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Atlas des Universums

Bei der Berlinale: Ein Junge auf der Suche nach einem zweiten Schuh findet viel mehr als das, was er sucht - er entdeckt seine eigene Stärke

Filip fliegt. Er sitzt mit seinen zehn Jahren das erste Mal in seinem Leben in einem Karussell und hebt ab. Seine Eltern können sich solche Extravaganzen gar nicht leisten, sie haben gerade genug Geld, damit er sich zum neuen Schuljahr neue Sportschuhe kaufen kann und die hat Filip sich gerade besorgt. Ganz alleine, denn sein Vater hat ihn auf halber Stecke von ihrem Dorf zur Stadt den weiten Fußweg alleine weiterziehen lassen. Der Schock ist groß, als Filip die Schuhe unterwegs anziehen will und er zwei rechte Sneakers in seinem Karton findet. Er macht sich also auf die Suche nach dem linken Schuh, denn ohne ein komplettes Paar traut er sich nicht zurück nach Hause. Der Verkäufer hatte ihm einen Tipp gegeben, wo der linke Schuh zu finden sei, weit weg im Ort Grebenișu, dahin ist es ein sehr langer Fußmarsch. Macht nichts, Filip schafft das schon.

Wir lernen Rumänien von der ländlichen Seite kennen. Eine archaische Landschaft mit Pferdekarren, brennenden Getreidefeldern, wenig Autoverkehr und einem streunenden Hund, der Filip den Weg versperrt. Das ist nicht die einzige Herausforderung. Er lernt Menschen kennen die ihm helfen und ihm den richtigen Weg beschreiben, erklären was es mit den Feuern auf den Feldern auf sich hat, ihm ein Fahrrad leihen, oder ihn warnen, nicht allein durch den Wald zu gehen. Er trifft aber auch auf Situationen bei denen er nicht genau weiß, ob sie ihm vielleicht gefährlich werden könnten, wie das Paar, das ihn im Auto mitnehmen will oder der blinde Mann im Wald, der seinen Esel beschimpft. Immer schafft es Filip, sich richtig zu entscheiden und seines Weges zu gehen. Und dann trifft er Edith, die mit ihrer Familie auf dem Jahrmarkt, der sich plötzlich vor ihm auftut, arbeitet. Sie können sich nicht verständigen, da Edith ungarisch spricht, aber es gelingt ihnen, ohne Worte miteinander zu kommunizieren. Sie lädt ihn auf eine Karussellfahrt ein und man sieht in seinem Gesicht das ganze Glück, das ihm der Flug durch die Luft bereitet. Von oben überblickt er das ganze Universum, das ihm zu Füßen liegt und seinen Radius beschreibt. In diesem Fall entdeckt er von oben auch seinen nächsten Fixpunkt, die goldene Kuppel der orthodoxen Kirche von Grebenișu die er als nächstes ansteuern muss. Ein wenig erinnert die Filmdramaturgie an ein Spiel, bei dem der Held sich von Station zu Station weiter zum Ziel durchschlagen und dabei immer neue Aufgaben meistern muss. Als beispielsweise der Hund Filip den Weg versperrt, setzt er sich einfach auf den Boden und wartet. Bis endlich ein freundlicher alter Herr vorbeiradelt und Filip am Hund vorbei lotst. Dass der Hund ihm dann folgt und sie gute Freunde werden ist eine schöne Wendung in der Geschichte und zeigt, dass man seine Furcht auch überwinden kann. Filip nennt ihn nach seinem Fußball-Idol Mbappé.

Mit „Atlas of the Universe“ hat Regisseur Paul Negoescu eine klassische Heldenreise als episches Roadmovie erzählt, mit einem Hauptdarsteller, der die Herzen der Zuschauer*innen berührt. Wir folgen ihm einen Tag lang, bis in die Nacht hinein und nie lässt Filip sich beirren, sondern bleibt bei seinem Plan, den anderen Schuh zu finden. Das wird nie langweilig, obwohl keine dramatischen Ereignisse passieren und mit langsamen und langen Einstellungen der Fokus vor allem auf Filips Weg durch die Landschaft liegt. Wir fiebern mit ihm mit und auch für uns ist die Natur, die er durchstreift, einzigartig. Es ist Spätsommer, das wissen wir nicht nur wegen der brennenden Stoppelfelder, sondern sehen es an der Lichtsetzung der Kamera und den gedämpften Farben, die Kamerafrau Ana Drăghici mit eigens gesetzten Filtern und ausgesuchter Kadrierung zu einer sehr speziellen Atmosphäre arrangiert hat. Auch der Klang der Musik, die leicht und behutsam den Gang der Geschichte kommentiert, unterstreicht ein flirrendes Sommergefühl. Das Ende der Jahreszeit markiert in diesem Coming of Age Film gleichzeitig einen Wendepunkt auf dem Weg zum Erwachsenwerden, fast wie ein Initiationsritual. Filip muss nur diesen Tag durchlaufen, aus dem er gestärkt und voller Energie hervor gehen wird. Mbappé ist gegen Abend plötzlich nicht mehr an seiner Seite, er war Filips Stütze und mit ihm konnte er die nächsten Schritte auf der Reise durchs Universum besprechen. Jetzt ist er überflüssig, Filip ist nun gestärkt genug, seinen Weg alleine fortzusetzen.

Katrin Hoffmann

 

© Pluto Film
8+
Spielfilm

Atlasul universului - Rumänien, Bulgarien 2026, Regie: Paul Negoescu, Festivalstart: 14.02.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 8 Jahren, Laufzeit: 85 Min., Buch: Paul Negoescu, Mihai Mincan, Kamera: Ana Drăghici, Schnitt: Mihai Codleanu, Musik: Marius Leftărache, Produktion: Radu Stancu, Ioana Lascăr, Besetzung: Matei Donciu (Filip), Johanna Mild (Edith), Călin Petru (Anton), Sofia Marinescu (Alexandra), Marin Grigore (Viorel)