Kritiken > Filmkritik
Kritiken > Die aktuellsten Kritiken > Strange River

Strange River

Im Kino: Ein 16-jähriger Katalane radelt mit seiner Familie die Donau entlang und ringt unterwegs seinen Liebeskummer nieder.

„Strange River“ beginnt wie ein impressionistisches Gedicht. In den Sommerferien fährt der 16-jährige Didac mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Brüdern Biel und Guiu in Süddeutschland die Donau entlang. Die bewegliche Kamera von Pablo Paloma gewährt zwischen Ästen, Blättern und Baumstämmen immer mal wieder kurze Blicke auf die Familie, begleitet sie auf einen Rastplatz oder zum Baden. Zwischendurch necken sich die Jungs oder man palavert beim Imbiss, dann übernachten die fünf einem Campingplatz oder auf einer Jugendherberge.

Die Inszenierung nimmt sich viel Zeit beim Erzählen, setzt häufig auf lange Einstellungen, die fast ohne Dialoge auskommen. Die Kamera scheint sich gerne an glitzernden Wasseroberflächen festzusaugen, versucht tanzende Lichtflecke festzuhalten und schafft oft eine sinnlich-lyrische Atmosphäre rund um den manchmal etwas lethargisch wirkenden Protagonisten.

Eine leise Melancholie liegt über einigen Szenen, könnte es doch der letzte gemeinsame Fahrradurlaub der gesamten Familie sein, wie die Mutter einmal anmerkt. Die poetische Stimmung, die zwischen heiter, meditativ und wehmütig changiert, wird mal von klassischer Musik, mal von englischsprachigen Love-Songs wirkungsvoll unterstützt, so dass die Bildfolgen, die auf traditionellen 16-mm-Filmmaterial gedreht wurden, zuweilen einen faszinierenden erzählerischen Sog entwickeln.

Äußerlich betrachtet passiert nicht viel im ersten langen Spielfilm des katalanischen Regisseurs Jaume Claret Muxart, der in jungen Jahren mit seiner Familie viele Radtouren an europäischen Flüssen unternommen hat. Didacs Eltern schwelgen in Erinnerungen an frühere Radtouren und ihre ersten gemeinsamen Abenteuer. Didac und der 14-jährige Biel teilen sich ein Zelt, wechseln aber nur wenige Worte. Biel spürt, dass Didac nur schwer mit sich klarkommt, möchte helfen, doch Didac lässt ihn nicht an sich heran, er will lieber für sich sein.

Im Mittelpunkt der Beobachtungen steht eindeutig Didac, aus seiner Perspektive wird erzählt, er ist in den meisten Einstellungen präsent. Es geht vor allem um seine Gefühlswelt, trauert er doch einer unerwiderten Liebe zu einem gleichaltrigen Jungen in seinem Heimatdorf hinterher. Die schmerzlichen Erinnerungen, akute Hormonschübe und Tagträume treiben den Teenager um. Gelegentlich verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Vision: Ist der nackte Junge, der plötzlich neben Didac in der Donau auftaucht und an ihm vorbeischwimmt, real oder eine Phantasiegeburt? Verkörpert er die tragische Romanze? Oder sehen wir hier den Schwimmer Alexander, der Didac später sehnsuchtsvolle Blicke zuwerfen wird?

Jan Monter Palau, der sich im Casting gegen 800 Mitbewerber durchsetzen konnte, gelingt es als Didac eindrucksvoll, das verwirrende Gefühlskarrussel des Teenagers auf die Leinwand zu bringen. Als verführerischer Alexander lässt auch der gebürtige Münchner Francesco Wenz sein schauspielerisches Können aufblitzen, soweit die schmale Rolle das zulässt.

So viel Raum Didac bei der Suche nach seiner sexuellen Identität und seinem Platz im Leben auch beansprucht, so beleuchtet der Film auch immer wieder die wichtigen Bezugspersonen. Wir sehen, wie Didacs Mutter Monika, eine Schauspielerin, sich auf ihren Auftritt in einer Inszenierung des unvollendeten Theaterstücks „Der Tod des Empedokles“ des deutschen Dichters Friedrich Hölderlin in Barcelona vorbereitet. Und wir sehen, wie der architekturbegeisterte Vater Albert seine Angehörigen, die allerdings wenig Interesse zeigen, durch die im Sommer menschenleere Hochschule für Gestaltung in Ulm führt.

Die Spannungen zwischen den Figuren bleiben oft in einem unbestimmten Raum, man sieht und spürt sie mehr als dass sie ausgesprochen würden. Weil so vieles im Vagen verharrt, bleiben viele Leerstellen, für manche Zuschauende womöglich zu viele. Wer allerdings Geduld mitbringt und Didac bis zum großen Aufbruch auf einem Motorboot begleitet, wird mit starken Bildern von der Donau belohnt, die hier in der Tat wie ein „seltsamer Fluss“, eine mysteriöse Wasserstraße, unbekannte Tore in erfüllende Erlebnisräume aufstoßen kann.

Reinhard Kleber

© Salzgeber
16+
Spielfilm

Spanien, Deutschland 2025, Regie: Jaume Claret Muxart, Kinostart: 27.08.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 105 Min., Buch: Jaume Claret Muxart, Meritxell Colell Aparicio, Kamera: Pablo Paloma, Schnitt: Maria Castan de Manuel, Meritxell Colell Aparicio, Musik: Nika Son, Produktion: ZuZú Cinema, Miramemira, Alma Cinema, Schuldenberg Films, Verleih: Salzgeber, Besetzung: Jan Monter Palau (Didac), Francesco Wenz (Alexander), Nausicaa Bonnin (Monika), Jordi Oriol (Albert), Bernat Solé Palau (Biel), Roc Colell Moncunill (Guiu) u. a.

Strange River - Strange River Strange River - Strange River Strange River - Strange River Strange River - Strange River Strange River - Strange River Strange River - Strange River