Les pires
Auf Sooner: Vier Jugendliche aus einem benachteiligten Viertel werden plötzlich zu Hauptdarsteller*innen in einem Film.
Wir sind bereits mittendrin, bevor wir überhaupt begreifen, was hier eigentlich passiert: Vier Jugendliche sitzen abwechselnd vor der Kamera, erzählen von sich und beantworten Fragen. Jessy beispielsweise war gerade erst im Knast, weil er ohne Führerschein gefahren ist und Fahrerflucht begangen hat. Er tritt eher großspurig auf, inszeniert sich als Frauenheld, der weiß, wie das Leben so läuft.
Maylis dagegen ist wesentlich zurückhaltender. Sie fühlt sich unwohl vor der Kamera, hat Angst, dass sie ausgelacht werden könnte. Außerdem gefällt ihr die Situation nicht besonders, sie wurde vielmehr dazu überredet und betrachtet das Ganze hier eher kritisch: Geht es hier wirklich darum, „die Schlimmsten“ auszuwählen? Ihr Gesprächspartner hinter der Kamera beschwichtigt sofort, versucht sich in einer Erklärung, und kann dann doch nicht klar widersprechen.
Lily wiederum scheint sich recht wohl zu fühlen. Sie gibt sich selbstbewusst und macht klar, dass sie sich nichts gefallen lässt: Sie hatte da so einen Typen, der ihr alles verbieten wollte. Aber sie ist ja kein Hund, den man einfach so in einen Käfig sperren könne! In ihrem Viertel wird sie als „Schlampe“ beleidigt – ein Ruf, den sie einfach nicht los wird. Später werden wir mehr zu ihrer Geschichte erfahren und erkennen, dass zwischen den Urteilen anderer und der Realität eine große Lücke klafft.
Und dann ist da noch Ryan: Mit seinen elf Jahren ist er mit Abstand der Jüngste in der Runde. Er wirkt angespannt bis zum Zerreißen, bewegt sich unruhig auf seinem Stuhl, während er sich den Fragen stellt. Filme machen mag er nicht, das stellt er direkt klar – was angesichts des weiteren Verlaufs fast ein bisschen ironisch wirkt. Vielleicht stimmt es aber auch gar nicht. Denn schon in diesem ersten Gespräch wird spürbar, dass Ryan uns bloß eine Fassade präsentiert, die er vermutlich selbst glauben möchte. Dazu gehört auch, dass er angeblich nie weint. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: weil er noch nie verletzt wurde. Seine Historie erzählt allerdings etwas anderes.
Das sind also die vier, um die es hier offensichtlich geht. Zwar wirkt das Geschehen im ersten Moment wie eine Dokumentation über Jugendliche in einem „Problemviertel“, tatsächlich handelt es sich aber um Aufnahmen eines Castings – für einen Film, den der belgische Regisseur Gabriel im Picasso-Viertel von Boulogne-sur-Mer drehen möchte. Dafür kommt er direkt mit einem ganzen Team in die Stadt und castet junge Menschen, um „die Schlimmsten“ unter ihnen auszuwählen. Oder wie er sagt: Kinder, „die es schwer hatten im Leben“. Und damit beginnt ein Konflikt, der sich durch den gesamten Film zieht: Ist das überhaupt okay, was der da macht? Denn einerseits gibt der Regisseur seinen Hauptdarsteller*innen die Gelegenheit für Erfahrungen, die sie sonst vermutlich nie gemacht hätten – mindestens zwei von ihnen werden im weiteren Verlauf der Geschichte weit über sich hinauswachsen. Andererseits empören sich die Stadtbewohner*innen, weil die Auswahl ja gar nicht repräsentativ für ihr Viertel ist und bloß stigmatisiere. Und letztlich benutzt Regisseur Gabriel die schlechten Erfahrungen der Jugendlichen doch nur, um die nötige Sprengkraft für sein geplantes Sozialdrama zu bekommen. Oder?
Die Regisseur*innen Lise Akoka und Romane Gueret haben mit „Les Pires (Die Schlimmsten)“ einen Film über einen Film gedreht. Dieser ist anfangs sehr verwirrend, weil die verschiedenen Ebenen miteinander verflochten sind: Passiert das jetzt gerade im Film im Film? Oder außerhalb der Filmhandlung? Chaotisch wirkt er auch, weil erzählerisch ein Thema nach dem anderen aufgemacht wird, ohne viel aufzulösen. Trotzdem löst der Film sehr viel aus: Mitgefühl, Empörung, Erstaunen, Traurigkeit, Freude, Oha-Momente. Und er bietet wundervollen Gesprächsstoff – auch und gerade für den Austausch mit Jugendlichen. Beispielsweise darüber, was alles Stärke sein kann, welche Bedeutung Weinen hat und wie es sein kann, dass Außen- und Innensicht manchmal so katastrophal auseinanderdriften.
Über allen steht jedoch die Frage: Wie weit darf ein Filmteam, dürfen Medien gehen? Denn für seinen Film im Film überschreitet Gabriel eindeutig Grenzen – zum Beispiel, wenn er an einer Stelle ganz bewusst die Wut in Ryan triggert, damit eine Schulhofschlägerei die gewünschte Brisanz und Eindringlichkeit bekommt. Zugleich öffnet er Türen für Gespräche, die vorher blockiert waren, nicht nur bei Ryan. Doch es bleibt ein schmaler Grat zwischen künstlerischer Arroganz, Empowerment und Konfrontationstherapie.
„Les Pires“ ist ein Film über die Angst und zugleich die Sehnsucht junger Menschen, gesehen zu werden. Und darüber, ob Filmschaffende verantwortungsvoll damit umgehen. Ein Film mit vielen Fragen und wenig Antworten – dafür aber mit jeder Menge Inspiration und Raum zum Weiterdenken.
Marius Hanke
Les pires - Frankreich 2022, Regie: Lise Akoka, Romane Gueret, Homevideostart: 24.03.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 99 Min., Buch: Lise Akoka, Romane Gueret, Éléonore Gurrey, Kamera: Éric Dumont, Ton: Jean Umansky, Boris Chapelle, Florent Klockenbring, Marc Doisne, Schnitt: Albertine Lastera, Produktion: Les Films Velvet, France 3 Cinéma, Pictanovo, Verleih: Sooner, Besetzung: Mallory Wanecque (Lily), Timéo Mahaut (Ryan), Johan Heldenbergh (Gabriel), Esther Archambault (Judith), Loïc Pech (Jessy), Mélina Vanderplancke (Maylis), Matthias Jacquin (Victor) u. a.
