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A Girl unknown

Entdeckt beim Filmfestival Lucas: Neue Familie, neuer Name. Während der Ein-Kind-Politik in China bestimmen andere, wer Wang Juan sein soll.

Als die sechsjährige Wang Juan Abschied von ihrem plötzlich verstorbenen Vater nimmt, rollt ihr eine Träne über die Wange. Über viele Jahre hinweg ist dies die einzige sichtbare Gefühlsregung, die in ihrem verschlossenen und traurigen Gesicht zu sehen ist. Erst zwölf Jahre später und nach einem langen Leidensweg ist sie fähig, kurz zu lächeln. Wie Wang Juan, die im Verlauf des Films von drei verschiedenen Darstellerinnen verkörpert wird, erging es in den 1980er- und 90er-Jahren vielen Mädchen in China. Denn es waren fast ausschließlich Mädchen, die während der strikten Ein-Kind-Politik des Landes weggegeben, ausgesetzt oder sogar getötet wurden.

Wang Juan wird in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Doch nach dem Tod des Vaters heiratet die Mutter erneut. Hochschwanger und in Erwartung eines Jungen gibt sie ihre Erstgeborene in eine bäuerliche Pflegefamilie. Dort bleibt diese nicht lange. Sie kommt zu einem Ehepaar aus der Stadt, dessen eigene Tochter gerade gestorben ist. Ein Schicksalsschlag, der die Ehe zu zerbrechen droht. Wang Juan wird nun zum zweiten Mal ein neuer Name gegeben.

Während der Mann die Ziehtochter zunächst kaum beachtet und ihr sogar ablehnend gegenüber steht, sorgt sich die Frau geradezu liebevoll um das neue Kind und gibt sich dabei viel Mühe. Sie kann aber nicht wirklich zu Wang Juan durchdringen, zumal diese deutlich spürt, dass sie doch nur ein Ersatz ist. So richtig freuen kann sie sich nie, selbst das Meer empfindet sie auf den Spaziergängen mit ihrer Ziehmutter eher als Bedrohung denn als erholsame Entspannung. Gleichwohl arrangiert sie sich mit der ungewollten Konstellation, ohne genau zu wissen, wer sie eigentlich ist und wohin sie gehört.

Als viele Jahre später die leibliche Mutter plötzlich bei der Pflegefamilie auftaucht und ihre Tochter um Vergebung bittet, keimt in Wang Juan kurz die Hoffnung auf, dass nun alles wieder gut wird. Doch es kommt anders und sie verliert abermals den Halt, den sie gefunden zu haben glaubte.

Die Kamera bleibt immer dicht an der Hauptfigur, bezieht aber auch ihre Umwelt und die Natur mit ein, um die Verlorenheit, die ständig präsente verborgene Gewalt und das innere Ringen Wang Juans zu visualisieren und erfahrbar zu machen. Viele Begebenheiten werden nicht ausgespielt, sondern nur angedeutet, was nicht etwa irritiert, sondern die Aufmerksamkeit des Publikums fordert und fördert. Zugleich gelingt es dem Film, eine insgesamt unterschwellige depressive Grundstimmung in Schranken zu halten. Denn der Film belässt es nicht bei dem, was Wang Juan widerfährt, sondern er zeigt auch, wie sie nach Jahren der Fremdbestimmung und einem radikalen Schritt beginnt, eigene Antworten auf die Fragen nach ihrer Identität zu finden.

Der Debütspielfilm der chinesischen Regisseurin und Autorin Zou Jing ist ein emotional berührendes Echo einer für Mädchen und Frauen gewaltvollen Zeit in China. Ein Langspielfilm, der an die Schicksale der Mädchen erinnert – der Regisseurin zufolge zum ersten Mal. Darüber hinaus ist der Film aber auch eine Geschichte über Identität. Eine Geschichte über ein Mädchen, dem immer wieder neue Namen, neue Familien und neue Rollen im Leben aufgezwungen werden. Lange entscheiden andere darüber, wer Wang Juan sein soll. Am Ende beginnt sie, darauf eigene Antworten zu finden.

Holger Twele

Diese Kritik wurde im Rahmen der Berichterstattung über das Filmfestival Lucas 2026 verfasst, wo der Film den Hauptpreis als bester Film in der Sektion „Youngsters“ gewann.

© LUCAS
16+
Spielfilm

无名女孩 / Wu ming nü hai - China, Frankreich 2026, Regie: Zou Jing, Festivalstart: 29.09.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 125 Min., OF mit engl. UT, Kamera: Zhongqiang Liang, Ton: Stéphane Thiébaut, Emeline Aldeguer, Guozhen Li, Musik: Valentin Hadjadj, Schnitt: Zou Jing, Tina Baz, Produktion: Maneki Films, Memoria Films, Weltvertrieb: Pyramide International, Besetzung: Gengxi Li (Wang Juan), Ruofan Cao (junge Wang Juan), Jiani Shen (Ding Meishuang), Feng Zu (Wang Weiqiang) u. a.