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Free At Heart

Im Kino: Zwischen erster Liebe und gesellschaftlichen Erwartungen gerät der 16-jährige Sebastian zunehmend unter Druck.

Zu Beginn des Films ist Sebastians Welt noch in Ordnung: Er geht angeln, spielt Fußball, feiert Partys und fährt mit dem Fahrrad über die Straßen seines Heimatdorfes. Zu seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester hat er ein enges, vertrautes Verhältnis. Doch der vertraute Alltag wird aufgebrochen, als der etwa gleichaltrige Kolja in Sebastians Leben tritt. Sebastians Vater stellt ihn als den Sohn einer früheren Partnerin vor, die vor wenigen Tagen gestorben ist. Nun soll Kolja vorerst bei ihnen wohnen.

Bereits diese erste Begegnung zeigt, dass die Beziehung der beiden Jugendlichen vor allem über Blicke und Körperbewegungen erzählt wird: Kolja tritt bei der Begrüßung vor dem Haus der Familie offen auf, lächelt, umarmt Sebastians Eltern und Schwester. Sebastian versucht hingegen, cool und distanziert aufzutreten. Er streckt Kolja zur Begrüßung die Faust entgegen, dieser erwidert die Geste freundlich mit einem Handschlag. Sebastians Blicke schwanken dabei zwischen Bewunderung, Neugier und Ablehnung. Kurz darauf setzt sich das Spannungsverhältnis am Esstisch fort: Während Kolja und die anderen eine zugewandte Körperhaltung einnehmen, sitzt Sebastian mit verschränkten Armen da und blickt unsicher zur Seite. Im weiteren Verlauf öffnet sich Sebastian jedoch zunehmend, die beiden freunden sich an und finden heraus, dass sie leibliche Brüder sind. Gleichzeitig wächst die gegenseitige Anziehung, und die beiden kommen sich auch körperlich näher.

Das Dorf reagiert auf Sebastians und Koljas inzestuöse Beziehung mit sozialer Ausgrenzung. Zunächst sind es nur Gerüchte, später werden Kolja und Sebastian dabei beobachtet, wie sie sich küssen. Daraus entwickeln sich zunehmend Formen der Demütigung und Degradierung: Die Hauswand des Elternhauses wird beschmiert, der kleinen Schwester wird der Schulranzen beschädigt, nach einer Party wird Sebastian verprügelt – und sein ehemaliger bester Freund Linus steht daneben und lässt ihn auf dem Boden liegen.

Damit verändert sich auch Sebastians Verhältnis zu seinem Heimatdorf: Die Straßen, der Fußballplatz, die Partys und die vertrauten sozialen Räume bekommen eine andere Bedeutung. Orte, die zuvor für Zugehörigkeit und jugendliches Austesten standen, werden nun zum Schauplatz von Unsicherheit und Ausgrenzung. Sebastian wird vom integrierten und beliebten Jugendlichen zum Außenseiter. Nachdem seine Familie von der Beziehung erfährt, muss Kolja das Dorf verlassen und kommt in ein Jugendheim in einer Großstadt. Sebastian bleibt zurück – und kann das zugeschriebene Stigma nicht mehr ablegen.

Die zunehmende Überforderung seiner Hauptfigur vermittelt Max Hegewald immer wieder auch über filmische Mittel: Die dynamische Handkamera bleibt häufig dicht bei Sebastian und schafft eine unmittelbare Nähe zur Figur. Sie folgt seinen Bewegungen und Blicken, fängt seine Unruhe ein und lässt die Zuschauer*innen an seinem Gefühlschaos teilhaben. Gleichzeitig findet der Film auch stille, innerliche Bilder für Momente des Hochgefühls, die den diskontinuierlich montierten und hektischen Passagen gegenübergestellt werden. In einer Szene liegt Sebastian glücklich auf einem Feld und beobachtet einen Vogelschwarm, dessen Bewegungen sich über den Himmel verteilen. 

„Free at Heart“ ist nicht frei von dramaturgischen und inszenatorischen Schwächen. Manche Entwicklungen wirken sehr stark auf eine Eskalation hin komponiert, die Tier- und Natursymbolik ist stellenweise überladen und auch einige Nebenfiguren bleiben schematisch. Trotzdem entsteht gerade durch die Zeichnung und audiovisuelle Gestaltung Sebastians ein intensives, aufwühlendes und überzeugendes Porträt eines Jugendlichen, für den Zugehörigkeit plötzlich keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Frank Münschke

© Salzgeber
16+
Spielfilm

Deutschland 2025, Regie: Max Hegewald, Kinostart: 29.10.2026, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 117 Min., Buch: Max Hegewald, Kamera: Marius von Felbert, Musik: Sebastian Schmidt, Ton: Swantje Alter Schnitt: Brigitte Maria Schmidle, Produktion: Junifilm, Verleih: Salzgeber, Besetzung: Linus Moog (Sebastian), Aurel Klug (Kolja), Oli Bigalke (Bernd, Sebastians Vater), Annika Kuhl (Vanessa, Sebastians Mutter), Leon Ndiaye (Linus), Marie Becker (Sarah)

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