Das geheime Stockwerk
Im Kino: Das Zeitreise-Abenteuer schickt einen 12-Jährigen von heute ins Jahr 1938, wo er die Schrecken des Nationalsozialismus miterlebt.
Mit einem Fahrstuhl bewegt man sich gewöhnlich von unten nach oben oder umgekehrt. In „Das geheime Stockwerk“ übernimmt ein solcher aber nicht nur die Bewegungen im Raum, sondern auch diejenigen in der Zeit: Er wird zur Zeitreisemaschine für einen Zwölfjährigen, der noch nicht viel über Nationalsozialismus und Holocaust weiß, nun aber zwischen dem Jahr 1938 und der Gegenwart hin- und herpendelt und mit vielen Fragen von diesen Reisen zurückkommt.
Die Eltern des Jungen haben ein ehemaliges Grandhotel in den österreichischen Alpen gekauft und renovieren das Gebäude in den Sommerferien. Karli hadert mit dem Umzug und der Fremde ohne seine alten Freunde, soll mithelfen, will aber eigentlich lieber Ferien haben und ahnt nicht, dass er bald ein großes Abenteuer erleben wird. Kurz darauf bleibt er im altersschwachen Lastenaufzug stecken, haut aus Panik mit der Faust dagegen, fährt weiter und landet schließlich wie auf fantastische Weise in einer früheren Zeit, als das Haus noch ein nobles Etablissement ist und unterschiedliche Gäste willkommen heißt, eine angesehene Nazi-Familie ebenso wie einen jüdischen Verleger, dessen Zeitung gerade vom NS-Regime eingestellt worden war, und dessen Tochter. Staunend bewegt sich Karli durch die Wirtschaftsräume bis zur Rezeption, greift nach einer Zeitung und wirft einen Blick auf das Datum: Es ist der Juni 1938, drei Monate nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland und fünf Monate vor den Novemberprogromen.
Der Junge aus dem 21. Jahrhundert fällt in der Eingangshalle vor allem den Kindern auf, dem jungen Schuhputzer Georg und der gleichaltrigen Jüdin Hannah. Er freundet sich mit beiden an, die Söhne des Nazis Hartwig dagegen trauen dem seltsam gekleideten Neuankömmling nicht, sind jedoch scheinbar ohnehin darauf getrimmt, die Menschen um sich herum argwöhnisch zu beobachten. Als ein Diebstahl gemeldet wird, legen sich alle Kinder auf die Lauer, um den Fall zu lösen und gleichzeitig weitere geheime Vorgänge im Hotel aufzudecken.
Während die Krimi-Handlung mit raffinierten Plot-Points überrascht, holpern die Mechanismen und Erklärungen der Zeitreise bisweilen ein wenig, was jedoch nicht stört, wenn man sich auf das Gedankenexperiments des Films einlässt. Denn dieser vermittelt aus der Perspektive des Zwölfjährigen einen wirkungsvollen Blick in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und lässt deren Stimmung sowie Karlis Erleben und Emotionen nachfühlen. Das ist das große Verdienst des Films: Er erzählt nicht einfach nur eine Geschichte, die in den 1930er Jahren spielt, sondern macht sie für Kinder und Jugendliche von heute nachvollziehbar.
Der Junge mit Hoodie, Sneakers und dem Handy in der Hosentasche wird zur Identifikationsfigur für das junge Kinopublikum. Er ist es, der in der anderen Zeit – wie in einem fremden Land – beobachtet, Fragen stellt, verstehen will: Warum wird Hannah, aber auch Georg so viel Unrecht entgegengebracht? Warum soll das Mädchen aus ihrer Heimat, die sie liebt, fliehen? Warum muss sie, ein höfliches, freundliches, hilfsbereites, ganz normales Mädchen, um ihr Leben fürchten? „Das geheime Stockwerk“ bringt die Schrecken des Nazi-Regimes nicht im Bild auf die Leinwand, sondern vermittelt vor allem über das Erzählen: Er macht Antisemitismus über die erzählten Erfahrungen von Hannah oder auch durch Georgs unbekümmerte Aussagen deutlich.
Karli wird von Silas John authentisch gespielt, auch die Kinderfiguren sind hervorragend besetzt, allen voran Hannah mit der einnehmenden Annika Benzin, die in ihrer ersten Filmrolle zu sehen ist, und Georg, gespielt vom erfahreneren Maximilian Reinwald, der beim Goldenen Spatz verdient mit dem Darstellerpreis für die Rolle ausgezeichnet wurde. Aber auch Konstantin Horn als Heinrich erreicht wie Benzin durch Sprache, Körperspannung und Mimik eine überzeugende Darstellung seiner Figur, auch wenn diese etwas plakativ als „böse“ konzipiert ist.
Gerade an der Zeichnung der Figuren, die dem nationalsozialistischen Regime nahestehen, haben die Macher*innen etwas gespart: Die Nazi-Familie Hartwig ist etwas eindimensional geraten, hier würde man gerne etwas tiefer blicken. Letztendlich aber liegt der Fokus auf der Freundschaft zwischen Karli und dem jüdischen Mädchen, das seit jeher Ausgrenzung erfahren hat und auch während ihres Aufenthalts im Hotel immer wieder von den Hartwig-Jungen drangsaliert wie auch von Georg leichtfertig bewertet wird, auch wenn er feststellt: „Das sieht man ihr gar nicht an, dass sie Jüdin ist.“ – „Wie soll man denn sowas sehen können?“, will Karli daraufhin wissen. Er hat sich unvoreingenommen mit den Kindern angefreundet und eben keine Unterschiede zwischen ihnen gemacht; für ihn ist die Spaltung der Hotelgesellschaft zunächst ein Rätsel, das man ihm erklären muss. Die gesellschaftlichen Automatismen der Zeit werden durch seine Figur, die aus dem Außen kommt, aufgedeckt und sichtbar gemacht, was jemandem wie Georg hilft zu erkennen, dass das zeitgenössische Wertesystem durchaus hinterfragt werden kann.
In diesen kurzen Fragen und kleinen Gedanken liegt die Stärke des Films. Wenn Hotel-Pianist Bruno Karli in einem Moment fragt, wie es denn ausgehen werde mit den Nazis, mag Karli erst nicht recht antworten – er würde damit ja auch gegen das Raum-Zeit-Kontinuum verstoßen. Das erwachsene oder wissende Publikum aber beantwortet die Frage im Kopf natürlich sofort.
Verena Schmöller
Deutschland, Österreich, Luxemburg 2025, Regie: Norbert Lechner, Kinostart: 12.03.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 96 Min., Buch: Antonia Rothe-Liermann, Katrin Milhahn, Kamera: Daniela Knapp, Musik: Martin Unterberger, Ton: Hjalti Bager-Jonathansson, Schnitt: Lianne Kotte, Andreas Baltschun, Produktion: Norbert Lechner / Kevin Lee, Amour Fou, Verleih: farbfilm verleih GmbH, Besetzung: Silas John (Karli), Annika Benzin (Hannah), Maximilian Reinwald (Georg), Konstantin Horn (Heinrich), Tobias Resch (Bruno), Max Simonischek (Otto Hartwig) u. a.
