Jeunes mères – Junge Mütter
Im Kino: Dokumentarisch anmutendes Sozialdrama über Teenagermütter, die im Schutz eines Mutter-Kind-Heims für eine bessere Zukunft kämpfen.
Die hochschwangere junge Frau ist sichtlich nervös, wie sie da an der Haltestelle steht und sich versteckt, als der Bus ankommt. Die erwartete Person steigt nicht aus, die Enttäuschung ist übermächtig: Wieder einmal hat Jessica vergeblich auf eine erste Begegnung mit ihrer Mutter gehofft, auf eine Antwort darauf, warum diese sie als Baby weggegeben hatte.
Jessica ist eine der vier (werdenden), meist minderjährigen Mütter in der Mutter-Kind-Einrichtung, die im neuesten Sozialdrama der Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne porträtiert werden. Einer fünften jungen Mutter ist lediglich eine Szene gewidmet, in der sie verabschiedet wird und das Heim verlässt, glücklich mit einem Praktikumsplatz als Zugbegleiterin in der Tasche – so banal das klingt, ist es doch ein enormer Erfolg, dessen Bedeutung sich erst durch die Beispiele der anderen Protagonistinnen erschließt. Sie alle stammen aus prekären Verhältnissen, kennen Armut, Vernachlässigung, Gewalt, Drogensucht und mehr. Allen gemein ist der Wunsch, sich daraus zu befreien und es besser zu machen, in unterschiedlichen Lebensentwürfen, die das eigene Kind einschließen oder auch nicht. Ariane kämpft um Abstand zu ihrer labilen, alkoholkranken Mutter, die das Enkelkind als ihre persönliche zweite Chance versteht. Perla träumt vom eigenen kleinen Familienglück und ist blind dafür, dass der Kindsvater, frisch aus der Haft entlassen, weder daran noch an ihr Interesse hat. Die besten Aussichten hat wahrscheinlich Julie, die mit ihrem – wie sie drogenfreien – Partner Dylan das gemeinsame Kind aufziehen will und auf Wohnungssuche ist. Aber auch sie ist nicht gefeit vor Rückschlägen.
Charakteristisch für die Filme der belgischen Brüder Dardenne ist ihr sozialphilosophischer Ansatz, die feinfühlige Begegnung mit Menschen, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat, auf Augenhöhe und ohne zu (ver-)urteilen oder psychologisch zu analysieren. Das gilt auch für „Jeunes mères – Junge Mütter“, deren Protagonistinnen denselben sozialen Kosmos bevölkern wie etwa „Rosetta“ (1999), „Das Kind“ (2005) oder „Der Junge mit dem Fahrrad“ (2011) – und das nicht nur, weil sie alle in der belgischen Stadt Liège (Lüttich) angesiedelt sind. Diesmal konzentriert sich das Drama allerdings nicht auf eine einzelne Person. Das war ursprünglich vorgesehen, wurde aber nach den Recherchen in dem Lütticher Heim zugunsten der größeren Bandbreite mehrerer individueller Charaktere und Lebensgeschichten aufgegeben. Das funktioniert größtenteils, lässt aber auch die Handlung in ihre Einzelteile zerfallen. Stark ist der Film darin, den Kraftakt sichtbar zu machen, der nötig ist, um sich von alten Mustern und toxischen Beziehungen zu emanzipieren und diesen neuen Freiheitsstatus zu verteidigen. Auch die große Solidarität unter den jungen Frauen ist berührend. Nicht alle Figuren sind zwingend sympathisch gezeichnet, dennoch gelingt es, Interesse und Empathie für sie zu wecken. Im Mittelpunkt stehen ihre Entscheidungsfindungsprozesse, komplex, aber nicht auserzählt. Dafür gab es unter anderem in Cannes den Preis fürs Beste Drehbuch.
Wenig überraschend für einen Dardenne-Film ist sein dokumentarischer Charakter, sein naturalistischer visueller Stil mit Handkamera und langen Einstellungen, dem Dreh an realen Schauplätzen statt an nachgebauten Sets, der vollständige Verzicht auf künstliches Filmlicht und auf Filmmusik. Die jungen Darstellerinnen, zum Teil erstmalig vor der Kamera, sind so „lebensecht“, dass man ihnen das Schauspielen absprechen möchte. Man kann über lange Phasen tatsächlich vergessen, dass es sich um einen Spielfilm handelt – einfach großartig!
Wären da nicht die unendlich geduldigen und verständnisvollen, dazu in ausreichender Anzahl verfügbaren, kompetenten Sozialarbeiterinnen der Mutter-Kind-Einrichtung. Zwar lenken sie als Nebenfiguren nicht von den Protagonistinnen ab, doch wie sich diese stets vorbildlich um ihre Schützlinge kümmern, sie in der Babypflege anleiten und freundlich auf die Einhaltung der Regeln achten, wirkt insbesondere im Kontrast zur Härte der Realität außerhalb des Heims etwas zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht will das als Plädoyer oder als utopischer Entwurf verstanden werden? Das wäre allerdings ein Novum im Dardenne-Universum. Wenn ganz zum Schluss Klavierstücke gespielt werden, heiter zu einem düsteren Gedichttext, glaubt man zumindest an die Möglichkeit, alles könne tatsächlich gut werden.
Ulrike Seyffarth
Jeunes mères - Belgien, Frankreich 2025, Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Kinostart: 05.03.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 15 Jahren, Laufzeit: 106 Min., Buch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Kamera: Benoit Dervaux, Schnitt: Marie-Hélène Dozo, Produktion: Les Films du Fleuve u.a., Verleih: Wild Bunch Filmverleih / Central Filmverleih, Besetzung: Babette Verbeek (Jessica), Elsa Houben (Julie), Janaina Halloy Fokan (Ariane), Lucie Laruelle (Perla), Jeff Jacobs (Dylan), Samia Hilmi (Naïma) u.a.
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