Wohin mit mir?
Im Kino: Majd und Shahfaisal sind allein aus Syrien und Afghanistan geflüchtet. Die Jugendlichen hoffen, in Deutschland bleiben zu können.
Der 17-jährige Majd und der 16-jährige Shahfaisal haben einiges gemeinsam: Sie sind unbegleitet vor Krieg und Gewalt geflohen, fühlen sich in ihrer Wohngruppe im Westen Deutschlands isoliert und hoffen auf ein dauerhaftes Bleiberecht. 2019 hat Majd Syrien verlassen, sich ein Jahr in der Türkei aufgehalten, ehe er sich nach Deutschland durchschlagen konnte. Shahfaisal ist vor drei Jahren aus Afghanistan weggegangen und hält sich seit elf Monaten in Deutschland auf.
Es ist unübersehbar, dass Autor und Regisseur Marvin Menné ein enges Vertrauensverhältnis zu den beiden Jungs aufgebaut hat, die er in seinem ersten langen Dokumentarfilm von Januar bis Juli 2024 einfühlsam auf ihren Wegen begleitete. Menné ist Mediengestalter in Bild und Ton und schloss 2024 mit „Wohin mit mir?“ an der Hochschule Mainz sein Studium im Fach Zeitbasierte Medien ab. Seit 2025 studiert er an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg.
In ruhigen Bildern zeigt die Kamera, die Menné selbst führt, das Alltagsleben der Jugendlichen: Wir sehen, wie sie mit Gleichaltrigen Bowling spielen, wie sie sich in der Schule mit der deutschen Sprache abmühen, wie sie auf dem Feld eines Bauern etwas Geld verdienen oder bei einem Ausflug erstmals einen Karnevalsumzug erleben. Die Kamera beobachtet die beiden oft alternierend, sie zeigt, wie Majd, ein Fan des portugiesischen Starkickers Ronaldo, mit anderen Jungs Fußball trainiert, oder wie Shahfaisal mit seiner Familie telefoniert.
Immer wieder drehen sich die Gespräche um den Stand der Dinge bei den Asylverfahren. Die Jungs lassen sich Tipps für die Befragungen durch die Ausländerbehörde geben, sind aber auch genervt, weil sie schon so lange auf Entscheidungen der Ämter warten. In Beratungsrunden mahnt die Sozialarbeiterin Birgit Ganopoulos die beiden, sich ernsthaft um Integration zu bemühen. Das sei das Wichtigste: „Nur über Integration könnt ihr dauerhaft in Deutschland bleiben.“ Ganopoulos versucht, die beiden zum Lernen zu motivieren, damit sie einen Schulabschluss schaffen und so die Chancen auf eine Berufsausbildung erhöhen.
Mennés Film verzichtet auf einen erklärenden Off-Kommentar. Er wirkt nüchtern und sachlich, weist aber eine ausgeprägte subjektive Perspektive auf. Dieser persönliche Ansatz macht über konkrete Erfahrungen spürbar, unter welchem Druck die Jugendlichen stehen. Durch die geduldige Beobachtung ihres Alltags eröffnet er zudem ein differenziertes Bild der beiden.
Je konsequenter „Wohin mit mir?“ allerdings aus der Sicht des Duos erzählt, umso mehr fällt auf, dass zu wenig Verständnishilfen und Kontext geliefert werden. Zwar erfährt man zum Beispiel über die Sozialarbeiterin, dass in Deutschland der Familiennachzug auf eine Person beschränkt wurde, es fehlt aber an weiteren Erklärungen zu den jüngsten Änderungen im Asyl- und Aufenthaltsrecht. Dass sich das politische Klima mit dem Erstarken der rechtsextremistischen Partei AfD schrittweise verschärft, wird nur einmal gestreift.
Nach und nach wird im Film deutlich, wie belastend die ständige Unsicherheit, die Abhängigkeit von Behördenbescheiden und der Geldmangel für die minderjährigen Geflüchteten ist. Die Sozialarbeiterin und die Betreuer der Wohngruppe geben zwar Hilfestellung, sie können aber nicht die Geborgenheit der Familie oder den Halt durch enge Freund*innen ersetzen, die Majd und Shahfaisal schmerzlich vermissen. Dazu kommen die manchmal schwer verständlichen Forderungen der deutschen Behörden. So soll Majd mit Dokumenten nachweisen, dass sein Vater in der syrischen Armee war, was belegen würde, dass er indirekt besonders gefährdet ist. Doch wie soll der Minderjährige im fernen Deutschland an diese Dokumente kommen?
Neben den Fallstricken des Asylrechts belasten die hohen Erwartungen der Familien das Nervenkostüm der Jugendlichen. So sagt Majd einmal vor der Kamera: „Der Kern des Problems ist meine Familie. Sie übt viel Druck auf mich aus.“ Dazu kommt, dass es aus der Familie widersprüchliche Signale gibt: Mal soll er die Schule abschließen, mal eine Arbeitsstelle suchen. Seine Mutter wiederholt immer wieder: „Versuch unbedingt, einen Aufenthaltstitel zu bekommen!“
Shahfaisal wiederum gerät in eine Krise. Erst hat er schnell Deutsch gelernt und war in der Schule sehr fleißig. Er wurde sogar ins Jugendparlament der Stadt gewählt. Doch je länger sein Fall in einem juristischen Schwebezustand feststeckt, umso enttäuschter wird der Teenager. Seine schulischen Leistungen verschlechtern sich so sehr, dass er die 9. Klasse wiederholen muss. Einmal sagt Shahfaisal in die Kamera: „Wenn ich keine Papiere habe, warum soll ich dann diese Sprache lernen und in die Schule gehen?“ Verstärkt wird der Frust durch die Angst vor dem Abgeschobenwerden, die Birgit Ganopoulos sogar ungewollt verstärkt, wenn sie fragt, wie lange das Abschiebeverbot für Afghanistan überhaupt noch gelten wird.
Als Minderjährige sind die Jungs zwar von einer Ausweisung geschützt. Doch je näher ihre 18. Geburtstage rücken, umso größer wird der Druck und umso schlechter werden die Aussichten auf ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Deswegen versucht Ganopoulos auch mit Nachdruck, Majd noch vor dem 18. Lebensjahr eine Ausbildungsstelle zu verschaffen, damit er wenigstens eine „Ausbildungsduldung“ erhält. Sie rät ihm, bei der Auswahl nicht wählerisch zu sein, sondern jede angebotene Stelle zu nehmen. Am Ende des Films bleibt offen, ob Majd und Shahfaisal in Deutschland bleiben können oder nicht.
Reinhard Kleber
Deutschland 2025, Regie: Marvin Menné, Kinostart: 01.10.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 79 Min., Buch: Marvin Menné, Kamera: Marvin Menné, Schnitt: Jonas-Danilo Fehr, Musik: David Goralsky, Produktion: Marvin Menné Produktion, Hochschule Mainz, Verleih: Drop-Out Cinema
