DJ Ahmet
Im Kino: Die Beats donnern, die Schafe blöken. Und mittendrin Ahmet und Aya, die sich gegen die Vorstellungen ihrer Väter behaupten müssen.
Da draußen ist etwas. Ahmet hört genauer hin. Da liegt etwas anderes in der Luft als das, was sonst zu hören ist. Unter das gelegentliche Blöken der Schafe und die üblichen Nachtgeräusche mischt sich ein dumpfes Hämmern. Ahmet steht auf, sieht noch einmal nach den Schafen, die er hüten muss, packt seine Stirnlampe und macht sich auf den Weg in Richtung des kleinen Wäldchens inmitten der nordmazedonischen Hügellandschaft. Je näher er kommt, desto lauter werden die Geräusche. Hämmernde Beats. Auf einer kleinen Lichtung im Wald wird ein Rave gefeiert. Zuckende Lichter, zuckende Körper, auf kleinstem Fleck so viel mehr junge Menschen, als man in dieser Gegend an manchen Tagen sieht. Ahmet liebt elektronische Musik. Staunend beginnt auch er sich zu bewegen, wobei sein Blick besonders auf ein Mädchen fällt: auf Aya, die Enkelin einer Nachbarin, die lange in Deutschland gelebt hat und nun von ihrem Vater nach Hause beordert wurde. Als sie ihm am Mittag zugewunken hatte, war Ahmet einfach weggelaufen. Auch jetzt wird sich Ahmet noch einmal lächerlich machen. Denn auf einmal tauchen blökende Schafe, die aus Ahmets Hof ausgebüxt sind, inmitten der tanzenden Menge auf. Und Ahmet hat alle Arbeit damit, sie wieder einzufangen. Die Beats donnern, die Schafe blöken, die Raver amüsieren sich. Und für Ahmet ist die Party vorbei.
Mit Witz und Humor fängt Georgi M. Unkovski in dieser Szene ein, zwischen welchen Eckpunkten sich das Leben des 15-jährigen Ahmet bewegt. Auf der einen Seite ist da die traditionell geprägte Welt: Muezzinrufe aus der Moschee strukturieren den Tagesablauf, er lebt mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder in einfachen Verhältnissen in einer Hütte in den Bergen, von der Schule wird Ahmet befreit, um seinem Vater mit den Tieren zu helfen. Auf der anderen Seite bricht sich die moderne Welt immer mehr Bahn und beginnt, den Alltag der Menschen zu beeinflussen. Über TikTok wird Ahmet ungewollt zum Star, als die Aufnahmen der Schafe bei dem Rave viral gehen, ritualisierte Treffen einer Frauengruppe werden unterbrochen, weil die neueste Staffel einer Serie anläuft, sogar die Lautsprecheranlage der Moschee wird künftig über einen PC mit einer Gebete-Playlist gefüttert (was den Muezzin offensichtlich überfordert). Ahmet wird gar zum DJ, als er einen alten Traktor mit ein paar Lautsprechern ausstattet – um damit Aya zu unterstützen, die mit ein paar anderen Mädchen heimlich eine Tanzperformance für das anstehende Dorffest einstudiert. Mit Aya rückt zudem ein ganz anderer, sehr existenzieller Konflikt zwischen Tradition und Moderne in den Mittelpunkt des Films. Denn Aya soll mit einem Mann, den sie nicht kennt, zwangsverheiratet werden.
„DJ Ahmet“ ist ebenso Komödie wie Drama und Coming-of-Age-Film. Was die Schicksale von Ahmet und Aya verbindet, ist ihre Rebellion gegen die Väter. Im Fall von Ahmet ist das noch vergleichsweise harmlos. Er wünscht sich einfach mehr Freiheit, während der Vater seine Mithilfe auf dem Hof fordert – die er umso dringender benötigt, seitdem Ahmets Mutter gestorben ist. Im Fall von Aya ist der Widerstand ungleich existenzieller, weil es hier nicht nur um Unterstützung oder Verantwortung geht, sondern ganz grundsätzlich um persönliche Freiheit. Doch dem Film gelingt es, auch diesen tiefgreifenden Konflikt mit Humor zu erzählen. Aya widerspricht nicht mit Worten, sondern mit Taten, öffentlich noch dazu. Sie zeigt allen, was sie will. Und dabei erweist sich die Gesellschaft in der ländlichen Gegend in Bezug auf arrangierte Ehen (und auch ganz allgemein) keineswegs so eindimensional traditionsbewusst, wie man zunächst befürchten könnte. Es sind einzelne, die hier an überkommenen Traditionen festhalten; Alter und Geschlecht spielen dabei keine Rolle.
Bemerkenswert ist die ungeheure Wärme, die der Film ausstrahlt. Mit liebevollem Blick beobachtet der Regisseur das Leben der Menschen in der Region, lässt augenzwinkernd Gegensätze aufeinanderprallen und erzählt, was dann passiert. Unterdessen liegt das weiche Licht der Morgen- oder Abendstunden auf den Feldern und Hügeln, was immer wieder einen sehr sinnlichen Eindruck der Region vermittelt. Schön ist es dort, wenngleich auch karger und rauer als anderswo. Aber die Sehnsüchte der jungen Menschen sind doch gleich. Zum Kitsch allerdings wird „DJ Ahmet“ nie. Er hat den Mut, am Ende nicht alle Probleme zum kitten, und lässt Raum zum Nachdenken. Und Raum für ein rot gefärbtes Schaf, das äußerlich ein bisschen anders ist als die anderen, aber genauso Teil der Herde.
Stefan Stiletto
Nordmazedonien, Tschechien, Serbien, Kroatien 2025, Regie: Georgi M. Unkovski, Kinostart: 19.03.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 13 Jahren, Laufzeit: 99 Min., Buch: Georgi M. Unkovski, Kamera: Naum Doksevski, Musik: Alen Sinkauz, Nenad Sinkauz, Ton: Miroslav Červená Chaloupka, Ludvik K. Bohadlo, Schnitt: Michal Reich, Produktion: Ivan Unkovski, Ivana Shekutkoska, Verleih: Neue Visionen, Besetzung: Arif Jakup (Ahmet), Agush Agushev (Naim), Dora Akan Zlatanova (Aya), Aksel Mehmet (Ahmets Vater), Atila Klince (Muezzin) u.a.
