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Die Neuen

Entdeckt beim Schlingel: Zwei Brüder und ein Flüchtlingsmädchen, die dem Geheimnis der Verschmutzung eines Flusses auf die Spur kommen.

Gleich der Anfang dieses mexikanischen Kinderfilms lässt ahnen, dass er neue Perspektiven wagt. Die Kamera bewegt sich etwas wackelig dicht über dem Boden und im Vordergrund ragen seltsame Barthaare ins Bild. Schon bald stellt sich heraus, dass dies der Blickwinkel der kleinen verletzten Hündin namens Nube ist, die ihre verlorene Besitzerin sucht. Mateo und sein kleiner Bruder Tomás, die in einem Dorf im Bundesstaat Tabasco südlich des Golfs von Mexiko bei ihrer Mutter und dem Großvater wohnen, finden  Nube und pflegen sie gesund. Unterstützung bekommen sie dabei von ihrer der Mutter. Wie sich herausstellt, gehört die Hündin dem Mädchen Tiana, das sich mit einer Gruppe von Binnenflüchtlingen am nahegelegenen Fluss niedergelassen hat. Sie mussten offenbar wegen einer Umweltverschmutzung ihre Heimat verlassen.

Die „Neuen“, wie man sie nennt, werden von den erwachsenen Dorfbewohnern misstrauisch beäugt, zumal jene befürchten, sie könnten ihnen Arbeitsplätze wegnehmen. Hinzu kommt, dass der Fluss plötzlich verschmutzt ist, die Fische sterben und man darin auch nicht mehr baden kann. Mateo und Tomás dagegen freunden sich trotz des anfänglichen Verbots ihrer Mutter schnell mit Tiana an, die überglücklich ist, Nube wiedergefunden zu haben. Als im Dorf der undurchsichtige Guillén auftaucht, um Arbeiter für den Kiesabbau seines Unternehmens zu suchen, nennt Tiana ihn einen Lügner und Betrüger. Schließlich ist er es, der dafür dafür verantwortlich ist, dass die „Neuen“ ihre Heimat verlassen mussten. Doch niemand will ihr glauben. So machen sich die drei Freunde zusammen mit Nube heimlich auf den Weg stromaufwärts den Fluss entlang, um selbst herauszufinden, woher die Verschmutzung kommt. In Melody, der schon etwas älteren Tochter einer Widerstand leistenden Farmerfamilie, die um die den Kindern drohenden Gefahren weiß und sie zur Umkehr drängt, finden sie schließlich eine wichtige Helferin.

Wohltuend hebt sich dieser mexikanische Kinderfilm insbesondere von einigen aktuellen deutschen Produktionen ab. Natürlich lässt sich diese Geschichte nicht unmittelbar auf deutsche Verhältnisse übertragen, aber es ist schon bestechend und zugleich anregend, wie es dem Regisseur mit vergleichsweise unaufwändigen Mitteln gelingt, Interesse, Aufmerksamkeit und Spannung zu erzeugen. Und das, indem er drei Kinder aus einfachen sozialen Verhältnissen auf ihrer im Grund recht unspektakulären Reise entlang eines Flusses begleitet, die einfach nur herausfinden wollen, warum ihnen die Erwachsenen bewusst oder unbewusst wichtige Dinge verschweigen. Zugleich gelingt es dem Film, wichtige gesellschaftliche Themen zur Sprache zu bringen, wie die Angst vor dem Fremden und die globale Umweltverschmutzung, die nicht etwa nur in Mexiko, sondern auch auch hierzulande von Bedeutung sind.

Die  schnörkellos erzählte Geschichte über Freundschaft, Vorurteile gegenüber Fremden und Umweltverschmutzung konzentriert sich dabei ganz auf die jungen Protagonist*innen und ist aus ihrer Perspektive gefilmt. Es ist die Geschichte von Mateo, der zum Ich-Erzähler wird und sich kurz nach Filmanfang zur Kamera hin dreht und sich direkt an das Publikum wendet. Und obwohl es eine spannende Abenteuergeschichte bleibt, die auch tragisch ausgehen könnte, weiß das Publikum dadurch, dass sie gut ausgehen wird. Dazu braucht es zum Glück weder eine detektivisch arbeitende Kindergang, die über technische Sonderbegabungen verfügt, noch bedarf es eines neunmalklugen Tieres, geschweige denn einfältiger erwachsener Figuren, über die man bestenfalls lachen kann.

Das Hintergrundthema des illegalen Goldabbaus, der damit einhergehenden riesigen Umweltzerstörung und des Landkaufs unter falschen Versprechungen kommt klar und ohne simple Vereinfachungen zur Sprache. Das können auch Kinder sehr schnell nachvollziehen. Obwohl die Kinder bei ihrer Recherche natürlich unmittelbar in Gefahr geraten, stehen ihr Zusammenhalt und ihr gemeinsames unerschrockenes Handeln im Mittelpunkt, ohne künstliche Überdramatisierungen. Zugleich ist der Film in neun Kapitel unterteilt, die bereits im Titel andeuten, was gleich geschehen wird und damit Entspannung und bessere Übersichtlichkeit schaffen. Die existenzielle Bedrohung der Dorfbewohner*innen erfolgt nicht etwa durch die „Neuen“, sondern wird anhand von wiederkehrenden kurzen Bildmotiven visualisiert, in denen schwarze Limousinen mit Männern vorfahren, die dunkle Sonnenbrillen tragen, um aus reiner Profitgier alle im Dorf zu betrügen.

Frei von Klischees sind natürlich auch solche Szenen nicht, aber sie erleichtern es den Kindern, die Guten von den Bösen besser zu unterscheiden. Und das ist mitunter gar nicht so einfach. Denn zunächst wendet sich auch die Mutter der Brüder gegen die neuen Mitbewohner. Und nicht jeder, der dringend nach Arbeit sucht und den Versprechungen dieser gut angezogenen Männer Glauben schenkt, ist damit sofort ein Schurke.

Bemerkenswert an diesem Film ist noch ein anderer Umstand. Der in Uruguay geborene Regisseur Rodrigo Plá (Jg. 1968) hat diesen Film nach dem Drehbuch seiner Ehefrau Laura Santullo, einer ebenfalls in Uruguay geborenen Schriftstellerin, in seiner Wahlheimat Mexiko realisiert. Mit anderen Worten, beide konnten persönliche Erfahrungen einbringen, was es bedeutet, seine Heimat ungewollt verlassen zu müssen und in einem anderen Land neu anzufangen. Und da die Romanvorlage auch nicht als „Marke“ im herkömmlichen Sinn bezeichnet werden kann, legt die gemeinsame Arbeit an dem Film nahe, dass sie den Intentionen der beiden, einen kleinen, aber feinen Film zu produzieren, der auch auf dem Weltmarkt Beachtung findet, sehr nahe gekommen ist. Er tritt gerade seinen Siegeszug auf mehreren internationalen Festivals an und kommt hoffentlich auch bald ins deutsche Kino.

Holger Twele

Diese Kritik wurde im Rahmen der Berichterstattung über das Filmfestival SCHLINGEL - 31. Internationales Filmfestival für Kinder und junges Publikum 2026 verfasst

© Patra Spanou Film
10+
Spielfilm

Los nuevos - Mexiko, Spanien 2026, Regie: Rodrigo Plá, Festivalstart: 05.10.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 80 Min., Kamera: Ángel Jara Taboada, Musik: Camilla Uboldi, Schnitt: Santiago Zermeño, Produktion: Buenaventura Cine, Mr. Myagi Films, EFD Studios, Besetzung: Marco Santiago Sánchez López, Rosario López García, Vicente Emmanuel Liévano Méndez, José Luis Cruz Gómez, Gladys del Carmen Garcia Vázquez u. a.

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