Falcon Lake
Auf Sooner: Zwischen Bastien und Chloé knistert es. Und dann ist da noch die Geschichte von dem Geist im See.
Es ist nicht leicht, einen Comic von Bastien Vivès zu verfilmen. Denn Vivès liebt die Andeutungen, das Luftige, das Offene, das Schwebende. Seine monochromen Zeichnungen sind selten konkret – am ehesten noch in den Genreerzählungen. Es dominieren mit dynamischem (digitalem) Pinselstrich umrissene Figuren, oft ohne Augen und Gesichtszüge. Seine Werke sind geprägt von einer großen Sinnlichkeit, weil er ein so gutes Gespür hat für Blicke, für Bewegungen, für Haltungen, für Körper. Doch gerade die künstlerische Stärke Vivès wird zur Schwäche, wenn die Darstellung von Körpern und Blicken bisweilen voyeuristisch und unangenehm sowie unpassend erotisierend gerät – was gerade dann zum Problem wird, wenn die Figuren Jugendliche sind und der Blick auf sie eher dem eines Erwachsenen entspricht. Umso mehr ist deshalb zu betonen, wie sensibel die kanadische Regisseurin Charlotte Le Bon Vivès' Comic „Eine Schwester“ aus dem Jahr 2017 adaptiert hat. Sie hat ein wenig von dessen Stimmung übernommen und von dem Geheimnisvollen, das die Geschichte auch ausmacht. Aber sie klebt nicht an der Vorlage, weder an deren grafischem Stil noch an deren Handlung. Das unnötig Explizite fällt weg, die Kamera wahrt Distanz, wenn Nahaufnahmen nicht nötig sind. Und um die Geschichte einer jugendlichen Liebe wird eine Geistergeschichte gestrickt.
Für den 13-jährigen Bastien aus Frankreich wird der Ferienaufenthalt im Haus der Bekannten in Québec zu etwas Besonderem, als er die drei Jahre ältere Chloé wiedersieht. Bastien und Chloé haben sich als Kinder schon einmal gesehen. Aber daran kann Bastien sich nicht mehr erinnern. Sofort fühlt Bastien sich hingezogen zu Chloé, in deren Zimmer er zudem, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder, schläft. Und Chloé ist sich der neugierigen Blicke von Bastien durchaus bewusst und genießt es, mit ihm zu spielen. Etwa, indem sie ihm von dem Jungen erzählt, der vor nicht allzu langer Zeit in dem See nahe des Hauses ertrunken ist und nun als Geist sein Unheil treiben soll. Eine Geschichte, die Bastien umso mehr triggert, weil er nicht gut schwimmen kann, ja regelrechte Angst vor dem Wasser hat.
Das Unbehagen, sich einfach mal so ins Unbekannte zu stürzen, in eine Welt, in der man nicht alles sehen kann und in der auch etwas Unheimliches, Bedrohliches lauern könnte, ist natürlich eine große Metapher in diesem Film, der vor allem über den Übergang vom Kind zum Jugendlichen erzählt, über das Ablegen der Unschuld. Sexualität spielt dabei eine große Rolle, die Neugier auf den anderen Körper, die Unkenntnis des eigenen Körpers. Wie in der Graphic Novel fordert Chloé Bastien immerzu heraus. Sie stiftet ihn an, mit ihr und ihren Freund*innen zu trinken, bis Bastien reihernd und schmutzig vor der Toilette kniet. Danach geht sie mit ihm, in Unterwäsche bekleidet, in die Badewanne, und hilft ihm beim Haarewaschen.
In Chloés Nähe fühlt Bastien sich groß. Sie zeigt ihm etwas, das er noch nicht kennt, sie behandelt ihn nicht wie einen kleinen Jungen, sie schließt ihn nicht aus. Umgekehrt ist Bastien für Chloé wichtig, weil sie sich bei ihm sicher fühlt. Bastien fordert nichts von ihr, so wie die anderen Jungen in ihrem Alter. Bei Bastien gibt Chloé das Tempo vor. Und sie vertraut ihm, dass sie für ihn mehr ist als nur ein Objekt, eine Trophäe.
Charlotte Le Bon hat den einseitigen männlichen Blick der Comicvorlage aufgelöst und stellt der Sichtweise von Bastien jene von Chloé gegenüber. Beide fühlen sich einsam, beide haben Ängste, beide wissen nicht so recht, wohin sie gehören. Sie spüren, dass sich ihr Leben verändert, wissen aber nicht, wohin der Weg führt. Das verbindet sie. Immer wieder gibt es Momente in diesem Film, in denen Bastien und Chloé ihre Verletzlichkeit offenbaren und spürbar ist, dass sie einander vertrauen. Wenn sie Grenzen überschreiten, dann lachen sie gemeinsam darüber, verschmitzt und von sich selbst überrascht. Aber dann ist der Film auch so ehrlich und durchbricht diese Verbundenheit wieder – weil Bastien vielleicht doch lieber vor den anderen Jungen damit angibt, etwas mit dem älteren Mädchen „zu haben“, oder weil Bastien für Chloé dann doch noch zu kindlich und zu unsicher ist.
Auf grobem 16mm-Film, in schmalem Bildformat und mit matten Farben erzählt Le Bon diese Geschichte eines Sommers, die manchmal verspielt daherkommt und manchmal sehr unheimlich. Ob das Realistische und das Fantastische am Ende so gut zusammenpassen oder die schwere Metaphorik letztlich dann doch die echte Coming-of-Age-Geschichte plattmacht, ist diskussionswürdig. Mit einem besseren Gefühl als der Comic entlässt der Film dennoch – nicht in Bezug auf seine Auflösung, sondern weil er differenzierter wirkt.
Aufgrund problematischer Äußerungen und Darstellungen ist Bastien Vivès mittlerweile in der französischen Comicszene in Ungnade gefallen. „Falcon Lake“ ist noch vor den Skandalen um den Autor entstanden – und führt vor, wie die Geschichte – auch ohne Geisterelemente – hätte ebenfalls erzählt werden können: mit intimen Szenen, aber auch mit genügend Distanz. Es ist ein bisschen wie mit den Geistern: Man muss nicht alles sehen. Manchmal reicht die Vorstellung.
Stefan Stiletto
Kanada, Frankreich 2022, Regie: Charlotte Le Bon, Homevideostart: 01.06.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 15 Jahren, Laufzeit: 100 Min., Buch: Charlotte Le Bon, nach der Graphic Novel „Eine Schwester“ von Bastien Vivès, Kamera: Kristof Brandl, Schnitt: Julie Lena, Musik: Wilhelm Brandl, Shida Shahabi, Produktion: Cinefrance Studios, Metafilms, OnzeCinq, Besetzung: Joseph Engel (Bastien), Sara Montpetit (Chloé), Monia Chokri (Violette), Arthur Igual (Romain), Karine Gonier-Hyndman (Louise) u. a.
