Zwei Sommer in der Badi
Entdeckt beim Filmfestival DOXS RUHR: Sechs Jugendliche, ein Sommer, ein Treffpunkt. Zwei Jahre später hat sich nicht nur die Badi verändert.
Die „Badi“ – ein tolles Wort für einen tollen Ort, nämlich für ein Schweizer Freibad. Dort zwischen Wasserrutsche, Fünf-Meter-Turm, grüner Liegewiese und Imbiss-Bude hat die Luzerner Dokumentarfilmerin und Produzentin Romana Lanfranconi zwei Jungen und vier Mädchen über zwei lange Sommer begleitet. Da sind die beiden Freundinnen Yamely und Fatma. Fatma hat gerade ihre Tage und kann nicht ins Wasser. Yamely empfiehlt ihr, Süßes zu essen, das hilft gegen das Unwohlsein. Sie philosophieren über das Tragen von Kopftüchern, darüber, wie sich ihre Lieblingsfarben verändert haben und warum man, nur weil man ein bisschen anders ist, gleich als „cringe“ eingeordnet wird. Ihre Gespräche drehen sich aber auch darum, wer sie sind: 50 Prozent Mädchen, 50 Prozent Junge? Oder einfach Demigirl? Für beide eine komplizierte Frage.
Auch Mia und Tiana sind „best friends forever“. Sie können sich einander alles anvertrauen und haben zusammen niemals Langeweile. Tiana hat bereits einen Freund. Stolz erzählt sie, dass sie mit Yannik schon zwei Monate und vier Tage zusammen ist.
Die Gespräche zwischen Mauro und Davide dagegen drehen sich eher um das Problem, dass sie in der Klasse zu den Kleineren gehören. Von Viert- und Fünftklässlern, die bereits größer sind, werden sie manchmal nicht ernst genommen und angemacht. Von Mädchen wissen sie nicht allzu viel, nur dass diese über Sachen reden, die die Jungen vielleicht erst in zwei Jahren interessieren.
Filmemacherin Romana Lanfranconi kann scheinbar gut zuhören, Kinder und Jugendliche ohne Druck und mit viel Zeit erzählen lassen und so ihr vollstes Vertrauen gewinnen. Jedenfalls schafft sie es in ihrem Dokumentarfilm, dass die Heranwachsenden sich offen und völlig ungezwungen unterhalten und dabei auch geheime Gedanken preisgeben.
Irgendwann kommt in der Badi die Durchsage: „Liebe Badegäste! Die Saison geht langsam zu Ende. Wir bedanken uns bei euch und freuen uns, euch in zwei Jahren wieder zu begrüßen!“ Die Badi wird saniert. Die Kamera fängt einen gewaltigen, rabiaten Umbruch ein, ähnlich dem der Pubertät. Da werden Bäume gefällt und brechen auf der Wiese zusammen, Bagger reißen krachend das leere Schwimmbad auf, zerlegen die orangefarbene Rutsche in kleine Einzelteile.
Zwei Jahre später tauchen Yamely, Fatma, Mia, Tiana, Mauro und Davide wieder in der neueröffneten Badi auf und agieren vor der Kamera. Nicht nur der Ort erscheint in einem neuen Gewand. Auch die Mädchen und Jungen haben sich verändert – äußerlich und innerlich. Nun gehören sie eindeutig zu den Jugendlichen. Und auch ihre Ansichten wirken sehr erwachsen. Sie können genau beschreiben, wie sie sich in der Pubertät fühlen – schlecht gelaunt und „angepisst“. Die Jungen bemerken, dass ihr Interesse fürs Gamen nachlässt, dass es keine Spiele mehr gibt, die ihnen Spaß machen. Vielmehr drehen sich jetzt ihre Gespräche um die zukünftige Ausbildung und darum, dass sie in ihren Jobs viel Geld verdienen wollen. Auch die Mädchen haben ziemlich genaue Vorstellungen von ihren Berufswünschen wie von ihrer Identität. „Ich weiß jetzt, dass ich eine Frau bin“, sagt Yamely selbstbewusst. Dass die sechs nun viel mehr von sich wissen und selbstsicher-fragend in die Zukunft schauen, zeigen auch die spannenden Statements am Schluss des Films.
Zwar spielen gesellschaftliche und ökologische Fragen dabei eine untergeordnete Rolle, dafür verbindet der Dokumentarfilm auf poetische Weise die Verwandlung eines wichtigen Ortes der Kindheit mit dem Erwachsenwerden seiner jungen Gäste und gibt damit einen anregenden Einblick in die Lebenswelt der sechs Jugendlichen.
Barbara Felsmann
Diese Kritik wurde im Rahmen der Berichterstattung über das Filmfestival DOXS RUHR 2026 verfasst.
Schweiz 2026, Regie: Romana Lanfranconi, Festivalstart: 09.10.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 52 Min., Buch: Romana Lanfranconi, Kamera: Simon Weber, Luzius Wespe, Balz Auf der Maur, Samuel Röösli, Musik: Céline Fankhauser, Sound Design: Peter von Siebenthal, Kathleen Moser, Sarina Baer, Schnitt: Katharina Bhend, Produktion: DokLab GmbH, SRF Schweizer Radio und Fernsehen, Mit: Mia Stankovic, Fatma Zekiroska, Mauro Strebel, Yamely Bölk, Tiana Müller, Davide Masciulli
