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The Cowboy

Im Kino: Mit elf träumt Crowley davon, Cowboy zu werden. Zehn Jahre später weiß er, dass nicht alle Kinderträume in Erfüllung gehen.

Was macht einen Cowboy aus? Der 21-jährige Crowley aus Olney Springs in Colorado versucht sich zu erinnern, was er dem Regisseur 2015 geantwortet hat. Schließlich konnte er nicht ahnen, dass André Hörmann ihn so viele Jahre lang beim Erwachsenwerden begleiten würde.

„Cowboys müssen hart im Nehmen sein“, meinte der 11-Jährige damals, „verletzt sie ein Pferd oder ein Stück Draht, dann heulen sie nicht groß rum, sondern schütteln es ab und machen weiter. Aber Cowboy zu sein, heißt auch, mitten im Nirgendwo zu leben, mit viel Land um einen rum. Man ist frei.“

Während Crowley uns dies erzählt, fängt die Kamera Bilder von der riesigen Ranch der Familie ein, von den Kühen, den Maschinen, dem Haus. Mit Bauernhöfen bei uns hat dies wenig zu tun. Weit und breit kein anderes Haus, keine Nachbarschaft, keine saftig-grünen Felder, eher steppenartige Vegetation … wie eben im „Nirgendwo“. Das Leben konzentriert sich auf die Arbeit mit den Tieren und auf die Familie, zu der – neben den Eltern – noch ein Bruder und eine Schwester gehören. Crowleys Vater Curt ist streng. Körperliche Gewalt gehört zu seinen Erziehungsmaßnahmen. „Schlägt man ein Kind, ohne dass es umfällt, zählt es nicht“, meint er. Er will, dass seine Kinder stark sind, bereit für die raue Realität, die sie später erwartet. Mutter Farrah gibt ihrem Sohn Schießunterricht, denn der Elfjährige hat bereits eine eigene Pistole. Crowleys großes Vorbild ist der ältere Bruder Yancie. Yancie ist stark, mutig, selbstbewusst und nimmt an Rodeo-Wettkämpfen teil. Er trainiert seinen kleinen Bruder, zeigt ihm, wie er sich lange auf einem wilden Stier halten kann. Familie McCuistion ist nicht gerade wohlhabend, aber auch nicht „pleite“. Immer mal können fällige Rechnungen nicht bezahlt werden, dann wird Fernsehen oder das Telefon abgeschaltet. Trotzdem kann sich Crowley kein besseres Leben vorstellen. Sein Ziel ist es, später einmal selbst eine große Ranch zu besitzen.

Zwei Jahre später, da ist Crowley 13, muss die Familie mit einem schweren Schicksalsschlag fertig werden: Yancie ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der Vater beginnt zu trinken, die Trauer überschattet das Familienleben. Crowley nimmt sich vor, in Yancies Fußstapfen zu treten und statt seiner ein berühmter Rodeo-Sportler zu werden.

Im Sommer 2020 ist Crowley 16, und zumindest einer seiner Träume gestorben. Nach einem Unfall mit einem Stier, der ihm drei Schneidezähne gekostet hat, ist es aus mit einer Karriere als Rodeo-Sportler. Die Eltern sind geschieden, Mutter Farrah hat einen neuen Partner und Crowley wird in die Freeman Ranch ziehen, eine Stunde von Zuhause entfernt. Dort hat er ein Jobangebot bekommen. Sein Wunsch, Cowboy zu werden und ein eigenes Pferd zu besitzen, scheint in Erfüllung zu gehen.

Doch Crowleys Leben wird von Hochs und Tiefs bestimmt. Mal wohnt er bei seiner Mutter auf der alten Ranch, dann zieht er mit seiner ersten Freundin nach Oklahoma in einen Wohnwagen, im Herbst 2023 kehrt er zurück nach Colorado.

2025 schließt sich zunächst der Bogen. Crowley ist nun 21, trägt einen kleinen gezwirbelten Schnauzbart, seine fehlenden Schneidezähne wurden ersetzt. Stolz zeigt er seiner Schwester Chaney das kleine Häuschen im texanischen Ort Happy, in das er gerade gezogen ist. Und das riesige Tattoo auf seinem Oberarm. Schaut man genau hin, kann man darin auch Yancie auf einem Stier reitend erkennen. Crowley hat gelernt zu akzeptieren, dass sein Bruder nun „an einem besseren Ort“ ist. Manchmal aber glaubt er, dass er einiges von Yancie zu hören bekommen würde. Was er hätte anders machen sollen. Aber er glaubt auch, dass Yancie stolz auf seinen kleinen Bruder ist.

Den Ausgangspunkt dieses Langzeitprojekts bildet André Hörmanns erster kurzer Dokumentarfilm „Crowley – Jeder Cowboy braucht sein Pferd“, der 2015 für die ZDF-Reihe „stark!“ entstand. Er lief auf zahlreichen Festivals, genau wie die Fortsetzung „Crowley – Cowboy Up“ von 2018. In all diesen Filmen arbeitet André Hörmann ohne Kommentar. Er lässt allein Crowley sowie seine Eltern, die Schwester und anfangs auch Bruder Yancie zu Wort kommen. Dabei fällt auf, wie ehrlich Crowley über seine Misserfolge und seine Enttäuschungen sprechen kann. Das geht ziemlich unter die Haut, lösen sich doch viele dieser Klischees von einem Cowboy als einen sehr harten, wilden und freien Mann Stück für Stück auf. Crowley erscheint uns als ein zerbrechlicher Junge, der keine leichte Kindheit hatte und einen langen Weg gehen muss, um zu sich zu finden, um herauszubekommen, was ihm guttut und was er im Innersten will.

André Hörmann gibt seinem Protagonisten nicht nur ausreichend Raum, sondern auch Zeit, um zu erzählen. In langsamen Einstellungen lässt er Crowley und seine Familie agieren, zwischendurch fängt die Kamera intensive Bilder von der Landschaft, der Ranch, der Tiere und der Familie bei der harten Arbeit ein. Auf diese Weise entsteht mit The Cowboyein Dokumentarfilm, der zutiefst berührt und zugleich ein realistisches Bild von der amerikanischen Provinz der Gegenwart zeichnet.

Barbara Felsmann

© Salzgeber
12+
Dokumentarfilm

Deutschland, USA 2025, Regie: Andre Hörmann, Kinostart: 14.05.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 89 Min., Buch: André Hörmann, Vincent Assmann, Bildgestaltung: Tom Bergmann, Ton: Nikola Chapelle, Schnitt: Vincent Assmann, Musik: Roger Goula, Produktion: Heike Kunze, Mark Mitten / Produktionsfirma: telekult Film- und Medienproduktion GmbH in Koproduktion mit Mitten Media und ZDF, Mit: Crowley McCuistion, Farrah Lee, Curt McCuistion, Yancie McCuistion, Chaney McCuistion

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