Me Before Me
Auf Netflix: Ein Musterschüler gerät unter Leistungsdruck an seine Grenzen. Durch einen Schulwechsel entdeckt er neue Seiten an sich.
Jati ist in allen schulischen Disziplinen sehr erfolgreich. Gerade erst hat er den renommierten Wissenschaftswettbewerb West-Javas gewonnen. Demnächst will er sich gegen die Gewinner*innen der anderen 37 Provinzen Indonesiens durchsetzen. Dafür soll er büffeln, büffeln, büffeln. So predigt es ihm sein Vater Jaya, ein mittelmäßig erfolgreicher Hotelmanager, jeden Tag ein. Und auch in Jatis Schule wächst der Erwartungsdruck von Mitschüler*innen und Lehrern.
Jati hält diesem Druck nicht stand. Panikattacken überfallen ihn. Aggressives Verhalten schleicht sich ein. Nach einem tätlichen Angriff auf einen Mitschüler kann Jati gegen den Willen des Vaters, aber unter Vermittlung seiner Mutter auf eine Freie Schule wechseln. Hier entdeckt er im Projektlernen neue Seiten seiner Persönlichkeit, wirkt ausgeglichener und glücklicher. Zudem deckt er zusammen mit seiner Mitschülerin Asa in einem Schulprojekt Geheimnisse über die eigene Familie auf, wodurch er versteht, warum sein Vater so hart geworden ist und so unerbittlich auf den ständigen Erfolg beharrt.
Der Film von Regisseurin Gina S. Noer behandelt ein Problem, das bislang selten im Jugendfilm thematisiert wird: Leistungsdruck auf Kinder und Jugendliche, der insbesondere auch von ambitionierten, um die spätere berufliche Karriere besorgten Eltern ausgeübt wird. Noer nimmt dieses Thema als Aufhänger und zugleich „roten Faden“ für eine Familiengeschichte, die das Verhältnis von Söhnen und Vätern auf verschiedenen (zeitlichen) Ebenen beleuchtet. Dabei gelingt es ihr aufzuzeigen, wie Erwartungen, Ängste und Verletzungen über Generationen weitergegeben werden.
Zugleich begleitet der indonesische Film eine muslimische Familie, an deren Beispiel die positive Bedeutung des Glaubens für Heranwachsende deutlich wird, ohne negative Seiten zu verschweigen. Und auch in anderer Hinsicht ist „Me Before Me“ ein besonderer Jugendfilm: Der kreative Umgang mit Medien eröffnet hier neue Zugänge zu Empathie und Selbstfindung. Jati und Asa zeichnen in ihrem Schulprojekt die Gespräche mit Familienmitgliedern nicht auf dem Handy, sondern mit einer kleinen DV-Kamera auf. Durch die direkte Kommunikation mit der Familie sowie das Sichten von Fotos, die in Kisten und Schatullen irgendwo in Speichern und Kellern der Familienhäuser verborgen sind, kommen die Jugendlichen ihrer Familiengeschichte auf die Spur. Auf diese Weise lernt Jati nicht nur seinen Vater besser zu verstehen, sondern gewinnt auch ein klareres Bild von sich selbst.
Werner Barg
Aku Sebelum Aku - Indonesien 2026, Regie: Ginatri S. Noer, Homevideostart: 16.07.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 127 Min., Buch: Gina S. Noer, Kamera: Deska Binarso, Schnitt: Aji Pradityo, Musik: Abel Huray, Produktion: Anna Melani, Sigit Pratama, Verleih: Netflix, Besetzung: Bimasena Prisaia Suisilo (Jati), Ringgo Agus Rahman (Jaya), Widuri Puteri (Asa), Prastiwi Dwiarti (Asih), Darin Fauzi, Yusuf Ozkan, Ronan Surapradja, Nagief Alaydrus, Aming Sugandhi
