Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme
Im Kino: Milo und Khalil haben die Nase voll und machen bei den Jugendprotesten in Bagdad mit. Sie fordern eine bessere Zukunft für ihr Land.
Geradezu todesmutig stürzt sich Mohammed Al Khalili 2019 in die Protestmärsche junger Revoluzzer im Zentrum Bagdads. Der junge Iraker, der an der Uni Film studiert hat und als Kameramann arbeitet, begleitet die Demonstranten mit der Kamera. Er filmt, wenn es zu Straßenschlachten kommt, mit jungen Männern, die Steine werfen, und mit Polizisten, die Tränengasgranaten abfeuern und mit scharfer Munition schießen. Aus Solidarität quartiert sich der Sohn einer wohlhabenden Arztfamilie sogar in der Zeltstadt der Jugendbewegung auf dem zentralen Tahrir-Platz ein. Eines Tages wird er bei Unruhen verletzt und von freiwilligen Sanitätern ins Krankenhaus gebracht.
Auf dem gleichen Platz hätte Khalili auch der 19-jährigen Melak „Milo“ Mahdi begegnen können. Die feministische Soziologin sympathisiert mit der Protestbewegung. „Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass es Hoffnung gibt für den Irak, dass wir etwas bewegen können“, sagt sie im Film. Als Tochter einer konservativen Familie hat sie nur wenige Freiheiten. Deshalb schleicht sie sich heimlich in den Kleidern ihres Bruders aus dem Haus. Als ihr autoritärer Vater entdeckt, dass sie bei den Protesten mitmacht, sperrt er sie ein Jahr zu Hause ein. „Sie verbrannten meine Bücher, Kleidung, offiziellen Dokumente. Sie verbrannten meine Identität“, berichtet sie. Doch Milo lässt sich nicht unterkriegen und betont: „Teil der Revolution zu sein, war der Höhepunkt meines Lebens.“
Milo und Khalili sind die Hauptakteur*innen in dem hybriden Dokumentarfilm der Schweizer Regisseurin und Drehbuchautorin Maja Tschumi. Sie stehen stellvertretend für viele junge Menschen, die sich 2019 radikalisierten und politisch engagierten. Dass ausgerechnet die Jugend gegen gravierende Missstände revoltiert, ist kein Wunder: Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre und mit den Folgen von Krieg, Besatzung und Gewalt aufgewachsen. 2003 führt die US-geführte Invasion zum Sturz des langjährigen Machthabers Saddam Hussein. Es entsteht ein politisches System, das auf konfessionellen Quoten basiert. Politische und soziale Spannungen münden in blutige Konflikte zwischen schiitischen und sunnitischen Milizen. Nach dem Abzug der US-Truppen gibt es sektiererische Revolten. In den 2010er Jahren bringt die radikal-islamische Terrororganisation IS zeitweise fast ein Drittel des Irak unter ihre Kontrolle. 2019 bricht im südlichen Irak ein Aufstand los, der sich gegen ausländische Interventionen und das Quotensystem richtet. In Zeltstädten wie auf dem Tahrir-Platz in Bagdad sammeln sich viele junge Demonstrierende und fordern Reformen. Doch das herrschende Regime schlägt die Revolte blutig nieder.
Tschumi zeigt die Erlebnisse, Rückschläge, Hoffnungen und Sehnsüchte von Milo und Khalili in drei Kapiteln. Im ersten Kapitel „Verborgene Kämpfe“ steht Milo im Fokus, im zweiten Kapitel „Konfrontationen“ der etwas ältere Fotograf Khalili. Das dritte Kapitel erzählt abwechselnd, wie es den beiden im Jahr 2022 ergeht.
Milo jobbt als Sozialarbeiterin, engagiert sich in zivilgesellschaftlichen Projekten, gibt Computerkurse in Frauenorganisationen und leistet als Freiwillige psychologische Unterstützung für Opfer von Missbrauch und Gewalt. In einer bewegenden Sequenz versucht sie einer jungen Frau seelischen Beistand zu geben, die noch weit schlimmere Misshandlungen erfahren musste als sie selbst. Wegen ihres Engagements wird Milo bedroht und will daher mit ihrer Freundin Avin auswandern, stößt jedoch auf bürokratische Hindernisse. Außerdem ist Avin lange unschlüssig, ob sie den Absprung wagen soll.
Khalili ist inzwischen im bürgerlichen Alltag angekommen und heiratet. Gerade ist die Zeremonie vollzogen, da hört er, dass schiitische Extremisten das Parlament stürmen, und packt zum Entsetzen seines Bruders die Kamera wieder aus. Für westliche Zuschauende mag es seltsam wirken, dass bei der Hochzeit nur Männer zu sehen sind, nicht die Braut oder weibliche Gäste. Doch für Frauen ist es im Irak noch immer problematisch, in der Öffentlichkeit aufzutreten.
Die Regisseurin entwickelte den Film zusammen mit den beiden Protagonist*innen, die auch am Drehbuch mitschrieben. Sie ermöglichte es ihnen so, an der Darstellung ihrer Geschichten mitzuwirken. Während die Sequenzen um Khalili vor allem von seinen dokumentarischen Filmaufnahmen geprägt sind, wurden die Erlebnisse von Milo auch aus Sicherheitsgründen weitgehend nachgestellt.
Mit seiner hybriden Machart gibt „Immortals“ seltene Einblicke in die Erfahrungswelt und das Lebensgefühl der jungen Generation im Irak, die zwischen Frustration und Veränderungswillen, Hoffnungen und Resignation schwankt. Gerade die konsequente Mitsprache der beiden an der filmischen Darstellung hebt den Film klar von anderen Dokumentationen über den Irak ab und verstärkt die emotionale Anteilnahme, indem er die Stimmen von Milo und Khalili für ein internationales Publikum hörbar macht. Insgesamt ein beklemmender Film, der unter die Haut geht und viele Fragen stellt.
Reinhard Kleber
Schweiz, Irak 2024, Regie: Maja Tschumi, Kinostart: 21.05.2026, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 98 Min., Buch: Maja Tschumi, Mohammed Al Khalil, Melak Madhi, Kamera: Silvio Gerber, Mohammed Al Khalili, Schnitt: Alex Bakri, Produktion: Filmgerberei, Rola Productions, Verleih: W-Film
