Maya, schenkst du mir einen Titel?
Die Tochter liefert Ideen, der Vater dazu Kurzfilme: Animiertes Gemeinschaftswerk von Michel+Maya Gondry
Panik in Paris: Ein Erdbeben erschüttert die Stadt. Die Häuser schwanken, der Asphalt reißt auf, der Eiffelturm stürzt um. Alle haben Angst, außer die kleine Maya, die sich einen Weg durch das Chaos bahnt und die Verwüstung fotografiert. Denn genau das hat sie sich von ihrem Vater gewünscht: eine Geschichte über ein Erdbeben. Und da ihr Papa der französische Regisseur Michel Gondry ist, hat er sie seiner Tochter nicht „nur“ erzählt, sondern aus dem Stoff einen kurzen Animationsfilm gemacht – natürlich mit ihr als Heldin, die am Ende tief im Erdinneren sogar die ungewöhnliche Ursache für die Naturkatastrophe finden wird.
„Maya beobachtet ein Erdbeben“ ist nur eine von vielen Episoden, aus denen sich „Maya, donne-moi un titre“ zusammensetzt. Seit ihrem dritten Geburtstag schickt Gondry seiner mittlerweile zehnjährigen Tochter animierte Bildergeschichten – auch um mit ihr in Kontakt zu bleiben, wenn er unterwegs ist. Alles habe damit angefangen, erklärt er im Film, als er ein Smartphone gekauft und festgestellt habe, dass mit dessen Zeitraffer-Funktion „alles zum Cartoon“ werden könne. Schon bald tauscht Gondry das Handy gegen einen Tricktisch und beginnt am Computer zu animieren. Papier, Schere, Stifte, Kleber ist ansonsten alles, was er braucht – und von seiner Tochter einen Titel, der vorgibt, was sie sehen möchte: „Maya im Meer mit einer Flasche Ketchup“ zum Beispiel. Oder „Maya und die magischen Tiere“. Mal ist sie Kapitänin, dann eine Nixe oder eine Polizistin, die es mit drei diebischen Katzen zu tun bekommt.
Die Animation ist dabei weit entfernt von den technisch makellosen Werken à la Pixar oder Disney. Maya hat gelbe Haare und blaue Punkte als Augen, bewegt sich steif und ungelenk und wirkt wie von Kinderhand gemalt. Gondry versteckt das Handgemachte nicht, im Gegenteil: Wer genau hinschaut, erkennt, wie er die Bilder in Bewegung setzt. Mitunter sieht man seine Finger, etwa, wenn er über eine gemalte Wolke eine Klarsichtfolie schiebt, mal mit weißen Schneeflocken, mal mit blauen Regentropfen darauf. Er legt seine Technik offen und freut sich über den Effekt: Die Papierfigur auf einen Hintergrund legen. Fotografieren. Die Figur ein wenig bewegen. Wieder fotografieren. „Nach zwölf Fotos hat man eine Sekunde Magie“, erklärt er im Film die Stop-Motion-Technik und den Zauber, der entsteht, wenn ein Stück Papier plötzlich „lebendig“ wird und der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind. So kann eben auch eine einzige Flasche Ketchup sämtliche Weltmeere rot färben. Maya kann die Öko-Katastrophe jedoch gerade noch abwenden: mit Unmengen von Pommes, die bekanntlich Ketchup magisch anziehen.
Man erkennt in „Maya, donne-moi un titre“ schnell die Handschrift von Michel Gondry, der seine Karriere als Regisseur von Werbeclips und Musikvideos begann und bereits für seinen zweiten Spielfilm „Vergiss mein nicht“ (2004) gemeinsam mit Charlie Kaufman den Oscar® für das beste Drehbuch erhielt. Er ist bekannt für seine gern etwas durchgeknallten, surrealistischen Geschichten und Bilderwelten und für virtuose Tricks wie man sie etwa in dem Clip zu „Fell in Love with a Girl“ (2002) von The White Stripes bestaunen kann, den er komplett mit Legosteinen realisiert hat. Nach dem Vorbild osteuropäischer Trickfilme kommt bei Gondry Wasser als Zellophan aus dem Hahn, schweben Watte-Wolken am Himmel, galoppieren Filz-Pferde über Wiesen. Bricolage-Technik verwendet er in seinen Videos ebenso wie in seinen Spielfilmen, etwa in seiner Romanze „Science of Sleep – Anleitung zum Träumen“ (2006).
„Maya, donne-moi un titre“ ist kindgerechter, es sind schließlich Geschichten vom Vater für die Tochter. „Papa animiert, Maya schaut, Mama liest vor“, heißt es im Film, was auch erklären mag, warum das, was man sehen kann, häufig noch einmal erzählt wird (im französischen Original übernimmt Pierre Nimey diese Rolle). Die gesamte Familie taucht auf – die Großeltern genauso wie die Katze Doubidou, die zur Lebensretterin wird, als sie Maya mit einem Föhn aus einem riesigen Schneeball befreit. Maya, die im Film auch die einzelnen Episoden ankündigt, erlebt abenteuerlichste Geschichten, zuweilen weht ein wenig schwarzer Roald-Dahl-Humor herüber, etwa wenn Maya durch Concochon, einem Mittel das Gurken in Cornichons verwandelt, selbst so klein wird, dass sie in der Badewanne durch den Abfluss in die Abwasserrohre von Paris flutscht und schließlich durch den Wasserhahn in den Salatkopf gespült wird, den ihre Mutter gerade wäscht. Und als Maya während des Erdbebens rausgehen will, beruhigt sie ihre Mutter angesichts der drohenden Gefahr, indem sie sich entzweireißt, um in Nu wieder zusammengeklebt zu sein: „Wir sind in einem Film von Papa! Alles ist aus Papier! Schau!“ Bleibt also zu hoffen, dass der Film seinen Weg in die deutschen Kinos finden wird und alle ihn schauen können. In Frankreich lief bereits die Fortsetzung „Maya, donne-moi un autre titre“.
Kirsten Taylor
Maya, donne-moi un titre - Frankreich 2024, Regie: Michel Gondry, FSK: ab , Empfehlung: ab 5 Jahren, Laufzeit: 61 Min., Buch: Maya und Michel Gondry, Kamera: Laurent Brunet, Schnitt: Elise Fievet, Musik: Laurent Brunet, Produktion: Partizan Films, Besetzung:
Altersempfehlung 3-5 Jahre
» Maya, schenkst du mir einen Titel?
» Die Mucklas … und wie sie zu Pettersson und Findus kamen
» Shaun das Schaf: Es ist ein Schaf entsprungen
» Die Schnecke und der Buckelwal
» Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mau
» Lotte und die verschwundenen Drachen
» Feuerwehrmann Sam – Plötzlich Filmheld!
» Der kleine Drache Kokosnuss – Auf in den Dschungel!
