All my Sisters
Im Kino: Massoud Bakhshi begleitet seine Nichten vom Kindes- bis ins junge Erwachsenenalter und zeichnet dabei ein Porträt des Aufwachsens im Iran.
Teheran, zwischen 2007 und 2025: Die Schwestern Zahra, Mahya und Maleka wachsen behütet in einer liebevollen Familie auf. Ihr Onkel, der iranische Filmemacher Massoud Bakhshi, begleitet sie dabei mit der Kamera. Gleich zu Beginn der stilistisch manchmal herausfordernden Langzeitdokumentation erklärt er seine Vorgehensweise: Weil er nicht möchte, dass dieser Film seinen Nichten Probleme bereitet, hat er Körper und Haare seiner Protagonistinnen durch Nahaufnahmen aus dem Bild genommen oder verdeckt. Verdecken heißt hier konkret, dass Massoud Bakhshi das Bild an manchen Stellen verdunkelt, also geschwärzt oder vernebelt hat. Das ist wichtig, um die ganz besondere Bildsprache dieses Films zu verstehen. Gleichzeitig macht diese Bearbeitung die Bedingungen sichtbar, unter denen Bilder von Frauen im Iran aktuell gezeigt werden können.
Viel Raum nimmt die Kindheit der ältesten Schwester Zahra und der knapp anderthalb Jahre jüngeren Mahya ein. Die dritte Schwester, Maleka, ist eher im letzten Teil zu sehen, da sie wesentlich jünger ist als die anderen beiden. Zahra und Mahya haben ein enges Verhältnis zueinander, spielen als kleine Kinder unbefangen, auch mit Jungen, fahren mit dem Fahrrad, naschen heimlich von der Geburtstagstorte, bekommen Barbies geschenkt oder schauen „Shaun, das Schaf“ im Fernsehen. Im Hintergrund ist manchmal die Großmutter beim Gebet zu hören. In Alltagssituationen unter den Geschwistern, aber auch mit den anderen Familienmitgliedern sind gesellschaftliche Normen immer wieder Thema. So gibt es etwa eine Szene, in der Mahyas T-Shirt beim Schuhe-Anziehen etwas hochrutscht und ein Stück vom Rücken freigibt. Zahra zieht es herunter mit den Worten: „Man sieht deine Haut!“ Selbstbewusst antwortet die jüngere Schwester: „Na und, ist doch egal!“ In einer anderen Szene erklärt die Großmutter den Enkelinnen, dass Tanzen eine Sünde sei und gegen ihre Religion verstieße. Als ihr Onkel diesbezüglich nachhakt, sind sich die Schwestern uneinig.
Bevor Zahra und Mahya eingeschult werden, wird zu Hause spielerisch das Kopftuch-Tragen eingeführt. In der Schule selbst sind Schuluniformen und weiße Hijabs für Mädchen dann Pflicht. Im Unterricht wird geübt, wie die Hijabs zu binden und zu tragen sind. Gleichzeitig finden sich im Lesebuch vor allem Bilder nach US-amerikanischem Vorbild: Disneyfiguren und Mädchen, die aussehen wie Barbies.
Als Zahra und Mahya die höheren Klassen besuchen, beginnen sie, bestimmte gesellschaftliche Regeln in Frage zu stellen. Sie sind in sozialen Netzwerken aktiv, verfolgen die Nachrichten und können die aktuellen Entwicklungen nicht ignorieren, auch wenn ihre Mutter meint, dass diese nur schlechte Energie bringen, und von ihren Töchtern fordert, dass sie sich auf die Schule konzentrieren sollen. Zahra und Mahya stehen kurz vor ihrem Abschluss.
Zwar hätten die Szenen mit Zahra und Mahya in der frühen Kindheit etwas gerafft werden können, doch gerade in ihrer Ausführlichkeit sind sie aufschlussreich. Sie zeigen zwei selbstbewusste Schwestern, die früh widersprechen und eigene Wünsche formulieren. Je älter die beiden werden, desto aufmerksamer verfolgen Zahra und Mahya politische Ereignisse und mischen sich ein. Zahra studiert bereits, Mahya will ein Studium der Musiktheorie aufnehmen. Als am 16. September 2022 Mahsa Amini nach einer Verhaftung durch die iranische Sittenpolizei wegen angeblicher „unislamischer Kleidung“ stirbt, beteiligen sich die Schwestern auf ihre Weise an den landesweiten Protesten. „Frau, Leben, Freiheit“ und „Mensch, Heimat, Wohlstand“ rufen sie vom Dach ihres Wohnhauses. Genauso wie Tausende Protestierende auf den Straßen von Teheran.
Regisseur Massoud Bakhshi hat bereits in seinem Spielfilmdebüt „Eine respektable Familie“ (2012) eine Familiengeschichte mit aktuellen politischen Ereignissen im Iran verbunden. In seiner Langzeitdokumentation geht Bakhshi noch einen Schritt weiter: Über 18 Jahre hinweg begleitet er seine Nichten mit der Kamera und formt aus den Aufnahmen einen Film. Gleichzeitig versucht er, seinen Blick offenzulegen und zur Diskussion zu stellen, indem er den inzwischen erwachsenen Schwestern den Film zeigt und ihnen die Möglichkeit gibt, ihr jüngeres Ich zu betrachten und zu kommentieren, auch wenn sie davon erst zum Ende des Films und dann nur wenig Gebrauch machen.
„All My Sisters“ ist deshalb spannend, weil der Film über Jahre hinweg zeigt, wie sich gesellschaftliche Normen und Rollenvorstellungen für Mädchen und junge Frauen im Alltag niederschlagen. Diese begegnen Zahra und Mahya in Gesprächen mit Großmutter und Mutter, in der Schule, auf dem Handy oder in den Nachrichten. Dabei wird sichtbar, wie die Schwestern bestimmte Regeln übernehmen, diskutieren, hinterfragen oder zurückweisen. Je älter sie werden, desto mehr beziehen sie Position zu den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ihrer Zeit.
Barbara Felsmann
Österreich, Frankreich, Deutschland, Iran 2026, Regie: Massoud Bakhshi, Kinostart: 20.08.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 78 Min., Buch: Massoud Bakhshi, Kamera: Massoud Bakhshi, Musik: Mahya Habibi, Sounddesign: Janis Grossmann-Alhambra, Jennifer Spiesen, Schnitt: Haideh Safiyari, Jacques Comets, Produktion: Amour Fou Vienna, Sampek Productions, brave new work, Bon Gah, Verleih: Little Dream Pictures
