Mein Sommer bei Nonna
Entdeckt bei Cinekindl: Ein Sommer ohne Handy kann sich Nico kaum vorstellen. Bei Großtante Gela gibt es kein WLAN, aber jede Menge zu entdecken.
Den jungen Nico und seine Großtante Gela trennen Welten. Der Großstadtjunge aus dem modernen Norditalien soll seine Sommerferien bei Gela in Sizilien verbringen, wo der Rhythmus ein anderer ist: Religion und Spiritualität nehmen einen großen Raum ein im Leben der Menschen - so auch bei Gela; Rituale und Benimmregeln prägen den Alltag, das Essen ist hausgemacht. Gelas Wohnung liegt in einem alten Palazzo, die Räume sind dunkel, aber ordentlich, eine Klimaanlage gibt es nicht, sodass die Kinder die Nachmittage im Innenhof des Gebäudes verbringen, doch wirklich offen begegnen sie dem dazustoßenden Feriengast nicht. Gela selbst ist nicht die liebevolle nonna, die man vor Augen haben mag, wenn man an eine Oma in Sizilien denkt, sondern ruppig, pragmatisch, bestimmt. Na super, denkt sich Nico, und zückt sein Handy. Als er Gela nach dem WLAN-Passwort fragt, hebt diese nur die Schultern: „Kein Wi-Fi.“
Aber das fehlende WLAN ist nicht das Schlimmste. Nico trauert um die Beziehung zu seinem Kindermädchen Violetta, die für ihn wie eine große Schwester und immer da war, nun aber heiratet, weshalb seine Eltern ihn über die Ferien zur Verwandtschaft in den Süden geschickt haben. Er will zumindest noch einmal mit Violetta telefonieren, das Smartphone ist die letzte Verbindung zu ihr und zu seiner bisherigen Kindheit, die sich nun verändern wird. Gela dagegen kann diese Geräte nicht leiden, immer wieder fordert sie den Jungen auf, das Ding wegzulegen, nach draußen zu gehen oder mit ihr Karten zu spielen – eben etwas Sinnvolles zu tun.
Überhaupt ist Gela recht resolut in ihren Forderungen: Sie mag es nicht, wenn Nico die Füße auf den Tisch legt oder ohne Gebet und der Serviette auf dem Schoß mit dem Essen beginnt. Die festen Strukturen geben der älteren Dame Halt im Alltag, überdecken jedoch auch, was in ihrem Innern los ist. Denn Gela ist genauso einsam wie Nico, und ganz allmählich finden die beiden zueinander, entdecken die Geheimnisse des jeweils anderen, finden eine Sprache, um sich auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.
„Der Sommer bei Nonna“ baut aus einer altbekannten Grundkonstellation über das Annähern von Kind und Seniorin ein detailreiches Portrait: Die beiden, die sich fremd sind, verharren zunächst in ihren Positionen und finden dann doch zueinander. Das passiert nicht – wie sonst gerne – mit Hilfe von temporeicher Handlung und komischen Situationen, sondern über kleine Alltagsmomente, einen unaufgeregten Handlungsverlauf und einfühlsame Dialoge, wenn diese auch bisweilen etwas kurz und unscharf ausfallen. Dafür lässt der Film in Augenblicken der Stille dem Publikum eine außergewöhnliche Ruhe, um sich eigene Gedanken über die Lage und Gefühlswelten der Figuren zu machen. In ihrem preisgekrönten Debütfilm setzt Margherita Spampinato vor allem auf das Schildern des Lebens im zeitlosen Sizilien, im Beobachten von Alltagsritualen und des spirituellen Settings, in dem die Kinder dort großwerden. Verlassene Wohnungen betreten sie voller Ehrfurcht, und wenn irgendwo eine Tür zufällt, vermuten sie die Ursache eher in Geistern als in einem Windzug.
Spampinato findet zusammen mit Kameramann Claudio Cofrancesco stimmige Bilder in warmen Farben, die den Figuren den richtigen Rahmen für ihr Handeln geben. Auch die Filmmusik passt zur Gefühlslage der Geschichte und zeigt dem Nachwuchspublikum, dass Kino auch einfach nur herzlich und schön sein und den Blick ins Leben eines anderen Heranwachsenden geben kann, ohne knallige Farben, Slapstick und große Schauwerte.
„Hast du schon einmal jemanden auf den Mund geküsst?“, fragt Nico seine Großtante. Wie viele Gleichaltrige beschäftigt sich Nico mit genau diesen Fragen. Weg vom Bildschirm seines Smartphones und den Ablenkungen der Großstadt findet er hier bei Gela Zeit und Raum, um sich Gedanken darüber zu machen – und eine erste zarte Freundschaft nach dem Verlust von Violetta zuzulassen. Nachbarskind Rosa wird zur Verbündeten im Herumbringen der Nachmittage, zusammen mit ihr erforscht Nico nicht nur die verlassene Wohnung, sondern entdeckt auch alte Erinnerungen von Gela. Ganz natürlich entwickelt sich die Freundschaft zwischen den beiden, die allerdings auf die Probe gestellt wird. Das spielen die beiden Kinderdarsteller*innen authentisch und mit viel Gefühl. Ein wunderschöner Coming of age-Film für alle, die sich Zeit nehmen wollen für gute Geschichten.
Verena Schmöller
Gioia Mia - Italien 2025, Regie: Margherita Spampinato, Festivalstart: 01.07.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 9 Jahren, Laufzeit: 90 Min., Buch: Margherita Spampinato, Kamera: Claudio Cofrancesco, Musik: Alice Zecchinelli, Schnitt: Margherita Spampinato, Produktion: Benedetta Scagnelli, Alessio Pasqua, Verleih: Arsenalfilm, Besetzung: Marco Fiore (Nico), Aurora Quattrocchi (Gela), Martina Ziami (Rosa), Camille Dugay Comencini (Violetta), Concetta Ingrassia (Mariula) u. a.
