Verstoßene – Kein Zuhause bei Maman
Im Kino: Die Teenager Thomas und Audrey werden auf La Réunion von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Wo sollen die Geschwister jetzt unterkommen?
Nach einem Streit wirft Marie-Davina Boyer ihren 15-jährigen Sohn Thomas aus der Wohnung. Auch seine ältere, ebenfalls minderjährige Schwester Audrey muss mit ihrem Baby gehen. Sie landen beim Jugendamt. Dort versucht die Sozialarbeiterin Christelle, die wütende Mutter umzustimmen. Vergeblich. „Mein Haus, meine Regeln! Die können auf der Straße leben“, schreit sie ins Telefon. Obendrein beleidigt sie ihre Tochter: „Ich habe Audrey nicht gezwungen, sich zu prostituieren. Sie wollte Mutter werden. Nun sollte sie sich für volljährig erklären lassen.“ Audrey springt entsetzt auf. Doch ihre Mutter setzt noch eins drauf: Sie will ihre Kinder sogar enterben.
Thomas und Audrey stehen vor einem Dilemma. Da es zu wenig Pflegefamilien gibt, droht ihnen die getrennte Unterbringung in Heimen. Um das zu vermeiden, bleibt der Sozialarbeiterin nur eine Anfrage bei ihrem Vater Christophe, der die Familie vor 15 Jahren verlassen und längst eine neue Familie gegründet hat. Zum Glück kann Tante Marie-Anna vermitteln, sodass Christophe eher widerwillig Ja sagt. Er, seine Frau Nadine und die Kinder Jérôme und Alicia nehmen das Trio freundlich auf, doch die beengten Verhältnisse und die ungewisse Zukunft sorgen schnell für Frust und Spannungen. Als Thomas in einer prekären Situation die Nerven verliert und randaliert, landet er vor einer Jugendrichterin.
So hart die soziale Realität für die Jugendlichen hier auch dargestellt wird, in seinem ersten langen Spielfilm zeichnet der Drehbuchautor und Regisseur Grégory Lucilly keineswegs ein Elendsgemälde. Vielmehr bemüht sich der selbst auf La Réunion geborene Filmemacher um eine realistische Schilderung der Lebensverhältnisse. Seine tropische Heimat, die rund 800 Kilometer östlich von Madagaskar liegt, ist für paradiesische Natur bekannt, leidet aber auch unter hoher Arbeitslosigkeit. Lucilly zeigt uns beides: einerseits die palmengesäumten Bergstraßen und die Clubs am Meer, andererseits die Armut von Christophes Familie.
Ohne Beziehungen geht hier gar nichts. So vermittelt Nadine Audrey einen Aushilfsjob als Sekretärin in einer Autowerkstatt, und Thomas, der dann doch in einer Erziehungsanstalt untergebracht wird, findet in dem Erzieher Nicolas einen großherzigen Helfer, der ihm eine Lehrstelle zur Probe beschafft. Allerdings hält der talentierte Breakdancer immer noch an seinem Traum fest, einen großen Wettbewerb zu gewinnen und nach Frankreich zu ziehen.
Als er schließlich doch noch die Chance erhält, an einem großen Turnier teilzunehmen, bleibt dessen Ausgang erfreulicherweise offen. Dafür bietet der ohnehin temporeiche Film eine besonders mitreißende Sequenz, in der der junge Hauptdarsteller Maxime Calicharane zu pulsierender Hip-Hop-Musik sein erstaunliches Können als Tänzer präsentiert. Dieses Talent blitzt schon vorher mehrfach auf, etwa wenn Thomas mit anderen Jungs trainiert oder seinen Frust beim wilden Tanzen auf der Straße abreagiert. Als starke Identifikationsfigur erweist sich auch Audrey: Brilliana Domitile Clain spielt mit bewundernswerter Energie die große Schwester, die allen Problemen zum Trotz einen kühlen Kopf bewahrt und am Ende für sich, ihr Kind und den rebellischen Bruder einen Ausweg erarbeitet.
Der Film wurde größtenteils in kreolischer Sprache gedreht und ist weitgehend aus der Sicht der Geschwister erzählt, integriert aber auch die Perspektiven ihrer erwachsenen Bezugspersonen. Dabei werden auch sie als komplexe Figuren mit Licht- und Schattenseiten dargestellt. So bereut Christophe, dass er einst seine erste Familie verlassen hat und sich nach der Rückkehr auf die Insel zehn Jahre lang nicht bei ihr gemeldet hat. Nun fühlt er sich von der neuen Situation überfordert: Er liebt alle seine Kinder, kann sich aber nicht gleichermaßen um alle kümmern. Das wiederum macht vor allem Audrey und Thomas wütend. Sie fühlen sich ohnehin abgeschoben und nun auch noch zurückgesetzt.
Eindringlich erzählt das kraftvolle Jugend- und Außenseiterdrama, wie die Geschwister aus einer dysfunktionalen Familie in eine Patchwork-Familie katapultiert werden, dort aber nicht wirklich ankommen und in neuen Unterkünften landen. Auf der Suche nach Geborgenheit und Vertrauen müssen die beiden viele Rückschläge verkraften. Während der 15-jährige Protagonist droht, mit impulsiven Gewaltakten in kriminelle Sphären abzurutschen, muss sich seine reifere Schwester mit ihrer vier Monate alten Tochter mehr oder weniger allein durchschlagen und aus einer toxischen Beziehung mit dem unzuverlässigen Kindsvater befreien.
Nicht alle Handlungsstränge in „Verstoßene – Kein Zuhause bei Maman“ überzeugen gleichermaßen – die Liebesgeschichte um Thomas wirkt stellenweise etwas aufgesetzt und klischeehaft. Stark ist der Film aber in den Momenten, in denen er vom Zusammenhalt der Geschwister und von ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben erzählt.
Reinhard Kleber
Maman veut pu' - Frankreich 2024, Regie: Grégory Lucilly, Kinostart: 23.07.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 94 Min., Buch: Grégory Lucilly, Kamera: Renaud Chassaing, Schnitt: Jennifer Augé, Musik: Audrey Ismaël, Produktion: Ciné Nominé, Verleih: , Besetzung: Maxime Calicharane (Thomas), Brilliana Domitile Clain, Vincent Vermignon (Christophe), Délixia Perrine (Marie-Anna), Malick Fruteau de Laclos (Rudy), u. a.
