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Cotton Queen

Im Kino: Mein Körper, mein Leben, meine Zukunft. Ein einfühlsames Debüt über jugendliche Selbstermächtigung.

Die 15-jährige Nafisa lebt mit ihrer Familie in einem abgelegenen Dorf im Sudan, das vor allem von der Baumwollproduktion lebt. In den Sommerferien hilft sie mit Freundinnen beim Pflücken auf den Feldern, die ihrer alten Großmutter Al-Sit gehören. Die einflussreiche Matriarchin legt großen Wert darauf, dass die Baumwolle von Hand geerntet wird, am liebsten von jungen Mädchen. Sie führt nicht nur in ihrer Familie ein strenges Regiment, sondern hat auch in der Dorfgemeinschaft das Sagen. In ihrer Freizeit schreibt Nafisa gerne Gedichte, außerdem schwärmt sie für den jungen Zwiebelbauern Babiker.

Als der junge Geschäftsmann Nadir aus London eintrifft und sich in einem Gebäude einquartiert, das früher den britischen Kolonialherren gehörte, ändert sich Nafisas Leben grundlegend. Der ehrgeizige Unternehmer fällt im Dorf sofort auf, weil er einen dunklen Anzug mit Krawatte trägt. Der Sohn eines reichen Sudanesen hat große Pläne und stellt den Dorfbewohnern eine goldene Zukunft in Aussicht. Nafisas Mutter Aisha, Vater Bilal und auch Al-Sit sind sich schnell einig: Nafisa sollte diesen Mann heiraten. Sie hoffen, so der Familie und der Dorfgemeinschaft neuen Wohlstand zu sichern, schubsen Nafisa damit jedoch in einen Gewissenskonflikt zwischen Pflichtgefühl und eigenen Wünschen.

„Cotton Queen“ ist der erste lange Spielfilm von Suzannah Mirghani und eine Weiterentwicklung des fiktionalen Erzählstoffs ihres Kurzfilms „Al‑Sit“ aus dem Jahr 2020. Mirghani, die im Sudan geboren wurde und Teile ihrer Jugend dort verbracht hat, erzählt in ihrem Debüt größtenteils aus der Sicht der jugendlichen Sudanesin Nafisa. Eine Perspektive, die im fiktionalen Kino bisher kaum präsent ist.

In Mirghanis Film, einer Fusion aus Coming-of-Age-Film und Dorfdrama, spielen Nafisas Beziehungen zu drei Frauengenerationen eine zentrale Rolle: Großmutter, Mutter und Freundinnen. Im Vergleich dazu stehen Männer wie Nafisas Vater, Nadir oder Babiker in der zweiten Reihe. Die wichtigste Bezugsperson für Nafisa ist die Großmutter. Die Dorfälteste ist als ambivalente Figur angelegt. Einerseits ist sie eine Vertrauensperson, die Nafisa zuhört und beisteht, vor allem seit Al-Sit das Mädchen vor Jahren vor einer Genitalverstümmelung bewahrt hat. Andererseits hält sie Nafisa an der kurzen Leine und droht ihr eine Strafe an, wenn sie wieder einmal wie andere Mädchen im nahegelegenen Nil baden sollte, weil sich das für unbegleitete Minderjährige nicht gehört.

Die Spannungen zwischen Großmutter und Enkelin eskalieren, als Nafisa einen alten Zeitungsartikel aufspürt, aus dem hervorgeht, dass Al-Sit ihre angeblich so heldenhafte Rolle als damalige „Baumwollkönigin“ im Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft stark übertrieben hat. Vor allem dass Al-Sit als 15-Jährige einen General getötet und 100 britische Soldaten mit einer Suppe vergiftet hat, wie ein örtlicher Chauffeur erzählt, wirkt unglaubwürdig. Während Nafisa sich immer mehr nach Freiheit und Selbstbestimmung sehnt, beharrt die Oma auf ihrem Machtanspruch. Wer hat nun das letzte Wort, wenn es um Nafisas Zukunft geht? Die Konfrontationen zwischen den beiden gehören zu den stärksten Szenen des Films.

Ein zweites wichtiges Konfliktfeld ist der Streit um die Zukunft des Baumwollanbaus. Während Al-Sit am naturnahen Anbau festhält, setzt Nadir auf genetisch modifiziertes Baumwollsaatgut, das er mitbringt und als wirtschaftlichen Fortschritt anpreist. Es verspricht höhere Erträge, macht die Bauern jedoch abhängig vom Kauf des Saatguts. Nafisa beginnt zu recherchieren und stößt auf Berichte über ökologische Risiken und neue Abhängigkeiten.

Tradition und Moderne, konservatives Denken und Fortschrittsgeist prallen hier im Alltäglichen aufeinander. Etwa auch dann, wenn Nafisas Freundinnen auf dem Handy belustigt oder befremdet ein kurioses TikTok-Video anschauen, in dem eine Influencerin einen Wattebausch verschluckt, um Gewicht zu verlieren, und kurz darauf Dorfbewohner eine Wahrsagerin aufsuchen.

In der Inszenierung der Konflikte zeigen sich allerdings auch debüttypische Unsicherheiten. Vor allem im Finale wirkt Nafisas Widerstands‑ und Befreiungsakt zu plakativ. Insgesamt gelingt Mirghani jedoch ein einfühlsames Figurenporträt, in das sie gelegentlich sogar metaphorische Szenen einbaut, die mit leiser Poesie an den Magischen Realismus erinnern. Sequenzen der abgebrochenen Beschneidungsprozedur, eine nächtliche Bootsfahrt und albtraumhafte Hochzeitsbilder eröffnen einen Raum, in dem Ängste, Wünsche und Ungewissheiten offenbar, aber nicht kommentiert werden.

„Cotton Queen“ erzählt von Erwartungen, Loyalitäten und Zwängen, die sich weder eindeutig auflösen noch gegeneinander ausspielen lassen. Mirghani gelingt auf diese Weise ein vielschichtiges Filmdrama über jugendliche Selbstermächtigung.

Reinhard Kleber

© Jip Film
14+
Spielfilm

ملكة القطن - Deutschland, Frankreich, Palästina, Ägypten, Katar, Saudi-Arabien, Sudan 2025, Regie: Suzannah Mirghani, Kinostart: 23.04.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 93 Min., Buch: Suzannah Mirghani, Kamera: Frida Marzouk, Schnitt: Amparo Mejías, Simon Blasi, Frank Müller, Musik: Amine Bouhafa, Produktion: Caroline Daube / Strange Bird, Verleih: Jip Film, Besetzung: Mihad Murtada (Nafisa), Rabha Mohamed Mahmoud (Al‑Sit), Talaat Fareed (Babiker), Haram Bisheer (Aisha), Mohamed Musa (Bilal), u. a.

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