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Nawi – Dear Future Me

Im Kino: Nawi will nach Nairobi, doch ihr Vater will sie verheiraten. Die 13‑Jährige setzt alles daran, ihre Zukunft selbst zu bestimmen.

Nawi wächst in einem kleinen Dorf in Nordkenia in der Region Turkana auf, in der das Leben noch stark von alten, streng patriarchalen Stammestraditionen bestimmt wird. Navis Vater Eree ist mit drei Frauen verheiratet. Rosemary, Nawis leibliche Mutter, ist aktuell schwanger. Nawis engster Freund und zugleich Vertrauter ist ihr Bruder Joel. Dieser fährt sie manchmal mit dem Fahrrad zur Schule, auch an einem ganz besonderen Morgen, dem Tag ihrer Abschlussprüfungen.

Nawi ist außerordentlich begabt. Als eines der wenigen Mädchen ihres Dorfes, das die Grundschule besucht, macht sie ihren Abschluss als Klassenbeste. Sogar eine TV-Station berichtet davon. Die Bestnoten ermöglichen ihr den Besuch einer weiterführenden Schule im fernen Nairobi. Nawi ist überglücklich und malt sich in ihren Träumen aus, was sie später einmal alles beruflich machen könnte, hat das Gefühl, dass ihr die ganze Welt offensteht. Doch ihr hochverschuldeter Vater hat andere Pläne: Er verkauft Nawi an den wohlhabenden, um viele Jahre älteren Fremden Shadrack, der für sie einen hohen Brautpreis von etlichen Schafen, Ziegen und Kamelen bietet. Nawi fällt aus allen Wolken. Vergeblich versucht ihre leibliche Mutter, ihren Mann umzustimmen. Und selbst Nawis engagierte Lehrerin, die in der Vergangenheit bereits einen anderen Vater wegen Zwangsheirat ins Gefängnis gebracht hatte, kann es nicht verhindern. Die Hochzeit wird gegen Nawis Willen vollzogen.

Dank einer reißenden Springflut gelingt Nawi kurz danach die Flucht. Wochenlang versteckt sie sich auf einer Insel, wo sie den dort lebenden Kindern Unterricht erteilt. Als sie von „ihrem Mann“ verfolgt und von der eigenen Familie aufgespürt wird, erfährt sie, dass ihre gerade erst auf die Welt gekommene Schwester ihren Platz als „Ehefrau“ einnehmen soll. Daraufhin trifft Nawi eine folgenschwere Entscheidung.

„Nawi – Dear Future Me“ beruht auf einer Geschichte der kenianischen Teenager-Beraterin Milcah Cherotich, die eine wahre Begebenheit, das Schicksal ihrer älteren Schwester, aufgreift. Bei einem von den Deutschen Kevin und Toby Schmutzler ausgeschriebenen Schreibwettbewerb wurde Cherotichs Werk preisgekrönt. Die Schmutzlers haben nun gemeinsam mit ihr das Buch für diesen Film geschrieben. Bei der Regie haben sich die Brüder die Kenianerinnen Vallentine Chelluget und Apuu Mourine mit ins Boot geholt. 

Ihr Film wird ganz aus der Perspektive von Nawi erzählt, zeigt ihre Freude und Hoffnung auf ein besseres Leben. Ebenso ihren Mut, sich gegen die alten Traditionen und die Regeln der Männer im Dorf aufzulehnen. Ihre Ängste bei der Hochzeit, die sie wie in einem Wattebausch nur undeutlich wahrnimmt. In Nawis tagebuchartigen Nachrichten an ihr „zukünftiges Ich“, die als Voice over eingebettet sind, werden viele Selbstzweifel, aber auch sehr reife Reflexionen über Schuld und Verantwortung für sich und für ihre Familie sichtbar. Hauptdarstellerin Michelle Lemuya Ikeny, die an einer Schule in Kenia gecastet worden ist, meistert diese schwierige Rolle mit Bravour. Sie wurde dafür auf dem Africa International Film Festival (AFRIFF) als Beste Darstellerin ausgezeichnet.

„Ich bin acht Kamele, 60 Schafe und 100 Ziegen“, schreibt Nawi in ihr Schulheft. Und hält die bittere Erkenntnis fest, dass das Schicksal als Mädchen und Frau fremdbestimmt, als Ware gehandelt zu werden, absolut kein Einzelfall ist. Trotz offiziellem staatlichem Verbot wird in Kenia jedes vierte minderjährige Mädchen zwangsverheiratet. Weltweit sind es gar 640 Millionen Kinderbräute – im 21. Jahrhundert.

Wichtig zu erwähnen ist in diesem Kontext auch, dass Turkana eine der ärmsten und am stärksten marginalisierten Regionen Kenias ist. Diese besonderen Bedingungen führen dazu, dass gewaltvolle Traditionen wie Zwangsverheiratungen häufiger vorkommen als im kenianischen Durchschnitt. Figuren wie Nawi und ihre Lehrerin stehen für Menschen, die in Turkana Widerstand leisten. Zugleich macht der Film aber auch deutlich, dass dort immer noch zu viele Menschen an überkommenen Strukturen festhalten. Diese werden die starke und mutige Nawi zu einem zwar selbstbestimmten, jedoch auch selbstzerstörerischen Akt zwingen.

Angestoßen von den kenianischen Nichtregierungsorganisationen „Girls Not Brides“ und „Learning Lions“ setzt sich „Nawi – Dear Future Me“ für mehr Chancengleichheit und Bildungschancen insbesondere für Mädchen und die konsequente Durchsetzung des Verbots von Kinderehen ein. Die hehren Motive und die wichtige Botschaft der deutsch-kenianischen Koproduktion sind unumstritten, auch wenn sie mitunter etwas allzu didaktisch verpackt ist.

Nawis Schicksal ist zum Glück emotional so anrührend und ergreifend erzählt, dass die Didaktik nie die Oberhand gewinnt. Der Mix aus Coming-of-Age-Geschichte und Roadmovie wartet schließlich nicht nur mit vielen unvorhersehbaren Wendungen, sondern auch mit einem hoffnungsvollen, in die Zukunft weisenden Ende auf.

Holger Twele

© Filmperlen
14+
Spielfilm

Kenia, Deutschland 2024, Regie: Kevin Schmutzler, Toby Schmutzler, Vallentine Chelluget, Apuu Mourine, Kinostart: 05.03.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 99 Min., Buch: Milcah Cherotich, Kevin Schmutzler, Toby Schmutzler, Kamera: Klaus Kneist, Renata Mwende, Musik: Amadeus Indetzki, Apuu Mourine, Ton: Roman Pogorzelski, Schnitt: Tobias Schmutzler, Produktion: FilmCrew Media GmbH, Startup Lions Assets Kenya Ltd. & Baobab Pictures GmbH, Verleih: Filmperlen, Besetzung: Michelle Lemuya Ikeny (Nawi), Joel Liwan (Joel), Ochungo Benson (Nawis Vater), Ben Tekee (Shadrack), Michelle Chebet Tiren (Nawis leibliche Mutter), Nungo Marrianne Akinyi (Mutter 2) u. a.

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