Babystar
Im Kino: Ihr Leben ist Content. Schafft Luca es, aus dem Alltag ihrer Influencer*innen-Familie auszubrechen? Eigenwilliges Coming-of-Age-Drama.
Aufmerksamkeit ist nicht gleich Aufmerksamkeit – das wird in Joscha Bongards Spielfilmdebüt „Babystar“ schon sehr früh deutlich. Luca ist es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Ständig sind Kameras auf sie gerichtet. Fast nichts in ihrem Leben bleibt verborgen. Nahezu alles findet vor den wachsamen Augen der Öffentlichkeit statt. Seit dem ersten Ultraschallbild haben ihre Eltern Stella und Chris die Entwicklung der heute 16-Jährigen mit der Welt auf ihrem Family-Blog geteilt – und sich damit eine goldene Nase verdient. Vom Erfolg zeugt ihr minimalistisch eingerichtetes Designerhaus samt eigenem Pool.
In einer Szene im Garten, beim entspannten Abhängen, zeigt sich allerdings, dass die Erwachsenen jenseits der Wir-präsentieren-uns-im-bestmöglichen-Licht-Momente kaum echtes Interesse an ihrer Tochter haben. Während Stella und Chris auf ihre elektronischen Geräte starren, versucht Luca, im Wasser auf sich aufmerksam zu machen. Da keine Reaktion kommt, taucht sie unter und lange Zeit nicht wieder auf. Sie könnte ertrinken, ihre Eltern würden es nicht mitkriegen. Erst als sie den Laptop ihres Vaters in den Pool wirft, wird sie beachtet. Eine Situation wie ein Hilferuf. Auf jeden Fall der Beweis, dass hinter dem perfekt ausgeleuchteten Alltag der Teenagerin Abgründe lauern. Ins Wanken und ins Grübeln gerät die Protagonistin spätestens dann, als sie erfährt, dass Stella und Chris ein zweites Kind planen. Um das Internetbusiness weiter anzukurbeln, versteht sich.
Luca hat im Grunde keine Rückzugsräume. Selbst intimste Dinge wie ihre erste Periode werden vor laufender Kamera besprochen. Von Geburt an ist sie vor allem eines: eine Marke. Was macht das mit ihr?
„Babystar“ umkreist spannende Fragen zum Thema Identität und verbindet diese mit einem kritischen Blick auf unsere immer stärker medial geprägte Wirklichkeit. Unterhaltsam im konventionellen Sinne ist die Debütarbeit dabei nicht. Vielmehr beschreibt der Film Lucas Ringen um ein wenig Selbstbestimmung, um etwas „Normalität“ ebenso wie ihre Rückfälle in die eingeübten Muster, ihre Sehnsucht danach, verehrt zu werden, mit eigenwilligen Stilmitteln. Viele Bilder sind statisch. Die Kamera bewegt sich selten, tastet sich höchstens einmal langsam heran. Oft dauern Einstellungen länger als gewöhnlich. Mehrfach blicken wir aus einem erhöhten, schrägen Winkel, wie in einem Überwachungsvideo, auf das Geschehen – was das Gefühl der permanenten Beobachtung unterstreicht. Im Zusammenspiel mit der meist bedrohlich klingenden, flirrenden Musik entsteht dennoch ein seltsamer Sog, der uns immer wieder in Lucas fremdbestimmtes, vollständig durchinszeniertes Familienleben hineinzieht.
Auch wenn die Inszenierung manchmal anstrengt, eine gewisse Distanz aufbaut, ist Lucas „Reise“ reizvoll. Schon deshalb, weil die Jugendliche vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben persönliche Erfahrungen sammelt, sich selbst ausprobieren kann. Hauptdarstellerin Maja Bons transportiert den inneren Kampf ihrer Figur, das Auf und Ab zwischen Emanzipation und dem Wunsch nach Rückkehr ins Familiengeschäft häufig allein über ihr nuanciertes Mienenspiel, ihre eindringlichen Augen. Ein starkes Gegengewicht zur mitunter sperrigen formalen Gestaltung!
Christopher Diekhaus
Deutschland 2025, Regie: Joscha Bongard, Kinostart: 23.04.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 102 Min., Buch: Joscha Bongard, Nicole Rüthers, Kamera: Jakob Sinsel, Musik: Jonas Vogler, Ton: Jan Heitland, Schnitt: Emma Holzapfel, Wolfgang Purkhauser, Produktion: Lisa Purtscher, Lotta Schmelzer, Verleih: Across Nations, Besetzung: Maja Bons (Luca Sommer), Bea Brocks (Stella Sommer), Liliom Lewald (Chris Sommer), Joy Ewulu (Julie), Maximilian Mundt (Simon) u. a.
