geht das letzte Drittel des Films vor allem in einer großen Schlacht auf, weit weniger düster und brutal als im Vorgänger, aber doch die Verhältnisse in letzter Konsequenz mit roher erzählerischer Gewalt auf ein gutes Ende einnordend. Gäbe es die seltsamen thematischen Untertöne, gäbe es vor allem Jolie und Pfeiffer nicht, „Maleficent: Mächte der Finsternis“ wäre am Ende einfach nur eine weitere fotorealistische CGI-Bilderschlacht.
Rochus Wolff
Maleficent: Mistress of Evil - USA 2019, Regie: Joachim Rønning, Kinostart: 17.10.2019, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 13 Jahren, Laufzeit: 118 Min. Buch: Micah Fitzerman-Blue, Noah Harpster, Linda Woolverton. Kamera: Henry Braham. Musik: Geoff Zanelli. Schnitt: Laura Jennings, Craig Wood. Produktion: Duncan Henderson, Angelina Jolie, Joe Roth. Verleih: Walt Disney. Darsteller*innen: Angelina Jolie (Maleficent), Elle Fanning (Aurora), Harris Dickinson (Prinz Phillip), Michelle Pfeiffer (Königin Ingrith), Sam Riley (Diaval) u. a.
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