Riding in Darkness
Auf Disney+: Molly sucht auf dem Gestüt Heddesta einen Neuanfang und gerät in ein System aus Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt.
Sexualisierte Gewalt kommt überall vor, selbst an den idyllischsten Orten und in den angesehensten Kreisen. Dieser leider noch immer gerne verdrängten Wahrheit blickt das Thriller-Drama „Riding in Darkness“ direkt ins Auge.
Grundlage der von Ulf Kvensler entwickelten achtteiligen Miniserie ist die Autobiografie Sophie Jahns, in der sie ihre traumatische Kindheit unter einem tyrannisch-übergriffigen Vater auf einem Reiterhof in Schweden schildert. Die Figur der Tochter trägt in „Riding in Darkness“ den Namen Victoria und befindet sich zunächst nicht im Fokus des Geschehens. Das Zentrum der ersten Folgen bildet die 16-jährige Molly, die sich von ihrer überforderten Mutter lösen und ihr verkorkstes Leben wieder in den Griff bekommen will. Die Möglichkeit dazu bietet ihr der Pferdehofbesitzer Tommy Lund, der auch deshalb großes Ansehen genießt, weil er auf seinem Gestüt Heddesta immer wieder junge Frauen aus schwierigen Verhältnissen aufnimmt.
Dort angekommen legt sich Molly als Stallmädchen ins Zeug und reitet bei Turnieren schon bald von einem Erfolg zum nächsten. Die Ranch im Grünen und die oft sonnendurchfluteten Bilder scheinen eine erbauliche Selbstfindungsgeschichte anzukündigen. Doch hinter der pittoresken Fassade lauern unvorstellbare Abgründe. Tommys Jähzorn zeigt sich früh. Mit der Zeit begreift Molly aber auch, dass ihr Chef selbst vor schlimmsten Erniedrigungen und Vergewaltigungen nicht zurückschreckt.
Obwohl die Serie nie ins Explizite abgleitet, vermittelt sich das wachsende Klima der Angst unter den Mädchen mit geradezu schauriger Intensität. Beispielhaft ist eine mit Horrorstilmitteln arbeitende Szene, bei der Tommy Molly zu einer nächtlichen Reitstunde verdonnert. Hier und in vielen anderen Momenten strahlt Lund-Darsteller Jonas Karlsson eine furchteinflößende Präsenz aus. Zugleich gelingt es dem für seine Rolle Emmy-nominierten Schauspieler wiederholt, Tommys eloquent-charmante Seite glaubhaft hervorzuholen. Der Heddesta-Besitzer ist eben auch ein Mann, der sein Umfeld geschickt zu blenden und zu manipulieren versteht. Allen voran seine Frau Lotta, die vor seine Ausrastern und Attacken die Augen verschließt und so sehr von ihm abhängig ist, dass ein Absprung unmöglich scheint.
Besonders aufwühlend zeichnet die schwedisch-deutsche Koproduktion nach, wie sich der permanente Missbrauch auf die Psyche auswirkt und welche Mechanismen das Sichtbarmachen des Unrechts erschweren. Erst recht bei jungen Frauen mit problematischem familiären Hintergrund. Unterstützt von Menschen in ihrem Umfeld bringt Molly die Taten schließlich zur Anzeige. Ihre Freundin, die nach Geborgenheit suchende Frida, selbst regelmäßig Ziel von Angriffen, entscheidet sich dagegen.
Warum es Menschen mit sexualisierten Gewalterfahrungen häufig schwer gemacht wird, sich zu offenbaren, zeigt der Gerichtsprozess gegen den renommierten Hofbesitzer: Gezielt gesäte Zweifel und Verleumdungen begleiten Mollys Verhandlung, bei der alle Details der traumatischen Erlebnisse noch einmal ans Licht gezerrt werden. Sich einer solchen Situation auszusetzen, bedeutet eine enorme Belastung.
Den Einfluss des auf Heddesta errichteten Missbrauchssystems veranschaulicht die Serie überdies, indem sie unterschiedliche weibliche Perspektiven anbietet, den erzählerischen Blickwinkel regelmäßig verschiebt. Neben Molly bekommen vor allem Lotta und Tommys ältere Tochter Victoria größeren Raum. Letztere, so zeigen es früh eingeflochtene Zeitsprünge, wird als junge Erwachsene ihrem Vater die Stirn bieten. Auch in dieser facettenreichen Darstellung, im Ausloten der Grautöne liegt eine der großen Qualitäten des True-Crime-Dramas, das länger nachhallt als viele andere Werke zum selben Thema.
Christopher Diekhaus
Nattryttarna - Schweden, Deutschland 2022, Serien-Idee: Ulf Kvensler, Regie: Molly Hartleb, Julia Lindström, Homevideostart: 20.05.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 8 Episoden à 45 Minuten, Buch: Ulf Kvensler nach der Autopbiografie von Sophie Jahn, Kamera: Ola Magnestam, Gabriel Mkrttchian, Musik: Sophia Ersson, Ton: Anders Ekdahl, Schnitt: Tove Lamm Stråhle, Tomas Beije, Ellen von Zweigbergk, Produktion: Emma Nyberg, Kristina Börjeson, Nathalie Drago u.a., Besetzung: Jonas Karlsson (Tommy Lund), Saga Samuelsson (Molly), Hanna Ardéhn (Victoria Lund), Amanda Jansson (Frida Karlsson), Malin Persson (Lotta Lund) u. a.
