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A Family

Entdeckt bei der Berlinale: Klug arrangiertes Familiendrama um die Scheidung der Eltern, das auf die verschiedenen Blickwinkel der Kinder fokussiert.

Nicht nur aus der Filmgeschichte weiß man: Wenn sich Eltern streiten, trennen oder gar bekriegen, dann leiden darunter vor allem die Kinder. Mees Peijnenburgs neuer Film jedoch bringt das derart eindrucksstark auf die Kinoleinwand, dass man dies nicht nur versteht, sondern auch als Erwachsener die Perspektive der Kinder nachfühlen kann.

Der 14-jährige Eli und die 16-jährige Nina sitzen – vermutlich nicht zum ersten Mal – vor einer Richterin und dürfen über ihre Gefühle sprechen, über ihre Sorgen und ihre Wünsche für die familiäre Zukunft nach der Scheidung der Eltern: Bei welchem Elternteil sie wohnen wollen, werden sie gefragt, ob es ihnen wichtig sei zusammenzubleiben oder ob sie auch – im Fall von abweichendem Bleibewunsch – voneinander getrennt werden könnten. Nina zuckt mit den Schultern, für sie spielt das gemeinsame Heim mit dem Bruder scheinbar keine große Rolle, für Eli aber schon.

Der Spielfilm begleitet die beiden Jugendlichen in den Tagen und Wochen danach. In zwei Teilen schildert er zunächst Ninas, dann Elis Perspektive und zeigt, wie sie jeweils die drei Wochen nach dem Treffen mit der Richterin erleben. Wiederholungen von Handlungssträngen haben immer eine effektvolle Wirkung auf das Publikum, da es dem Geschehen im ersten Durchlauf noch relativ unbedarft zusieht und erst verstehen lernt, noch viele Fragen hat, aber automatisch Wissen über die Figuren und die Geschichte sammelt. In der zweiten Version ist vieles schon klar, Situationen und so manche Reaktion einer Figur erwartbar, aber auch immer wieder überraschend. Mit diesem Mechanismus spielt auch „A Family“, wenn man entdeckt, wann Eli einem Gespräch zwischen der Mutter und Nina zuhört oder weshalb er mit Aggression auf seine Schwester zustürmt. Insbesondere das junge Publikum, das eine solche Erzählweise (noch) nicht kennt, wird durch diese immer wieder überrascht werden.

Abgesehen vom Wechsel der Blickwinkel ist jedoch allein die starke Perspektivierung im Film spannend. Durch viele Nah- und Großaufnahmen stehen die Gefühle der Kinder im Zentrum, die eindrücklich von den beiden Jungdarstellern gemimt werden. Immer wieder bleiben die Kinder auch dann im Fokus der Kamera, wenn das eigentliche Geschehen außerhalb des Bildrahmens stattfindet und nur auf der Tonebene zu hören ist: Wenn sich der Vater über die elfminütige Verspätung der Kinder beschwert und einen Streit vom Zaun bricht, den die Mutter provoziert hat und auf den sie sich schnell einlässt. Dann erlebt man auch als Erwachsener, welche große Wirkung selbst kleine Nebensätze und Sticheleien der Eltern auf die Wahrnehmung, das Erleben und die Haltung der Kinder haben. Den Kindern im Publikum mag das – wenn auch nicht in der im Film präsentierten Intensität der Auseinandersetzungen – bekannt vorkommen, denn welche Eltern streiten oder ‚diskutieren‘ nicht? Sowohl die Mutter als auch der Vater im Film kämpfen um ihre Kinder, um die Hoheit über das Fieberthermometer ebenso wie die Position der Kontaktperson der Trainerin, eben um die Anerkennung ihres Elterndaseins wie ihrer Elternliebe, doch sie zerstören sie sukzessive im Versuch, über den jeweils anderen zu triumphieren.

„A Family“ lässt aber auch in das Leben der Kinder über die familiäre Situation hinausblicken, wobei immer deutlich wird, dass die Geschehnisse zu Hause ihr Verhalten im Außen beeinflussen und mehr bewirken als das, was im Sorgerechtsstreit thematisiert wird. Nina, die beliebt bei Mitschülerinnen und Verwandten ist, erfährt im Haushalt ihrer Freundin, was Familie auch sein kann – und leidet gerade dadurch. Sie hat sich allerdings schon abgenabelt und lebt zwar ein schwieriges, aber selbstbestimmtes Leben. Eli hingegen ist mit seinen 14 Jahren noch nicht so gefestigt wie seine Schwester, verliert den Anschluss im Schwimmverein, weil die planmäßige Aufteilung zwischen den Eltern häufig mit den Terminen seiner Freunde kollidiert. Er versucht quasi, hinter den anderen herzuschwimmen, färbt sich die Haare, will mithalten, und bleibt doch zurück. Gerade für ihn wäre ein stabiler Rückhalt zu Hause so wichtig, und er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass alles wieder so werde wie früher.

Die Situation wird auch zur Probe für die Geschwisterbeziehung. Beide Kinder haben einen unterschiedlichen Blick auf ihren Kontakt zum jeweils anderen Geschwisterteil, lernen aber auch gerade in diesen herausfordernden Wochen neue Aspekte ihrer Situationen kennen und sich gegenseitig besser verstehen. Dies wird in kleinen Situationen, die jeweils aus der Sicht beider erzählt werden, deutlich: beim Familienfest ebenso wie im Streit mit der Mutter oder einem ausgelassenen Moment mit dem Vater. Die Geschwister erfahren, dass sie beide dieselbe Sehnsucht spüren: nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Verena Schmöller

Diese Kritik wurde im Rahmen der Berichterstattung über die Welturaufführung des Films bei Generation 14plus 2026 verfasst.

© Jasper Wolf
14+
Spielfilm

Niederlande, Belgien 2026, Regie: Mees Peijnenburg, Festivalstart: 15.02.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 89 Min., Buch: Bastiaan Kroeger, Mees Peijnenburg, Kamera: Jasper Wolf, Musik: Annelotte Coster, Ton: Arnout Colaert, Schnitt: Imre Reutelingsperger, Produktion: Iris Otten, Nathalie van der Burg, Sander van Meurs, Verleih: NN, Besetzung: Finn Vogels (Eli), Celeste Holsheimer (Nina), Carice van Houten (Mutter Maria), Pieter Embrechts (Vater Jacob)