Heute heißen alle Sorry
Entdeckt auf dem Filmfest München: Über das Gefühlschaos einer Dreizehnjährigen und die katalytische Begegnung mit ihrer Lieblingsschauspielerin.
Es ist ein sengend heißer Sommertag, der neunte Hitzerekord in Folge, an dem der Asphalt aufbricht und einen tiefen Riss quer über die Straße zieht. Auch in Bianca brodelt es stetig unter der Oberfläche: Die Dreizehnjährige fühlt sich von der ganzen Welt missverstanden, ausgeschlossen und ungerecht behandelt. Besonders von ihrer Mutter, deren Aufmerksamkeit und Sorge Biancas neunjährigem, herzkranken Bruder Alan gilt. Als diese ihr mitteilt, dass auch Biancas Vater und dessen neue Partnerin sie „schwierig“ finden und die Wochenendbesuche auf einen pro Monat reduzieren wollen, tut das echt weh. Bianca protestiert: Sie ist vielleicht manchmal kompliziert, aber doch nicht schwierig? Wie so oft in letzter Zeit endet das Gespräch im Streit, die Mutter genervt, Bianca verletzt.
Immer dann, wenn die Gefühlsachterbahn zu wild und unkontrollierbar wird, zieht Bianca sich zurück, in ihr Geheimversteck hinterm Hühnerstall der Nachbarin – oder in ihr Zimmer, wo sie fantasievolle Collagen bastelt und sich Zitate ihrer Lieblingsschauspielerin Billie King aus der TV-Serie „Hier bei uns“ notiert. Und just diese Billie King sitzt plötzlich hier bei ihr im Wohnzimmer, leibhaftig. Bianca ist starr und stumm vor Schreck.
Der neue Coming-of-Age-Film von Regisseurin Frederike Migom („Binti – Es gibt mich!“, 2020) braucht nur einen einzigen Nachmittag, um uns in die Haut der jungen Protagonistin und ihre chaotische, aufreibende Gefühlswelt zu stecken. Diese Bianca ist eine spannende Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, nicht immer nett, dafür immer glaubwürdig. Ausgedacht hat sie sich der preisgekrönte belgische Kinder- und Jugendbuchautor Bart Moeyaert, auf dessen gleichnamigem Jugendroman der Film basiert. Frederike Migom etabliert sie als Figur mit eigenem Kopf und eigenem Stil, mit blau gesträhnten Zöpfen und einem farbenfrohen, unordentlichen Zimmer mit selbstgestrichenen Wänden. Fotos und Protestplakate für queere Liebe, Frieden, Klima- und Artenschutz erzählen von Biancas Interessen und Engagement. Dabei befindet sich die introvertierte Teenagerin am Übergang zwischen Kindheit und Jugend, ist altersgemäß voller Selbstzweifel und Ängste, einsam, unbeholfen und wütend auf die Welt, zu der sie doch gehören will. Biancas Tagträume, in denen sich diese Sehnsucht nach Zugehörigkeit ausdrückt, sind originell inszeniert: mal als Tanzchoreographie der coolen Mädchenclique aus der Nachbarschaft, mal als Synchronschwimmen. Letzteres ist eine schöne Hommage an Céline Sciammas „Water Lilies“ (2007).
Das prägnante Eröffnungsbild des durch die Hitze aufgebrochenen Asphalts nimmt vorweg, was an Emotionen hochkochen wird an diesem Nachmittag. Der Riss steht symbolisch für die Kluft zwischen Bianca und der Welt, wie sie es wahrnimmt, besonders zwischen Tochter und Mutter. Schreckensszenarien des Klimawandels spiegeln Biancas Wut, Frust und Hilflosigkeit wider. Das alles ist dank der stimmigen Inszenierung weniger plakativ als funktional. Dazu lässt die fabelhafte Besetzung mit Lisa Vanhemelrijck als pubertierender Bianca (dafür gab es den Goldenen Spatz als Beste Darstellerin) und Laurence Roothooft als Biancas überforderte Mutter die emotional aufgeladene Beziehung äußerst authentisch wirken. Wenn beide Seiten sich bemühen und doch schnell frustriert aufgeben, wird spürbar, dass es nicht erst seit heute kompliziert ist im familiären Zusammenleben.
Die schmerzlich vermisste Aufmerksamkeit und Akzeptanz erfährt Bianca dafür in der Begegnung mit Billie King. Die erwachsene Frau nimmt sie ernst, ist interessiert. Das schafft Raum für mehr (Selbst-)Vertrauen – Rückschläge inklusive. Ob Biancas Schwärmerei für ihr Idol Billie ein erstes Verliebtsein ist oder nicht, ist Interpretationssache, der Film lässt das souverän offen. Queerness ist hier ganz beiläufig repräsentiert – beispielsweise lebt Billie in einer Partnerschaft mit einer Frau, die ihr zweites gemeinsames Kind erwartet – und bleibt damit von jeglichem Problematisierungszwang verschont.
Durch Billie gerät die festgefahrene Beziehungsdynamik in Biancas Familie in Bewegung. Und genau in dem Moment, in dem alles harmonisch zu werden scheint und sogar die Mutter ein Lob für ihre Tochter ausspricht, kippt die Szene. Wie Bianca erst das Für und Wider einer Aktion abwägt und sich dann aller möglichen dramatischen Konsequenzen zum Trotz entscheidet, ist gleichermaßen schrecklich wie nachvollziehbar – und nötig für einen Neuanfang am Ende.
Ulrike Seyffarth
Belgien, Deutschland, Niederlande 2026, Regie: Frederike Migom, Festivalstart: 01.07.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 87 Min., Buch: Frederike Migom, Daniel Lambo, nach dem gleichnamigen Roman von Bart Moeyaert, Kamera: Esmoreit Lutters, Musik: Freya Arde, Schnitt: Christine Houbiers, Produktion: deMENSEN, CALA Film Central, Weltvertrieb: LevelK, Besetzung: Lisa Vanhemelrijck (Bianca), Laurence Roothooft (Biancas Mutter), Sachli Gholamalizad (Billie King), Lewis Hannes (Alan), Lewis Gérard (Jazz) u. a.
