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Wildwood

Im Kino: Prues Bruder wurde entführt. Von Krähen. In die Undurchdringliche Wildnis, die Prue eigentlich nicht betreten darf.

Gleich jenseits der Brücke, auf der anderen Seite der Stadt, befindet sich ein riesiger Wald. Für Prue und die anderen Kinder der Stadt ist er tabu. Niemand geht, niemand darf, niemand gelangt in die Undurchdringliche Wildnis. Auch Prue hat das akzeptiert. Doch nicht einverstanden ist sie damit, dass ihr kleiner Bruder Mac noch nicht einmal das Haus verlassen soll. „Mac muss nicht raus“, sagt ihr Vater ganz beiläufig. So, als ob es das normalste der Welt wäre, wenn Kinder immerzu im Haus bleiben. Und Prue muss ihrer Mutter versprechen, dass sie mit Mac drinnen bleibt, während die Eltern weg sind. Prue gibt nach – und fährt danach mit ihrem glucksenden Bruder im Fahrradanhänger trotzdem in die Stadt. Warum auch nicht? Schließlich ist Prue schon zwölf Jahre alt, also fast erwachsen. Viel erwachsener jedenfalls als ihr Schulfreund Curtis, der Kakao schlüft, während Prue Espresso trinkt, und der sich noch für Fantasyrollenspiele interessiert. Doch dann wird Prues Weltbild auf den Kopf gestellt.

Ein Krähenschwärm taucht auf und schnappt sich Mac. Die Vögel heben das Kleinkind in die Lüfte und schleppen es davon. Prue nimmt panisch die Verfolgung auf, mit Curtis im Fahrradanhänger. Noch einmal geht es quer durch die Stadt, dann über die Brücke und mitten hinein in die Wildnis. Blut klebt nach einem Sturz an Prues Hand. Es wird nicht ihre einzige Verletzung bleiben. Denn die Wildnis ist der märchenhafte Ort, den Prue längst glaubte, hinter sich gelassen zu haben. Eine Welt, in der Kojoten sprechen, Uniformen tragen und bewaffnet sind, in der überhaupt alle Tiere sprechen, in der Menschen leben, die dunkle Magie beherrschen, und in der ein Krieg droht, in den auch Prues Bruder verwickelt ist.

Aus dem epischen Fantasy-Kinderbuch „Wildwood“ von Colin Meloy, das mittlerweile zu einer ganzen Reihe herangewachsen ist, hat das Studio LAIKA („Coraline“) einen ebenso epischen Animationsfilm gemacht – und dabei wieder ganz auf traditionellen Stopptrick gesetzt. In nie dagewesener Präzision erwecken die Animator*innen die Figuren zum Leben und stellen dabei ihr Gespür für feinste Bewegungen unter Beweis, meisterhaft vermischt der Film den Charme des Greifbaren und Handgemachten mit ausgefeilten aufwändigen Kamerabewegungen, wie man sie eigentlich aus actionreichen Realfilmen kennt. „Wildwood“ ist zweifellos ein Film der Schauwerte und ein Erlebnis für die Sinne. Aber auch wenn er in eine durch und durch fantastische Welt führt, erzählt er doch in erster Linie von menschlichen, im Alltag verwurzelten Herausforderungen.

Mit Prue beginnt und endet die Geschichte, einem Mädchen, das gerade an einer Schwelle steht. Sie fühlt sich schon groß. Aber sie ist es noch nicht. Sie spielt erwachsen, weil sie erwachsen sein will. Aber in ihrem Zimmer stapeln sich noch die Kuscheltiere. Mit aller Macht versucht Prue immer und immer wieder, all das Kindische aus ihrem Leben zu verbannen, weshalb der Ausflug in die Wildnis zu einer immensen Herausforderung wird. Die Magie lebt in dieser Welt. Die Magie, mit der Prue eigentlich nichts mehr zu tun haben wollte, der sie aber, wenn sie ganz ehrlich ist, doch auch ein wenig nachtrauert.

In der Wildnis muss Prue sich beweisen. Sie gibt alles, um Mac zu retten. Sie erfährt von dem tragischen Schicksal von Alexandra, der menschlichen Anführerin der Kojoten, die ihren Sohn gleich zweimal verloren hat und es nun, ein alter dunkler Pakt ist schuld, auf Mac abgesehen hat, um sich die Welt zu machen, wie sie sie haben will. Während Prue in Spatzen, Uhus und Adlern, in Banditen und Mystiker*innen Verbündete findet, nehmen die Konflikte in der fantastischen Welt zu. Prue wird konfrontiert mit Trauer, Unglück, Mord, Gewalt, Verrat, mit Dingen, die sie versteht, und Dingen, die sie nicht versteht. Sie fühlt sich schuldig, ihren Bruder in diese missliche Lage gebracht zu haben, und muss Mut zeigen und Verantwortung übernehmen, um ihn zu retten. Im Rahmen eines großen Abenteuerfilms erzählt „Wildwood“ über das Erwachsenenwerden und die Erkenntnis, dass das Leben ambivalent ist. Dass Glück nicht märchenhaft unendlich ist, sondern vielleicht nur eine Momentaufnahme. Dass das Leben mehr Fragen bereit hält als Antworten.

Doch diese großen Themen behandelt der Film nicht aufgesetzt. Inmitten ziemlich brachialer Szenen – und „Wildwood“ erweist sich als außerordentlich brutal und skrupellos für einen Animationsfilm, der zugleich auch ganz verspielte humorvolle Situationen enthält – findet er die Zeit für melancholische Gespräche, in denen der Schmerz über die Vergänglichkeit der Kindheit und die Unsicherheiten, die mit dem Erwachsenwerden verbunden sind, ausgedrückt werden.

Die fantastischen Elemente dieser Welt, so schön sie hier auch inszeniert werden, mögen alle irgendwie vertraut wirken. Doch die Geschichten der Figuren berühren und treffen den richtigen Tonfall. Für Mac, den nerdigen Außenseiter in der realen Welt, der im Wald von Prue getrennt wird, geht es um die Suche nach Anerkennung und das Überschreiten von Grenzen. Alexandras Geschichte erzählt von der Unfähigkeit, einen Verlust zu akzeptieren und zu trauern, so wie es in „Wildwood“ immer wieder um das Nebeneinander von Loslassen und Bewahren geht. Eine Sache geht, eine andere beginnt. Manches muss man zurücklassen, manches kann, ja sollte man mitnehmen. Das gilt auch für den Übergang von der Kindheit in die Jugend.

Stefan Stiletto

© Capelight
12+
Animation

Wildwood - USA, Großbritannien, Kanada 2026, Regie: Travis Knight, Kinostart: 05.11.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 131 Min., Buch: Chris Butler, nach dem gleichnamigen Roman von Colin Meloy, Kamera: Caleb Deschanel, Schnitt: Christopher Murrie-Green, Musik: Dario Marianelli, Produktion: Laika, Travis Knight, Sam Wilson.

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