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Die Minerva-Akademie (Staffel 1)

Auf Netflix: Keine Fragen stellen, sondern Folge leisten. Doch der diesjährige Jahrgang der elitären Militärakademie Minerva hält dagegen.

An der Militärakademie Minerva haben die Offiziere ihre Rechnung ohne den diesjährigen Jahrgang gemacht. Denn die jungen Kadett*innen wehren sich gegen schikanöse Hierarchien und einen Korpsgeist, der auf Gehorsam basiert. Sie nehmen sogar harte Strafen und Sanktionen in Kauf, um ein Komplott aufzudecken. Dabei wachsen sie als Gruppe zusammen und entwickeln Solidarität miteinander. Beim Versuch, den Militärdienst humaner zu machen, reifen sie zu jungen Erwachsenen heran.

Regisseur Ivan Silvestrini lässt sich viel Zeit, um die Geschichte seiner Hauptfiguren Salvo, Camilla und Vincenzo zu entwickeln. In den ersten drei Episoden konzentriert sich die Darstellung auf den einengenden Alltag der jungen Kadett*innen an der fiktiven Militärakademie Minerva in Neapel: Frühes Aufstehen, Drill, Fechtunterricht, strenge Rituale und ein enges Netz aus Regeln. Über allem steht der Offizier Achille Giordano, dessen Unteroffiziere Gaetano und Felice die Jugendlichen durch ein hartes Ausbildungsprogramm treiben. Sie jagen die jungen Soldat*innen durch den Dreck und zwingen sie – im wahren Wortsinn – über ihren Schatten zu springen, um eigene Ängste zu überwinden.

Auch unter den Kadett*innen bestehen feste Hierarchien. Eigentlich sollen Neulinge von den höheren Jahrgängen unterstützt werden. Doch während die ältere Kadettin Rachele für die junge Camilla zu einer echten Mentorin und Stütze wird, treibt Mentor Max mit seinem Schützling Vincenzo üble homofeindliche Machtspielchen. Diego, der Anführer der Älteren und Sohn des Kommandanten, hat besonders den jungen Salvo im Visier. Denn Salvo, der anders als die meisten in Minerva nicht aus einer angesehenen und reichen Familie stammt, stellt Fragen, die an der Akademie niemand hören will. Auf der Suche nach seinem verschwundenen besten Freund geraten zunehmend Diego und dessen Vater, der Kommandant, unter Verdacht.

Doch ganz so einfach lösen die Serienmacher*innen diesen Handlungsstrang dann doch nicht auf, so wie sie auch ab Episode 4 immer stärker und psychologisch immer differenzierter die Hintergründe und Beweggründe weiterer zentraler Figuren aufrollen: So erfahren wir, dass Vincenzo, der der militärischen Laufbahn seines Vaters nacheifern will, nach dessen Tod zunehmend zweifelt, ob dieser Weg wirklich der Richtige für ihn ist. Oder dass Camilla, eine verwöhnte Millionärstochter, zwar im Luxus ihrer Mailänder Industriellenfamilie groß geworden ist, aber von ihrer Mutter und ihrem Vater nie Liebe und Zuneigung erfahren hat. Die militärische Ausbildung hilft ihr, ihre klassistischen Attitüden zunehmend abzulegen. Rachele sieht ihren Traum, Kampfjetpilotin zu werden, schwinden, als ihr eine zunehmende Erblindung droht. Und schließlich ist da auch noch Max, Diegos vermeintlich bester Freund, der mit aller Macht zu verbergen versucht, dass er ebensowenig wie Salvo der sozialen Klasse entspringt, aus der in Italien (und nicht nur dort) Offiziere hervorgehen. Und auch Diego selbst, lange Zeit als „Bösewicht“ der Serie aufgebaut, erweist sich am Ende als ein differenzierter, mit seiner sexuellen Identität hadernder Charakter.

In den vielfältigen Beziehungsgeflechten sowohl der jungen Kadett*innen als auch ihrer Lehrkräfte und Offiziere untereinander verhandelt die Serie sehr unterschiedliche Coming-of-Age-Situationen und thematisiert aktuelle Debatten um Klassismus, Gender und Queerness. Hierbei spielen explizite Sex-Szenen eine nicht unwesentliche Rolle. Trotz des progressiven Anstrichs sind die militaristischen Untertöne der Serie unverkennbar, werden aber in der Erzählfiktion dadurch abgemildert, dass selbst die härtesten Vertreter des Systems am Ende ihre Positionen revidieren. Mit diesem ziemlich unglaubwürdigen Schluss wirbt die Serie gleichwohl für die Vision eines aufgeklärten und humanen Militärdienstes, in dem trotz Drill und Disziplin die demokratischen Grundwerte nicht mit Stiefeln getreten werden. Ob diese Vision eine überzeugende Antwort auf die gezeigten Missstände darstellt oder die militärische Institution letztlich stärker legitimiert, als sie sie kritisiert, bleibt offen.

Werner Barg

© Netflix
16+
Spielfilm

Minerva – La Scuola - Italien 2026, Serien-Idee: Ivano Fachin, Giovanni Galassi, Tommaso Matano, Regie: Ivan Silvestrini, Homevideostart: 22.09.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 8 Episoden à 42 Min., Buch: Ivano Fachin, Giovanni Galassi, Tommaso Matano, Michela Straniero, Kamera: Francesca Amitrano, Musik: Michele Braga, Schnitt: Alberto Masi, Produktion: Picomedia, Verleih: Netflix, Besetzung: Ciro Minopoli (Salvo Fusco), Margherita Buoncristiani (Camilla Savino), Biagio Venditti (Vincenzo Cipriani), Simone Secce (Diego Giordano), Nicole Malaj (Rachele Mari), Giulio Brizzi (Max Midolo), Alicia Edogamhe (Adele), Massimiliano Gallo (Achille Giordano), Cristiana Capotondi (Laura Canali), Raiz (Gaetano Esposito), Michele Rosiello (Pietro Recchi)

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