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Mein Bruder, der Minotaurus

Ein junger Minotaurus will mehr über seine Herkunft erfahren – und wird von einer unheimlichen Kreatur verfolgt.

„Das ist nur ein Pickel“, beruhigt Charlie seinen älteren Bruder, der aufgebracht vor dem Badezimmerspiegel steht. Doch Lorcan ist überhaupt nicht zum Scherzen zumute. Als ob es nicht schon genug wäre, wie er insgesamt aussieht, mit den struppigen Haaren, unter denen kleine Hörner hervorlugen, der Schnauze, den spitzen Ohren, den spitzen Eckzähnen, den gelben Augen und den buschigen Augenbrauen. Lorcan ist ein Minotaurus. Der einzige auf der ganzen Welt. Und außerdem plagen ihn seit geraumer Zeit heftige Alpträume, in denen er von einer furchteinflößenden Kreatur verfolgt wird. Charlie hat bereits ein Muster herausgefunden: Die Träume treten immer bei Vollmond auf. Während Lorcans Pickel und Träume für seine menschlichen Adoptiveltern nur typische Begleiterscheinungen der Pubertät sind, wittert Charlie einen Fall. Höchste Zeit also zu ermitteln, was da los ist.

Mustergültig gelingt es der in den irischen Animationsstudios Cartoon Saloon und Dog Ears entwickelten Serie, bereits innerhalb der ersten Episode eine ungemein spannende Welt zu öffnen. Mit einem unheimlichen Intro beginnt die Serie und setzt gleich den Tonfall, danach folgt sie dem Erzählmuster des Mysteryfilms und des Detektivabenteuers, wobei Charlie und Lorcan von zwei Klassenkameradinnen unterstützt werden. Ihren Reiz gewinnt die Serie vor allem auch durch den eng begrenzten Schauplatz. Alles spielt auf einer kleinen Insel, die vom Rest der Welt abgeschottet ist, und deren markante Schauplätze – das Wohnhaus von Lorcan, ein Friedhof, eine Ausgrabungsstätte mit einem geheimnisvollen Portal in eine andere Welt, eine Bibliothek, ein altes Hotel – bald wie das überschaubare Figurenpersonal zu vertrauten Bezugspunkten werden.

Geschickt verknüpft „Mein Bruder, der Minotaurus“ stets den Blick auf die innere Entwicklung der Figuren und den äußeren Spannungsbogen. Während der Titel den jüngeren Bruder Charlie zur Hauptfigur macht, stehen tatsächlich die beiden Brüder im Mittelpunkt der Serie. Lorcan hat dabei die größte Last zu tragen. Er will normal sein, aber er fühlt sich nicht so, so viel Rückhalt ihm seine menschliche Familie auch bietet. Eng damit verbunden ist sein Wunsch, mehr über seine Herkunft zu erfahren. Bis jetzt haben ihm seine Adoptiveltern immer erzählt, man habe ihn ausgesetzt im Wald gefunden. Doch je länger die Kinder ermitteln, desto mehr zeigt sich, dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist. So geht es auch hier um die Auseinandersetzung mit Identität und Familienkonstellationen.

Verpackt wird das Ganze in eine Mysterygeschichte, die es in sich hat und die sich sowohl in ihrer Gestaltung als auch in ihrer Erzählweise mehr an Serien für Erwachsene anlehnt als an Kinderserien. Dementsprechend sind auch die einzelnen Folgen, deren Titel mit ihren Namenspaaren an das Fantasy-Rollenspiel „Dungeons & Dragons“ erinnern, nicht in sich abgeschlossen, sondern Kapitel einer großen Geschichte – und enden zudem konsequent mit einem Cliffhanger, der zum unmittelbaren Weiterschauen einlädt.

Auch ästhetisch überragt die Serie, was ansonsten auf dem Markt für Kinder ab etwa acht Jahren angeboten wird. Ganz im Stile der bisherigen Cartoon Saloon-Filme, insbesondere den Regiearbeiten von Tomm Moore, der hier auch als Produzent beteiligt war, schlägt „Mein Bruder, der Minotaurus“ eine Brücke von der Gegenwart zur irischen Mythologie und fügt den Selkies aus „Die Melodie des Meeres“ (2014), den heidnischen Gottheiten und Feen aus „Das Geheimnis von Kells“ (2009) und den Gestaltwandlern aus „WolfWalkers“ (2020) noch eine weitere traditionell irische Sagengestalt hinzu: den Pooka, ein heimtückisches Wesen, das ebenfalls alle möglichen Gestalten annehmen kann und es offenbar auf Lorcan abgesehen hat. Für Atmosphäre sorgen unterdessen die sorgfältigen Zeichnungen der irischen Landschaft, die der gesamten Serie einen ganz eigenen Charakter verleihen und trotz ihrer Flächigkeit eine sogartige Wirkung entfalten. Sogar der Bezug zur bildenden Kunst und das Faible für geometrische Gestaltungsmuster, das aus den Moore-Filmen bekannt ist, greift die Serie auf. Viele Einstellungen folgen dem Aufbau der Dynamischen Symmetrie. Doch was nach High Concept klingt, erweist sich am Ende als überhaupt nicht aufdringlich. Die Bilder wirken. Und führen vor, wie schön Kunst und Kinderunterhaltung Hand in Hand gehen können.

Enttäuschend ist eigentlich nur die letzte Episode. Denn in dieser offenbart sich, dass die Macher*innen schon bei der Produktion auf eine weitere Staffel geschielt haben. Und so wird eben – leider ganz ähnlich wie bei vielen aktuellen Serien für Erwachsene – die Handlung eben nicht geschlossen, sondern noch weiter geöffnet. Staffel 1 bleibt damit ein Fragment und nur ein Teil der Geschichte, der für sich allein gar nicht zufriedenstellend stehen kann. Dabei befindet sich die Serie gleich in mehrerlei Sicht an einem entscheidenden Wendepunkt: Im Fortgang wird sie zeigen müssen, ob sie sich mehr für den epischen Teil der Geschichte interessiert, wenn sie mehr über die Welt der Minotauren auf der anderen Seite des Portals und über den Krieg, der dort herrscht, erzählt. Oder mehr für die alltäglichen Sorgen und Herausforderungen von Lorcan, der mit der Suche nach seinem Platz in der realen Welt eigentlich schon vollkommen ausgelastet ist.

Stefan Stiletto

 

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My Brother, the Minotaur - USA 2026, Serien-Idee: Donal Mangan, Homevideostart: 22.04.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 9 Jahren, Laufzeit: 10 Folgen x 22-39 Min., Buch: Mark B. Hodkinson, Musik: Christian Henson, Schnitt: Alan Slattery, Produktion: Cartoon Saloon, Dog Ears, Nuria González Blanco, John McDaid, Tomm Moore, Nora Twomey, Paul Young

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