Arco - Eine fantastische Reise durch die Zeiten
Im Kino: Ein Junge aus der fernen Zukunft reist versehentlich ins Jahr 2075. Dort steht eine Naturkatastrophe kurz bevor.
Fliegen? Darf man erst mit Zwölf. So steht es im Gesetz. Aber das ist unfair, findet Arco. Er möchte wie seine Eltern und seine ältere Schwester auch einmal eines dieser Regenbogencapes tragen, mit denen man fliegen und durch die Zeit reisen kann. Und dann möchte er ganz weit zurück in die Vergangenheit. Seine Eltern bringen von ihren Zeitreisen immer nur alte Pflanzen mit, die sie erforschen wollen. Aber Arco träumt von mehr. Einmal mit eigenen Augen die Dinosaurier sehen, das wäre toll! So schleicht sich Arco eines nachts heimlich aus dem Haus, stibitzt sich ein Regenbogencape und stürzt sich wagemutig von der hohen Plattform, auf dem das Haus seiner Familie steht, hinab in die Tiefe. Doch Arco reist nur etwa acht Jahrhunderte in der Zeit zurück – und landet ziemlich unsanft im Jahr 2075, wo er von Iris gefunden wird, die den verletzten Jungen mit zu sich nach Hause nimmt. Staunend beobachtet Arco, wie anders die Welt zu dieser Zeit ist – und wie bedroht.
In einem Film gleich in zwei zukünftige Welten zu reisen, das ist eher selten. In „Arco“ ist die weit entfernte Zukunft zudem ein guter Ort. Die Erde ist in dieser zwar noch arg mitgenommen, aber die Menschen haben einen Weg gefunden, gut im Einklang mit der Umwelt zu leben und Technik sinnvoll einzusetzen. Hoch über dem Erdboden leben sie auf Plattformen, um dem Boden noch mehr Zeit zur Regeneration zu geben. Und sie haben gelernt, mit den Vögeln zu sprechen und so ganz wörtlich in Dialog mit der Natur zu treten. Es sind schöne Bilder, die der Film für diese Zeit findet, mit warmen Farben, einem Sinn für Weite und Offenheit und die Wirkung von Licht.
Im Jahr 2075 sieht die Welt dagegen ganz anders aus. Vor allem Roboter haben viele Menschen ersetzt. Weil die Eltern von Iris etwa weit weg von zu Hause arbeiten, kümmert sich der – durchaus sehr einfühlsame – Nanny-Roboter Mikki um sie und ihren jüngeren Bruder. Nur virtuell sind ihre Eltern anwesend – als Hologramme. Auch in der Schule gibt es keine Lehrer aus Fleisch und Blut mehr, sondern nur noch Maschinen und computergenerierte Lernräume. Wenngleich der Film den technologischen Fortschritt zuspitzt, so erscheint diese Zukunftsvision doch auch seltsam unangenehm. Sie wirkt glaubwürdig, weil sie nur ein klein wenig zu weit geht und vieles Vertraute beibehält. Auf urbane dystopische Städte, wie sie aus anderen Science Fiction-Filmen bekannt sind, kann „Arco“ verzichten. Seine Dystopie spielt in einer Vorstadtsiedlung. Und auch die nahende Bedrohung ist nicht aus der Luft gegriffen: Ein gewaltiges Feuer droht bald alles zu vernichten.
Was so dramatisch klingt, erzählt Ugo Bienvenu, der sich zuvor in Frankreich als Comic-Autor und -Illustrator einen Namen gemacht hat, überraschend ruhig. Er konzentriert sich in seinem traditionell handgezeichneten Trickfilm ganz auf seine kindlichen Hauptfiguren, die sich miteinander anfreunden und ähnliche Erfahrungen teilen: Beide leiden unter der Abwesenheit ihrer Eltern. Die Eltern-Hologramme sind nur eine Illusion von Nähe, während Arcos Eltern in einer anderen Zeit leben. So verbünden sich die Kinder, um Arco wieder zurück in die Zukunft zu schicken – was gar nicht so einfach ist, weil er beim Aufprall einen dafür wichtigen Diamanten verloren hat und sich zudem drei merkwürdige erwachsene Brüder an seine Fersen heften.
Schlichte Gut- und Böse-Muster gibt es trotzdem nicht in „Arco“. Vielmehr erzählt der Film über Träume und Sehnsüchte und schlägt nicht selten einen melancholischen Tonfall an. Damit steht er den Filmen von Hayao Miyazaki nahe, an die er sich auch ästhetisch anlehnt. Während die Figuren abstrakt und flächig sind, wurden die Hintergrundbilder sehr detailliert gestaltet und suggerieren Tiefe. Vor allem für die Darstellung der Natur ist das wichtig, soll deren Schönheit doch greifbar werden.
So wirkt „Arco“ insbesondere durch seine Stimmung und durch die Bilder – und durch eine Haltung, die beinahe schon aus der Zeit gefallen anmutet: Bienvenu will Hoffnung spenden. Im Film sind es die Kinder, deren Perspektive er in den Mittelpunkt stellt. Arco inspiriert und ermutigt Iris. Iris traut sich zu träumen und schöpft daraus die Kraft zur Veränderung. Damit wird „Arco“ doch noch zu einer großen Geschichte, die ihre einfache Botschaft ganz ernst nimmt: Alles wird gut. Irgendwann.
Stefan Stiletto
Arco - Frankreich 2025, Regie: Ugo Bienvenu, Kinostart: 09.04.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 88 Min., Buch: Ugo Bienvenu, Félix de Givry, Musik: Arnaud Toulon, Schnitt: Nathan Jacquard, Produktion: Félix de Givry, Sophie Mas, Natalie Portman, Ugo Bienvenu, Verleih: Wild Bunch.
