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Mauern aus Sand

Im Kino: Als sein Jugendfreund zurückkehrt, muss Marko sich entscheiden: seinen Gefühlen folgen oder die Erwartungen seines Umfelds erfüllen?

Der Himmel ist grau, trüb und wolkenreich über dem kroatischen Dorf, in dem der junge Marko mit seiner Familie wohnt. Da es immer wieder regnet, droht ein Hochwasser. Die Dorfbewohner sind nervös und füllen fleißig Sandsäcke, um ihre Häuser zu sichern. Auch Marko hilft beim Sandschippen. Er ist ein guter Schüler und ein talentierter Sportler. Seine freie Zeit verbringt er mit dem jüngeren Bruder Fico oder seiner Freundin Petra. Außerdem bereitet er sich auf einen Wettbewerb im Armdrücken vor, wobei ihn der Vater trainiert. Auch beruflich ist sein Weg vorgezeichnet: Er kann nach dem Schulabschluss in der väterlichen Autowerkstatt arbeiten.

Doch dann reist sein Jugendfreund Slaven aus Deutschland an, weil dessen Vater gestorben ist und die Beerdigung ansteht. Der etwas ältere Slaven war vor Jahren von seiner konservativen Familie gezwungen worden, das Dorf zu verlassen, weil diese seine Homosexualität nicht akzeptierte. Als sich die beiden wiedersehen, werden schnell verschüttete Gefühle wieder wach. Als erste Gerüchte über die reaktivierte Romanze aufkommen, geht Petra sofort auf Distanz und beschimpft Marko. Der Jugendliche wird in der sehr konservativen Gemeinde zum Objekt übler Schmähungen. Nur sein kleiner Bruder bleibt solidarisch und tröstet ihn.

In ihrem zweiten langen Spielfilm schildert die kroatische Regisseurin Čejen Černić Čanak das zentrale Dilemma des Protagonisten mit großem Fingerspitzengefühl. Durch beiläufige Beobachtungen und Andeutungen in kargen Dialogen zeichnet sie das Bild einer Dorfgemeinschaft, die an einem strikten, queerfeindlichen Weltbild festhält.

Wie eng Männlichkeit definiert und soziale Kontrolle in der Dorfgemeinschaft ausgeübt wird, ist unterschwellig vor allem in Gruppenszenen spürbar. So werden in auf den ersten Blick harmlos wirkenden Alltagsgesprächen tiefe Vorurteile offenbar, die weitreichende Folgen für Marko und Slaven haben. Černić Čanak bietet in „Mauern aus Sand“ keine vereinfachende Lösung an. Wenn Slaven nach Berlin zurückkehrt und Marko an der Bushaltestelle zu ihm stößt, muss er sich entscheiden: Bleiben oder gehen?

Die Kamera von Marko Brdar bleibt meist nah an den Figuren, gewährt aber in Totalen auch Ausblicke in die Dorfstraßen und die Landschaft mit dem anschwellenden Fluss. Allerdings irritiert die Bildgestaltung manchmal: Die Handkamera wackelt oft wild herum, ohne dass die gezeigten Ereignisse die Hektik rechtfertigen. Etwas plakativ wirkt auch das Schlüsselsymbol der titelgebenden Mauern aus Sand: So wie die Dorfbewohner mit den Säcken einen Damm errichten, um die Wassermassen zu stoppen, so versucht auch Marko sich hinter einen Wall der Verschwiegenheit vor der drohenden Diskriminierung und Ausgrenzung zu verbergen. Doch so wie Wasser als Naturgewalt sich oft nicht aufhalten lässt, so drohen auch die aufbrechenden Emotionen Markos Mauer zu unterspülen.

Insgesamt wirkt der queere Coming-of-Age-Film zurückhaltend bis nüchtern. Die Regie meidet unnötige Dramatisierungen oder Ausflüge ins Sentimentale, sie bevorzugt leise Töne statt lautstarker Ausrufezeichen. Das wird vor allem in der vorsichtig tastenden, heimlichen Wiederannäherung von Marko und Slaven deutlich. Die einfühlsame Inszenierung verzichtet konsequent auf unnötige Zuspitzungen oder wohlfeile Eskalationen. Zugleich wird deutlich, wie aussichtslos die Versuche sind, Erwartungen zu erfüllen, die nicht zu den eigenen Gefühlen passen. Gerade diese Behutsamkeit der Bilder erleichtert die emotionale Anteilnahme der Zuschauenden mit den beiden Teenagern.

Das eindringliche Außenseiterdrama lebt aber vor allem auch von den Leistungen der talentierten jungen Hauptdarsteller. Lav Novosel verkörpert Marko souverän als sensiblen Jugendlichen, der aus der scheinbar vorgezeichneten Bahn geschleudert wird, zwischen Anpassung, Verwirrung und Auflehnung schwankt. Ihm steht Andrija Žunac als wortkarger Heimkehrer kaum nach, der seinen Frust, seine Zerrissenheit und Verunsicherung hinter einer unbewegt scheinenden Mine zu verbergen sucht.

Reinhard Kleber 

© Salzgeber
14+
Spielfilm

Zečji nasip - Kroatien, Litauen, Slowenien 2025, Regie: Čejen Černić Čanak, Kinostart: 28.05.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 88 Min., Buch: Tomislav Zajec, Kamera: Marko Brdar, Schnitt: Slaven Zečević, Musik: Domas Strupinskas, Produktion: Kinorama, Tremora, Perfo Production, Verleih: , Besetzung: Lav Novosel (Marko), Andrija Žunac (Slaven), Leon Grgić (Fićo), Franka Mikolaci (Petra), Tanja Smoje (Vanča), u. a.

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