Sunny Dancer
Entdeckt bei der Berlinale: Berührendes Drama um ein Teenager-Mädchen, das nach seiner Krebserkrankung in einem Feriencamp zu neuer Kraft findet.
Wie Personen aussehen, die gegen eine Krebserkrankung kämpfen, scheinen wir zu wissen: ohne Augenbrauen, Wimpern und Haare, mit Kopftuch oder Käppi, wer mutig ist, auch mit Glatze. Das sind Bilder, die wir sofort einordnen können. Dass es aber auch ein gezeichnetes Leben nach der Glatze gibt, dass Haare wieder wachsen, dass äußerlich erst einmal alles in Ordnung scheint, dass nichts mehr auf die Erkrankung hinweist und Personen trotzdem unter dem Erkranktgewesensein leiden, das ist vielen nicht bewusst. „Sunny Dancer“ von George Jaques macht genau das: Er thematisiert und macht eindrücklich bewusst, wie es (jungen) Menschen nach einer Krebserkrankung geht, wie sie lernen, mit ihr zu leben und wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Wie sie neuen Mut finden und ihr Leben neu entdecken.
Die 17-jährige Ivy ist nach schwerer Erkrankung seit zehn Monaten krebsfrei, in Remission, wie es medizinisch heißt. Doch die Krankheit hat sie verändert. Sie lebt in ihrem Zimmer, hat sich – wie die Krankheit – zurückgezogen, trifft niemanden, hat offensichtlich an nichts mehr Freude. Deshalb melden ihre Eltern sie für ein Ferienlager für krebserkrankte Jugendliche an. Nur widerwillig fährt Ivy ins „Chemo-Camp“ und hat Schwierigkeiten damit, die angebotenen Aktionen mitzumachen, sich an die Regeln der Gemeinschaft zu halten. Aber Mitbewohnerin Ella ist kontaktfreudig und lässt nicht locker, Ivy in eine kleine Gruppe von Außenseiter*innen zu integrieren, sodass sich das Mädchen schrittweise öffnen kann und neue Freundschaften schließt.
In der Gruppe fällt es Ivy zunehmend leichter, über ihre Krankheit und überhaupt wieder mit anderen zu sprechen. Zusammen mit ihnen macht sie Witze, die sich niemand außerhalb des Betroffenenkreises trauen würde, und sie tanzt: kindlich ausgelassen zu „I Don’t Feel Like Dancin‘“ von den Scissor Sisters. Bewegungen, die das Mädchen sonst nur innerhalb ihrer Kleinfamilie wagt, die seit jeher für gute Laune sorgen. Und auch jetzt helfen sie den Jugendlichen, loszulassen, für wenige Minuten zu vergessen, wovor sie Angst haben, was sie belastet und so oft verzweifeln lässt. Die jungen Menschen können so gut nachfühlen, „not in the mood“ zu sein, wie es im Song heißt: Sie wissen, wie es sich anfühlt, emotional leer und erschöpft – oder wie Ivy es an einer Stelle sagt: „emotional unerreichbar“ – zu sein, obwohl sie doch die Krankheit besiegt haben und leben. Dankbar sein dürften, wie das Umfeld suggeriert, die zweite Chance nutzen sollten. Dass das oft nicht geht, dass sie erst wieder zu sich und dem neuen Ich finden müssen, das zeigt „Sunny Dancer“ in den kleinen Situationen, die die Jugendlichen immer wieder durcheinanderbringen, in ihren Gesprächen und der schonungslosen Ehrlichkeit, mit der sie formulieren, was sie fühlen. Das sind nicht die Wohlfühlsätze, die Krankheitsgeschichten im Film oft vermitteln, da ist viel Unsicherheit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, etwa, wenn Ralphs Blutwerte schlechter werden oder Jake wieder eine Panikattacke hat. Auch das zeigt der Film: Dass Krankheit und Therapie Nach- und Nebenwirkungen haben, die oft Monate und Jahre nach Therapieende andauern und das Leben der Betroffenen einschränken.
Trotzdem hat „Sunny Dancer“ auch ganz viel positive Energie, was vor allem daran liegt, dass die Geschichte nicht im Krankenhaus-Setting spielt, den Krebs nicht ins Zentrum stellt, sondern die Figuren dabei begleitet, wie sie ein Stück jugendliche Normalität im geschützten Rahmen des „Chemo Camps“ erfahren dürfen. Sie gehen schwimmen und in einen Freizeitpark, fahren Boot und zelten auf einer Insel. Nebenbei geben sich die Teenager durch das Wissen um die gemeinsame Erfahrung gegenseitig Kraft, sie werden zu Sparringpartner*innen und erkennen, wie wichtig es ist, auf Gleichgesinnte zu treffen, die sie verstehen, ohne dass sie viel erklären müssen. Sie erfahren aber darüber hinaus, dass es wichtig ist, wieder ausgelassen zu sein und zu tun, was Jugendliche in ihrem Alter tun. Und sie merken, dass sie das wieder oder noch können.
Bella Ramsey spielt Ivy auf den Punkt: Ihre Wut, aber auch die Gehemmtheit ihrer Figur, die Unfähigkeit, sich nach Monaten der Isolation wieder anderen zu öffnen, ihre Ratlosigkeit und Überforderung, wie sie mit dem Danach, dem „Nach dem Kranksein“ umgehen soll. Auch die anderen Jungdarsteller*innen sind großartig besetzt und geben ihren Rollen große Authentizität. Neil Patrick Harris steht die Rolle der motivierenden, aber auch strengen und gebeutelten Betreuungsperson gut, die Figur bleibt aber im Hintergrund – liegt doch der Fokus voll und ganz auf den Jugendlichen und dem gegenseitigen Empowerment, diesen jungen Menschen, die durch ihre Krankheit früh erwachsen werden mussten und jetzt erfahren, was das Erwachsenwerden außerdem für sie bereithält: die erste Liebe, den ersten Kuss, Leidenschaft und Sehnsüchte, Abschied und Verlust.
Und genau deshalb ist der Film so wichtig – besonders für (jugendliche wie erwachsene) Betroffene, aber auch für Angehörige und Freunde von Betroffenen, die lernen können zu verstehen, was oft unverständlich ist.
Verena Schmöller
Diese Kritik entstand im Rahmen der Berichterstattung über die Welturaufführung des Films bei der Berlinale 2026, wo „Sunny Dancer“ die Sektion Generation 14plus eröffnete.
Großbritannien 2026, Regie: George Jaques, Festivalstart: 13.02.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 106 Min., Buch: George Jaques, Kamera: Oliver Loncraine, Musik: Este Haim, Zachary Dawes, Ton: Lee Herrick, Richard Spooner, Schnitt: Caitlin Spiller, Produktion: George Jaques, Ken Petrie, Verleih: capelight pictures, Besetzung: Bella Ramsey (Ivy), Daniel Quinn-Toye (Jake), Ruby Stokes (Ella), Earl Cave (Ralph), Neil Patrick Harris (Patrick) u. a.
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