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Die Schatzsuche im Blaumeisental

Im Kino: Lucie reist aufs Land und erlebt in diesem wunderschönen Legetrickfilm einen aufregenden Sommer voller Abenteuer.

Legetrickanimationen findet man normalerweise vor allem in der praktischen Filmarbeit mit Kindern, eignet sich diese Technik doch perfekt, um schnell zu Ergebnissen zu kommen und dabei spielerisch zu erfahren, wie Animationen funktionieren (und wie aufwändig sie zugleich sind). Ausschnitte aus Papier oder andere flache Materialien werden fotografiert. Ein wenig bewegt. Wieder fotografiert. Auf der zweidimensionalen Ebene entsteht der Eindruck einer Bewegung. In professionellen Produktionen jedoch, zumal in Langfilmen, spielt der Legetrick im Grunde keine Rolle. Mit Bewunderung wird zwar auf die filigranen Scherenschnittanimationen von Lotte Reiniger zurückgeblickt – „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1926) wird 2026 100 Jahre alt –, mit Schmunzeln auf die Pilotfolge von „South Park“ (Trey Parker, Matt Stone, 1997) (die einzige nicht-digitale Episode der Serie), zuletzt hat Michel Gondry betont improvisierend und unperfekt in seinen beiden „Maya, donne moi un titre“-Filmen (2024/2025) zu Schere und Tonpapier gegriffen – aber im Großen und Ganzen scheint die Animationstechnik für das Gegenwartskino dann doch zu einfach oder zu kindisch zu sein.

Und dann kommt plötzlich ein Film wie „Die Schatzsuche im Blaumeisental“ – und man reibt sich verwundert die Augen. Sieht aus wie ein Legetrick. Aber ahmt da jemand nicht nur mit digitalen Mitteln eine analoge Technik nach – so wie die „Lego Movie“-Filme (Phil Lord, Christopher Miller, 2014 und Mike Mitchell, 2019) keine echten Objektanimationen, sondern fotorealistische CGI-Animationen waren? Denn wenn die Figuren im Film von Antoine Lanciaux ihre Köpfe bewegen, dann blicken sie nicht nur im ersten Bild in die eine Richtung und im nächsten in die andere. Sie scheinen die Köpfe wirklich zu drehen! Rundherum! Und tatsächlich: Hier wurde auf digitale Zwischenbildberechnungen verzichtet. Alles, was zu sehen ist, wurde mit Hand ausgeschnitten und mit Hand animiert. So real und dreidimensional wirkt das, weil nicht nur Seitenansichten, sondern eben auch Dreiviertelansichten mitbedacht wurden – und das Ergebnis hat nichts mehr von dem rauen Charme eines Kinder-Legetricks. „Die Schatzsuche im Blaumeisental“ hat die Animationstechnik perfektioniert und trägt doch im Kern die Wärme und Haptik des Handgemachten und Greifbaren in sich und verweist auf die Kinderkultur. Es ist ein Film zum Eintauchen. Und zu erzählen hat er dabei auch noch etwas.

Während der Sommerferien reist Lucie aufs Land, in den Heimatort ihrer Mutter. Gemeinsam mit einem älteren Kollegen erforscht die Archäologin dort gerade Ausgrabungen rund um eine alte Burgruine. Kaum angekommen, muss Lucie sich jedoch erst einmal um ein verletztes Dachsjunges kümmern. Und dann ist da noch die Sache mit dem Mühlenbrand. Früher lebte Lucies Mutter mit ihren Eltern in der alten Mühle. Doch dann wurde diese bei einem Brand zerstört – und Lucies Großvater verschwand kurz danach. Noch immer lasten die Erinnerungen schwer auf Lucies Mutter. Je mehr Lucie über die Geschichte der Burgruine erfährt, die während des Zweiten Weltkriegs ebenfalls niedergebrannt wurde, desto mehr Verbindungen tun sich zu ihrer eigenen Familiengeschichte auf.

Mit jeder Szene wird die Handlung komplexer, mit jeder Szene tun sich mehr Verbindungslinien zwischen den einzelnen Schauplätzen und Figuren auf. Überfordernd aber wird das nicht, weil Antoine Lanciaux nicht auf Hektik setzt oder äußere Spannungsmomente, sondern auf Ruhe, stille Beobachtungen und Humor. Überall gibt es etwas zu entdecken, überall fleuchen und kreuchen Tiere durchs Bild, mal eine Dachsfamilie, mal eine Eule, mal ein Igel, mal eine freche Gans – und eben die titelgebenden Blaumeisen. Sie alle tragen dazu bei (und damit dem ebenfalls sehr schönen „Nina und das Geheimnis des Igels“ von Alain Gagnol und Jean-Loup Felicioli ganz ähnlich), diese Welt lebendiger und plastischer wirken zu lassen, über der die wunderbar-warme Stimmung eines tollen Sommers liegt.

Der Film hat den Mut, Kindern nicht alles zu erklären. Mal ist von der Résistance die Rede, mal von einer Racheaktion an dieser, dann wieder entdecken die Kinder Orte, die einfach so schön sind, ohne dass deren Ursprung oder Bedeutung exakt geklärt werden müsste. Wer möchte, kann später nachfragen. Wer nicht möchte, wird sich dennoch nicht in der Geschichte verlieren.

Zur Seite steht der neunjährigen Lucie, die als neugierige und empathische Protagonistin eine ganz alltagsnahe Identifikationsfigur für Kinder ist, in diesen Tagen der etwas ältere Yann, der sie stets begleitet und ihr auch von dem geheimnisvoller alten Mann erzählt, den alle nur „Zauberer“ nennen und der allein in einem alten Wohnwagen im Wald lebt. Doch Schurken gibt es in diesem Film nicht, zumindest nicht in der Gegenwart.

„Die Schatzsuche im Blaumeisental“ ist wie so viele Kinderfilme ein sommerlicher Abenteuerfilm, voller kleiner und großer Geheimnisse, der konsequent aus der Sicht der Kinder erzählt wird. Nur Schätze aus Gold gibt es hier nicht. Was Lucie am Ende findet, ist viel mehr wert.

Stefan Stiletto

 

© Luftkind
7+
Animation

Le secret des mésonges - Frankreich, Belgien 2025, Regie: Antoine Lanciaux, Kinostart: 26.03.2026, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 7 Jahren, Laufzeit: 77 Min., Buch: Antoine Lanciaux, Pierre-Luc Granjon, Kamera: Sara Sponga, Musik: Didier Falk, Schnitt: Hervé Guichard, Produktion: Reginald de Guillebon, Folimage, Les Armateurs, Verleih: Luftkind.

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