Semillas – Bis der Regen fällt
Im Kino: In einem Dürre-Sommer wartet die zehnjährige Shaira auf den erlösenden Regen und damit auf die Rückkehr ihres geliebten Pferdes.
Sommer in der Orinocoebene im Norden Kolumbiens: Die Hitze und die sengende Sonne lassen alles verdorren – die Weideflächen für die Rinder, den Mais auf den Feldern. Hier lebt Shaira zusammen mit ihrem großen Vorbild, dem erwachsenen Bruder Andrey, und ihrem Großvater. Die anhaltende Dürre bringt große Not in die kleine Familie, die ohnehin schon in einfachen Verhältnissen lebt. Der Großvater kann seine Schulden bei dem reichen Farmbesitzer Don Aparicio nicht begleichen, zumal er auch dieses Jahr mit einer Missernte zurechtkommen muss. Eine Hoffnung wäre das Pferd Semillas. Andrey könnte mit ihm an einem Coleo teilnehmen und vielleicht eine gehörige Summe Geld gewinnen. Doch der Großvater ist gegen diese traditionellen Reiterturniere, bei denen ein Stier zu Fall gebracht werden muss. Trotzdem trainiert Andrey zusammen mit Shaira heimlich das Pferd, wenn sie auf dem Weg zum Dorf sind. Dort zeigt er Shaira auch, welche Samen sie sammeln muss für die Maracas, die Rumbarasseln, die den ersehnten Regen bringen sollen.
Eines Tages aber kommt Andrey bei einem Reitunfall ums Leben. Shaira sieht sich in der Pflicht, die Rolle ihres großen Bruders einzunehmen. Fortan trägt sie seine Kleidung und will für das Coleo trainieren. Im Dorf findet sie einen Flyer, doch Großvater nimmt ihn ihr weg. „Misch dich nicht in Erwachsenendinge ein“, sagt er barsch. Und dann ist eines Morgens Semillas verschwunden. Hat ihn der Himmel eingefangen wie alle Tiere im Sommer – so wie der Großvater immer erzählt? Und wird ihn dann der Regen wieder zurückbringen?
„Semillas – Bis der Regen fällt“ ist ein poetischer, langsam erzählter Film, der den schweren Alltag der Llaneros, der südamerikanischen Viehhirten, einfängt und von ihren Legenden und Traditionen erzählt. So führt einerseits ein Sprecher durch den Film, der in Reimform von den Gedanken der Menschen berichtet, andererseits gibt auch Shairas sehr traditionell denkender Großvater sein Wissen um die Mythen der Llaneros an seine Enkeltochter weiter. Der Umgang mit den Naturgewalten, mit der anhaltenden Dürre in der ansonsten wunderschönen, bizarren Landschaft wird in beeindruckenden, erdigen Groß- und Nahaufnahmen geschildert, immer aus der Sicht der zehnjährigen Shaira. Denn trotz der ausführlichen Beschreibung der schwierigen Lebensumstände der Familie steht eigentlich Shairas Entwicklung, die sich gegen patriarchalische Denkweisen durchsetzen muss, im Mittelpunkt.
Zu Beginn des Films ist Shaira eine Außenseiterin, sehr schüchtern und wortkarg, mit einem engen Verhältnis zu ihrem älteren Bruder. Ihn begleitet sie auf Schritt und Tritt, bewegt sich so selbstverständlich zwischen den Rollenbildern, die ihr Umfeld Mädchen und Jungen zuschreibt. Als Andrey ums Leben kommt, verliert sich Shaira zunehmend. Und während die Mädchen im Dorf tanzen, schöne Kleider anziehen, sich schminken und von der ersten Liebe träumen, trägt Shaira die Hosen und viel zu weiten T-Shirts ihres Bruders.
„Woher weiß ich, dass ich Männer mag?“, fragt Shaira ihren Großvater, doch er kann ihr keine Antwort geben. Allein die Ladenbesitzerin Doña Emilia bemerkt die Not des Mädchens, erlässt ihr Schulden, schenkt ihr Turnschuhe und zeigt, wie Zöpfe geflochten werden. Am Ende der Trockenzeit, als der Regen endlich die Natur erlöst, hat sich auch Shaira verändert. Mit fester Stimme sagt sie zu ihrem Großvater: „Ich brauche einen BH“. Und obwohl das Ende offenbleibt, kann man gewiss sein, dass Shaira ihre Bedürfnisse nun selbstbewusst einfordern wird.
Barbara Felsmann
Semillas - Kolumbien, Spanien 2025, Regie: Eliana Niño Oviedo, Kinostart: 13.08.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 101 Min., Buch: Eliana Niño Oviedo, Kamera: Andrea Murillo, Musik: Nando Guerrero, Schnitt: Juan Camilo González, Eliana Niño Oviedo, Fabio López, Produktion: Nino Visual SAS, Little Bears, Verleih: Landfilm gGmbH, Besetzung: Shaira Castro (Shaira), Andrés Andrade (Andrey), Álvaro Chaparro (Großvater), Juan Carlos Tacoronte (Don Aparicio), Aroha Hafez (Doña Emilia)
