The Lights, They Fall
Im Kino: Ein stilles, magisches Drama über Einsamkeit, die Konfrontation mit dem Tod und einen Jugendlichen im Zwischenzustand.
Im Mittelpunkt von Saša Vajdas Debütfilm „The Lights, They Fall“ steht der 16-jährige Ilay, dessen Mutter Maria im Sterben liegt. Während die mexikanische Palliativpflegerin Ana sich um Maria kümmert, streift Ilay ziellos durch die Randbezirke Berlins und versucht, mit der existenziellen Ausnahmesituation zurechtzukommen. Der Film arbeitet dabei mit vielen Leerstellen: Ilays Wahrnehmung wird nur teilweise über die Figurensprache vermittelt, stattdessen über Bildkompositionen, über die Inszenierung von Körperlichkeit, von Gesten und Blicken.
Zu Beginn der Erzählung befindet sich Ilay mit ein paar Freunden an einem See: Diese unterhalten sich über Drogen, Frauen, adoleszente Sehnsüchte. Ilay beteiligt sich kaum an den Gesprächen, er ist zwar körperlich anwesend, wirkt aber deplatziert und gedanklich weit entfernt, fast wie ein Geist. Im weiteren Verlauf des Films zeigt die Kamera Ilays Gesicht immer wieder in ruhigen – meist statischen – Einstellungen: wie er im Bus sitzt, wie er Kartons bei der Arbeit in einer Lagerhalle faltet, wie er nachts ziellos und durch die Randbezirke Berlins spaziert. Sein Gesicht wird in diesen Szenen ruhig und ausdruckslos eingefangen, er ist in sich gekehrt, fast als wäre er der Welt entrückt. Durch die stoische Darstellung ist in die Figur etwas Metaphysisches eingeschrieben, was auch durch die Inszenierung unterstrichen wird. Bei einem der repetitiv gesetzten nächtlichen Spaziergänge löst sich die ansonsten kontrollierte Kamera und gleitet beinahe schwerelos durch den Raum. Form und Figur überlagern sich in dieser Szene in eindrucksvoller Weise.
Der Film vermeidet dabei auch einen klassischen Berlin-Blick: Zwar spielt er vornehmlich in der deutschen Hauptstadt, doch von der bekannten, häufig filmisch ausgestellten Seite der Stadt ist wenig zu sehen. Es geht nicht um Clubs, Partys und das aufregende Berliner Nachtleben. Stattdessen sehen wir Außenbezirke, Lagerhallen, Busse, Straßen und nächtliche Leerräume.
In „The Lights, They Fall“ dominiert insgesamt ein sehr langsames Erzähltempo: Die Schnittfrequenz ist gering, viele Einstellungen haben Zeit, sich zu entfalten. Verstärkt wird diese Wirkung durch den kompletten Verzicht auf einen Score und Musik aus dem Off. Erst nach etwa einer halben Stunde setzt erstmals Musik ein, doch es stellt sich heraus, dass es sich um intradiegetische Klaviermusik handelt, die beim Boxtraining läuft. Ilay kommentiert sie mit „Kann man den Scheiß ausmachen?“. Das ist einer der seltenen emotionalen Ausbrüche der Figur innerhalb der Erzählung, was direkt darauf auch durch die körperliche Inszenierung unterstrichen wird: Beim Training prügelt Ilay mit existenzieller Wut auf einen Boxsack ein.
Ilay spricht weder mit seinen Freunden noch mit der Pflegerin Ana, zu der er ein vertrautes Verhältnis zu haben scheint, über seine Situation und seine Ängste. Lediglich im Gespräch mit einer Psychologin am Ende der Erzählung öffnet er sich etwas, seine Ausführungen bleiben aber auch hier fragmentarisch und kryptisch. Er bezeichnet sich in dem Gespräch zudem selbst als einen Geist – anwesend und abwesend zugleich. In diesem Satz verdichtet sich ein zentraler Gedanke des Films: Ilay befindet sich in einem Zwischenzustand. Er ist körperlich anwesend, scheint emotional aber bereits aus seinem bisherigen Leben herausgefallen zu sein. Der bevorstehende Tod seiner Mutter hat auch seine eigene Wahrnehmung von Gegenwart und Zukunft erschüttert.
Was in Ilay tatsächlich vorgeht, erfahren die Zuschauer*innen nicht. Auch darüber hinaus bleibt Vieles offen, etwa die Verbindung zu Ana, die ihn immer wieder unterstützt, oder eine Erklärung für die Abwesenheit des Vaters. In der Gesamtsicht des Films entsteht trotzdem ein Gefühl für die Figur, weil Regisseur Vajda immer wieder starke Bilder findet, um Ilay zu zeichnen. Besonders eindrücklich ist eine Panoramaaufnahme gegen Ende des Films, in der er am Rand der Kadrierung positioniert ist und in der Seenlandschaft fast verschwindet.
Saša Vajda verbindet einen beinahe dokumentarischen Realismus mit magischen, entrückten Momenten und findet so eine überzeugende filmische Sprache für Einsamkeit und Konfrontation mit dem Tod. Gerade weil „The Lights, They Fall“ so wenig erklärt und Ilays Gedanken nur selten in Worte übersetzt, bleibt seine Figur lange im Kopf.
Frank Münschke
Deutschland 2026, Regie: Saša Vajda, Kinostart: 20.08.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 87 Min., Buch: Saša Vajda, Kamera: Tom Otte, Ton: Konrad Baumann, Manja Ebert, Schnitt: Denys Darahan, Saša Vajda Produktion: vajda film Produktion, Schuldenberg Films, ZDF – Das kleine Fernsehspiel, Verleih: Grandfilm, Besetzung: Mohammed Yassin Ben Majdouba (Ilay), Flor Prieto Catemaxca (Ana), Mahira Hakberdieva (Maria)
