Girls Don't Cry
Im Kino: Sechs Mädchen, sechs Länder, sechs Geschichten. Und eine Frage: Was bedeutet es, heute ein Mädchen zu sein?
Sie sind zwischen 14 und 16 Jahre alt und wachsen unter spezifischen Lebensumständen mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen auf. Trotzdem formulieren alle hier porträtierten Mädchen einen gleichlautenden, dringlichen Wunsch: Ich will als Mädchen, als Frau ein selbstbestimmtes, ein freies und ein unbeschwertes Leben führen können. In diesem Dokumentarfilm sprechen sie über ihre persönlichen Erfahrungen. Über gewaltvolle Traditionen, gesellschaftliche Zwänge und Vorurteile, aber auch über das, was ihnen Kraft gibt.
Wenn es nach ihrer Familie gegangen wäre, hätte Nancy aus Tansania „beschnitten“ werden sollen, um auf dem Heiratsmarkt einen besseren „Preis“ zu erzielen. Sie floh vor der brutalen Genitalverstümmelung und fand vorübergehend Unterschlupf in einem Schutzhaus der Institution „Hope for Girls and Women Tanzania“. Nun leidet sie unter dem Vorwurf, durch ihren Widerstand das Ansehen der Familie beschädigt zu haben.
Das jesidische Mädchen Sheelan aus dem Nordirak ist dem Völkermord durch den Islamischen Staat (IS) entkommen. Sie hat im deutschen Tübingen eine Zuflucht gefunden. Ihre Angst vor dem langen Arm des IS ist jedoch nicht verschwunden und wird erneut angefacht, als das Wort „Remigration“ plötzlich durch Deutschland geistert.
Bereits im Alter von vier Jahren weiß Selenna aus Santiago de Chile, dass sie ein Mädchen ist. Bei Geburt wurde ihr das männliche Geschlecht zugewiesen. Heute setzt sie sich aktiv für die Rechte von trans Personen ein.
Nina aus Serbien hatte in Stuttgart eine Bleibe und eine gute Schulausbildung gefunden, bis sie über Nacht mit ihrer romani Familie nach Novi Sad abgeschoben wurde. Ökonomisch mittellos und ohne Bildungschancen hofft sie, sich in der ihr fremden Umgebung und in einer Gesellschaft mit strikten Traditionen für Frauen durchsetzen zu können.
Die 16-jährige Paige aus Coventry in England war eine Schulverweigerin, durchlitt depressive Phasen und ist begeistert von schönen Nägeln, Wimpern und Lippen. Als sie schwanger wird, entscheidet sie sich in letzter Minute gegen eine Abtreibung und sorgt sich inmitten einer Großfamilie liebevoll um ihren kleinen Sohn.
Im Unterschied zu Paige weigert sich Sinai aus Südkorea konsequent, dem im ganzen Land grassierenden Schönheitsideal zu folgen. Viele Eltern dort wollen ihre Töchter sogar operieren lassen, damit diese beruflich und privat erfolgreicher sind. Sinai hingegen, die nie zur Schule gegangen und zuhause unterrichtet worden ist, bereitet sich auf die BMX-Weltmeisterschaften vor, wohl wissend, dass die Konkurrenz der Jungen groß ist.
Sigrid Klausmann, die Ko-Regisseurin und mit ihrem Ehemann Walter Sittler auch Produzentin des Films beendet mit „Girls Don't Cry“ offiziell ihre Karriere als Dokumentarfilmerin. Diese hatte 2003 begonnen und mündete ab 2011 in die Film- und Bildungsreihe „199 Kleine Held*innen“. In dieser ist 2017 auch der mehrfach preisgekrönte Film „Nicht ohne uns“ entstanden. Auch Tochter Lea-Marie Sittler ist Teil des Films. Sie zeichnet sich für die Musik verantwortlich und ist mehrfach mit Gitarre und Gesang zu hören.
Eine große Herausforderung bei der Produktion des Films bestand darin, zwei Aspekten gleichermaßen gerecht zu werden. Einerseits aus der Vielzahl von möglichen weiblichen Lebensrealitäten sechs herausfiltern, die eine große Bandbreite an Problemen zeigen, mit denen Mädchen in der heutigen Zeit konfrontiert sind. Andererseits strukturelle Probleme sichtbar zu machen.
Die Protagonistinnen erzählen freimütig und sehr offen von ihren Erfahrungen, Sorgen und Wünschen, wobei die jeweilige Originalsprache erhalten bleibt und mit Voice-over ins Deutsche übersetzt wird. Lediglich bei Sheelan aus dem Irak war das nicht erforderlich, weil ihre Deutschkenntnisse nahezu perfekt sind. Nach einer ersten Kurzvorstellung der sechs Mädchen geht der Film genauer auf deren Schicksale ein und greift im weiteren Verlauf universelle Themenbereiche des Coming-of-Age auf: die erste Liebe, die Beziehung zu jungen Männern, Freundschaften, Eltern-Kind-Beziehungen, Identitätsfindung, die Übernahme von Verantwortung und gesellschaftliches Engagement. Auf diese Weise werden Unterschiede im individuellen Lebensweg, aber auch Gemeinsamkeiten deutlich, wie insbesondere die Wünsche nach Anerkennung und Gleichberechtigung der Geschlechter sowie einem freien und selbstbestimmten Leben. Nicht zuletzt wird die Bedeutung der Eltern und Großeltern bei der Realisierung dieser Wünsche deutlich.
Eine Differenzierung der jeweiligen Themen kann und will der Film von Sigrid Klausmann und Lina Lužytė nicht leisten. Denn mit den aufgegriffenen Lebensgeschichten verschiebt sich der Fokus weg von den jeweiligen Einzelschicksalen hin zu einer übergreifenden Gesamtschau auf das, was Mädchen überall auf der Welt erleben. So entfaltet der Film seine Kraft vor allem durch die Resilienz seiner Protagonistinnen sowie die Haltung, ihre Perspektiven sichtbar zu machen und stehenzulassen.
Holger Twele
Deutschland 2026, Regie: Sigrid Klausmann-Sittler, Lina Lužytė, Kinostart: 30.04.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 90 Min., Kamera: Thorsten Harms, Justyna Feicht, Gabriel Diaz, Lina Lužytė, Musik: Lea-Marie Sittler, Schnitt: Gregory Schuchmann, Produktion: Schneegans Productions, Verleih: farbfilm verleih
